Glosse : Drum prüfe, wer sich ständig scheidet
Der Haussegen hängt nach wenigen Monaten bereits schief in der Koalition. Doch wer jetzt nach dem Scheidungsanwalt ruft, sollte an die hässliche Alternative denken.
Die Scheidungsrate in Deutschland ist wieder am Steigen. Im vergangenen Jahr lag sie mit 37,04 Prozent um 1,3 Prozentpunkte höher als im Jahr 2023. Auf drei Hochzeiten kommt statistisch gesehen also mindestens eine Scheidung. Das unstete Liebesleben der Deutschen scheint auch auf die Politik abzufärben. Erlebte die Republik erst vor einem Jahr das vorzeitige Ende der unglücklichen Dreier-Liaison zwischen SPD, Grünen und FDP nebst einem unschönen Rosenkrieg in aller Öffentlichkeit, so wird bereits jetzt schon wieder über ein Ende der schwarz-roten Koalition gemunkelt. Der Haussegen hängt auf jeden Fall reichlich schief zwischen CDU/CSU und SPD.
Unions-Fraktionschef Jens Spahn kündigte erst kürzlich schon mal an, "mit denen" werde man "nicht gemeinsam sterben". Nun gilt die Formel "bis dass der Tod Euch scheidet" zwar eigentlich nur in der katholischen Kirche, aber bereits nach sechs Monaten mit dem Scheidungsanwalt zu drohen, ist dann doch wahrlich kein sonderlich liebevoller Umgang.
Koalitionen sind bekanntlich keine Liebeshochzeiten, sondern Vernunftehen. Aber mit der Vernunft scheint es auch nicht so weit her zu sein. Überhaupt hatte man von Anfang an den Eindruck, da haben sich zwei eher wegen des Geldes gefunden. Zumindest hat sich das Brautpaar noch vom alten Bundestag mit einer ordentlichen Aussteuer versorgen lassen, bevor die Ehe überhaupt vollzogen werden konnte. Und jetzt zoffen sie sich wegen der Altersvorsorge.
Mit Blick auf den aktuellen Heiratsmarkt sollten die Koalitionäre zusehen, ein wenig mehr Leidenschaft in ihre Beziehung zu bringen oder es mit einer Paartherapie versuchen. Denn das Modell mit ständig wechselnden Partnern mag zwar aufregend sein, ist aber sehr riskant. Da landet man ganz schnell mit einer hässlichen Alternative im Bett. Und wer will das schon?
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