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Vor 60 Jahren : Hightech-Jet oder "Witwenmacher"?

Der Starfighter galt als Prestigeobjekt der Bundeswehr - bis es zu zahlreichen tödlichen Zwischenfällen kam. Ende März 1966 thematisiert der Bundestag die Probleme.

19.03.2026
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2 Min

Zunächst galt er als Stolz der Bundeswehr und war ein Baustein der nuklearen Abschreckung im Kalten Krieg. Die Rede ist vom Lockheed F-104 G Starfighter, ein Kampfjet auf Hightech-Niveau, mit sechs Millionen D-Mark pro Stück die teuerste Waffe einer deutschen Armee seit dem Zweiten Weltkrieg. Doch nach zahlreichen tödlichen Zwischenfällen bekam er Spitznamen wie "Witwenmacher" oder "Sargfighter". Allein 1965 stürzten 27 Starfighter ab, 17 Piloten starben.

Foto: picture-alliance/ dpa

Im März 1971 stürzt der 130. Starfighters der Bundeswehr bei Syke in der Nähe von Bremen ab.

Ab Anfang 1966 wuchs sich das Thema zu einer politischen Affäre aus. Im Januar berichtete der Inspekteur der Luftwaffe, Werner Panitzki, im Verteidigungsausschuss von den Abstürzen, woraufhin eine Untersuchung eingeleitet wurde. Im selben Monat schrieb das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" unter anderem von schlechten Produktionsbedingungen beim US-Hersteller Lockheed, nicht ausgereifter Technik und Mangel an qualifiziertem Wartungspersonal. 

Am 24. März 1966 war die Kritik am Starfighter Thema im Bundestag. Dabei warf die SPD der Bundesregierung vor, die Augen zu verschließen und Probleme mit dem Starfighter vertuschen zu wollen. Dabei verwiesen die Sozialdemokraten etwa auf eine Anfrage ihrer Fraktion vom November 1964, die Hinweise auf Probleme bei der Luftwaffe hinterfragte. Die Fragestellungen seien aber lediglich in geheimer Sitzung im Verteidigungsausschuss erörtert worden.

Piloten zeigten sich überzeugt vom Waffensystem

Heinrich Draeger verteidigte dagegen als Berichterstatter des Ausschusses das Flugzeug: Es habe "keinerlei Anhaltspunkte dafür gegeben, dass dieses Waffensystem schlecht sei", so der CDU-Abgeordnete. Die Absturz- und Unfallursachen seien "von Fall zu Fall außerordentlich differenziert", erklärte Draeger. "Aus den verschiedenartigen Unfallursachen im menschlichen und im technischen Bereich geht keinesfalls hervor, dass es sich bei diesen Unfallursachen um für den Starfighter typische Angelegenheiten und Probleme handelt." Draeger sprach von "Unfallursachen, wie sie bei allen Jet-Flugzeugen in der Welt immer wieder vorkommen".

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Im Ausschuss hätten sich Piloten überzeugt von dem Waffensystem gezeigt. Es käme allerdings auf die Erfahrung an, meinte Draeger. Es habe sich nämlich gezeigt, dass "Piloten mit mehr als 2.000 Flugstunden" nur an zwei Prozent der Abstürze "aus Ursachen im menschlichen Bereich" beteiligt gewesen seien. Das belege, "dass dieses komplizierte Waffensystem mit hinreichender Erfahrung sehr wohl, auch in schwierigen Luftlagen, auch in Situationen, wo die Technik ausfallen sollte, zu beherrschen ist".

Von 916 beschafften Starfighter-Jets stürzten laut Bundeswehr 269 ab

Die Bundeswehr reagierte dennoch: Unter anderem ließ sie ihre Piloten mehr trainieren und warb zahlreiche Fachkräfte aus der zivilen Luftfahrt ab, um die Wartung der Kampfflugzeuge zu verbessern. Die Zahl der Abstürze sank und bewegt sich wenige Jahre später im internationalen Durchschnitt.

1976 geriet der Starfighter noch einmal in die Schlagzeilen. Dem früheren Verteidigungsminister Franz Josef Strauß (CSU), der den Starfighter-Deal abgeschlossen hatte, wird vorgeworfen, Schmiergeld von Lockheed erhalten zu haben. 1980 wies ein Untersuchungsausschuss den Vorwurf der Bestechlichkeit zurück. Der Starfighter wurde 1991 ausgemustert. Von 916 beschafften Jets stürzten laut Bundeswehr 269 ab, 116 Piloten kamen ums Leben.

Mehr zur Armee und ihrer Geschichte in unserem Dossier “70 Jahre Bundeswehr”

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