Parlamentarisches Profil : Vom Schwimmbecken in den Maschinenraum: Wiebke Esdar
Für die frühere Leistungsschwimmerin Wiebke Esdar zählt die Langstrecke: Und da sei die Koalition besser als ihr Ruf, findet die SPD-Fraktionsvize.
In ihrem früheren Leistungssport Schwimmen kann man sie sich gut vorstellen, wie sie mit dem Kopf voran springt und durchs Wasser pflügt, denn Wiebke Esdar, SPD, 42, aus Bielefeld, nutzt keine verbalen Umwege. "Zinsausgaben muss man immer im Verhältnis zur Wirtschaftsgröße sehen. Und im internationalen Vergleich sind unsere Zinsausgaben wirklich vertretbar. Das macht mir also keine Sorge", bescheidet sie die steigenden Zinsausgaben, auf die der Bund zusteuert.
Wiebke Esdar sitzt seit 2017 für die SPD im Bundestag. Als Vize-Fraktionsvorsitzende ist die promovierte Psychologin aus Bielefeld zuständig für Haushalt, Finanzen, Kultur, Medien und Forschung.
"Wichtiger ist, dass wir bei der Infrastruktur vorankommen und Wachstum generieren. Denn die positiven Effekte einer wachsenden Wirtschaft auf den Bundeshaushalt sind um einiges größer als die Zinszahlungen."
Die Finanzplanung beschäftigt den Bundestag dieser Tage intensiv
Es ist früher Mittwochabend, Esdar ist gerade von einer Ausschusssitzung wieder ins Büro geschlüpft, aber der Tag wird noch lange nicht enden. Besonders nicht in dieser Woche, in der die Finanzplanung der Regierung Thema der Stunde ist.
"Unsere Finanzplanung macht deutlich, wir stellen uns einer Modernisierung und wollen unser Land gerechter machen. Viele Menschen haben die Kosten der letzten Krisen deutlich gespürt." Das klingt nach einer Quadratur des Kreises, aber während man diesem Gedanken nachhängt, ist Esdar schon eine Viertelbahn enteilt.
„Das Klima in der Koalition ist davon geprägt, dass wir uns der Verantwortung bewusst sind.“
Seit sie in dieser Legislatur Vize-Fraktionsvorsitzende mit der Zuständigkeit für Haushalt, Finanzen, Kultur, Medien und Forschung geworden ist, hat Esdar viel auf dem Tisch. Und das auch noch als Sprecherin der Parlamentarischen Linken, die in der Union gewiss keinen Traumpartner sieht. Dennoch ihr Fazit: "Das Klima in der Koalition ist davon geprägt, dass wir uns der Verantwortung bewusst sind", sagt sie. Entsprechend sei man oft nicht einer Meinung, gehe aber konstruktiv und sachlich miteinander um. Was nach einer Worthülse klingt, wirkt echt, denn man merkt, wie sie am Telefon förmlich jubelt, als sie das Wort "Maschinenraum" hört. "Gut, dass Sie das sagen", ruft sie. "Wir haben bisher über hundert Gesetze verabschiedet und binnen neun Monaten zwei Haushalte verabschiedet." Das müsse man erstmal schaffen. “Auf fachpolitischer Ebene läuft es gut, eben reibungslos.”
Die Perspektive aus dem Maschinenraum ist offensichtlich eine andere als die aus einem deutschen Wohnzimmer. Fragt sich, wie man diese beiden miteinander verbindet.
Schon der Opa klebte für die SPD Wahlplakate
Esdar wuselte nicht schon als Teenager in der Schulpolitik oder organisierte Demos am laufenden Band. Der Schwimmsport hatte sie in seinem Bann. "So lange ich denken kann, sind wir mit der ganzen Familie zum Schwimmen gegangen - allesamt als Mitglieder des 1. Bielefelder Schwimmvereins 02", schreibt sie auf ihrer Website. Sie arbeitete zehn Jahre lang als Übungsleiterin für Kinder und Jugendliche, war Jugendwartin und stellvertretende Vereinsvorsitzende. "Mein Opa engagierte sich wohl in der Kommunalpolitik", holt sie aus ihrem Gedächtnis. "Er lagerte Plakate im Schweinestall, ich erinnere mich noch an den Kleister, den wir vorbereiteten." Dass er sich für die SPD ins Zeug legte, habe sie damals kaum auf dem Schirm gehabt, er starb, als sie klein war.
Jedenfalls regte sich ihr aktives politisches Interesse, als die Psychologiestudentin von einem Auslandssemester in Kanada nach Bielefeld zurückkehrte "und ich feststellte, dass die Uni dort viel studierendenfreundlicher gewesen war". Esdar zog ins Studierendenparlament ein - und dann ging es los. Juso-Chefin in Bielefeld und später Ratsmitglied. 2017 schließlich die Kandidatur für den Bundestag im Wahlkreis, den sie seitdem stets direkt gewann.
Und was macht eine promovierte Psychologin so im Bundestag? "Ich entschied mich damals fürs Studium, weil ich ergründen wollte, wie Menschen denken und fühlen", sagt sie. "Ich mag Menschen und arbeite gern mit ihnen." Daran hat es im politischen Berlin keinen Mangel. Außerdem sei Psychologie eine Naturwissenschaft, fügt sie hinzu, "es ging viel ums Lesen und Bewerten von Statistiken. Diese Fähigkeit hilft mir heute sehr."
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