Fünf Fragen an Christian Grothoff : "Die Abhängigkeit von Google und Apple bleibt"
Wenn der digitale Euro nicht als Open-Source-Projekt kommt, ist für die digitale Souveränität Europas wenig gewonnen, warnt der Informatik-Professor Grothoff.
#1
Herr Grothoff, Europa soll mit dem digitalen Euro unabhängig werden von außereuropäischen Konzernen. Wird das gelingen?
Die Abhängigkeit von Google und Apple bleibt, wenn der digitale Euro nicht konsequent als quelloffenes, freies Softwareprojekt, bei dem alle das Recht zur Innovation haben, angegangen wird. Denn wenn der digitale Euro wie in der Ausschreibung der Europäischen Zentralbank (EZB) nur für Google und Apple-Telefone verfügbar gemacht wird, dann würden die Konzerne weiterhin entscheidende Teile der technischen Infrastruktur, also insbesondere die proprietäre Hardware und Software der Smartphones, kontrollieren und durch den digitalen Euro ihre Machtposition verstärken. Das Versprechen der EZB, mit dem digitalen Euro könne offline, also ohne Internetverbindung, und zugleich vollständig anonym Geld transferiert werden, ist technisch nicht möglich, wenn zugleich höchste Anforderungen an die Sicherheit gestellt werden sollen. Es basiert auf der falschen Annahme, dass Kopierschutz technisch sicher und massentauglich umgesetzt werden kann. In der gegenwärtigen geopolitischen Situation und angesichts von ständigen Cyberattacken ist das keineswegs ein technisches Detail, sondern ein systemisches Risiko für den Euro und Europa.
#2
Wie kann sich Europa aus der Abhängigkeit von den US-Tech-Konzernen lösen?
Unser Unternehmen Taler Systems SA ist Teil eines Konsortiums, das eine Ausschreibung der EU-Kommission im Rahmen des Horizon-Programms gewonnen hat. Insgesamt stellt die EU für das Projekt 4,5 Millionen Euro bereit. Unsere Aufgabe besteht darin, im Rahmen der EU-Initiative "Next Generation Internet" (NGI) ein System für digitale Zahlungen zur Marktreife in der EU zu entwickeln, das auf der freien und quelloffenen Software GNU Taler basiert und damit auch ohne Lizenzgebühren in der Zukunft genutzt werden kann. Es funktioniert damit unabhängig von großen Digitalkonzernen. Ziel ist ein sicheres und elektronisches Zahlungssystem, das letztlich wie ein elektronischer Geldbeutel funktioniert. Dabei erfolgen die Zahlungen mit asymmetrischer Anonymität: Niemand kann überwachen, wer etwas bezahlt. Allerdings sieht der Betreiber, wer Geld empfängt. Das ist wünschenswert im Sinne der Verfolgung von Geldwäsche und Finanzkriminalität.
#3
Freie Software und Open-Source-Projekte sind aber doch auch risikobehaftet, wenn viele Entwickler mitmischen.
Auch bei freier Software gibt es Prozesse und Verantwortlichkeiten, inklusive Firmen, die haften. Wenn eine Entwicklergruppe oder -firma keine gute Arbeit leistet, kann sie durch eine andere ersetzt werden, die einfach die bestehende Entwicklung fortführt. Bei proprietärer Software, die von Firmenwie Google, Apple oder Microsoft stammt, sind die Nutzer auf Dauer abhängig vom gleichen Hersteller. Das ist bei quelloffener Software anders. Hier liegt die Codebasis offen, so dass jeder, der möchte, jede Änderung nachvollziehen kann. So lassen sich Probleme leicht entdecken und beheben.
#4
Was ist, wenn das Handy in die falschen Finger gerät oder der Computer gehackt wurde?
Mit dem Bezahlsystem GNU Taler wird elektronisches Geld in Eigenverwahrung auf dem lokalen Gerät des Besitzers gespeichert. Nur so ist datenschutzfreundliches Bezahlen denkbar. Wenn der Computer gehackt wurde, dann ist das so wie beim Verlust des Geldbeutels: Der Finder oder Dieb kann das darin enthaltene Geld stehlen. Deshalb ist unser digitales Geld auch nicht zur Wertaufbewahrung gedacht, sondern zum alltäglichen Zahlen. Wie viel jemand in seiner digitalen Geldbörse mit sich führt, ist eine individuelle Entscheidung, genauso wie die Frage, wieviel Bargeld man im Portemonnaie hat. Geld, welches man nicht besitzen will, kann man ja einer Bank leihen: Girokonten soll es ja weiterhin geben.
#5
In welchen Verhältnis steht die NGI-Initiative zum digitalen Euro der EZB?
Die GNU-Taler-Software ist verfügbar sowohl für private Banken als auch für Zentralbanken. Wenn die EZB die von unserem Konsortium entwickelte Technik nutzen würde, wäre das wesentlich billiger als die derzeit dort veranschlagten 1,3 Milliarden Euro an Entwicklungskosten für den digitalen Euro. Außerdem ist die GNU-Taler-Software nicht nur auf Mobiltelefonen mit den Betriebssystemen von Apple oder Google verwendbar, sondern auch auf anderen, ebenfalls quelloffenen Systemen wie den freien Mobiltelefon-Betriebssystemen Ubuntu Touch oder Graphene OS.
Im Rahmen der EU-Initiative Next Generation Internet (NGI) wird noch bis Ende 2026 ein Konsortium im EU-Programm "NGI TALER" gefördert, das die GNU-Taler-Software weiterentwickeln soll. Zu dem Konsortium gehören unter anderem auch die niederländische Eindhoven University of Technology, die deutsche GLS Bank und die ungarische Magnet Bank. Das Ziel des Konsortiums ist die Implementierung der GNU-Taler-Software in der Praxis. Anwender wie Banken können die im Rahmen des Projekts entwickelte freie Software ohne Lizenzgebühren nutzen und anpassen. Das ist das Prinzip von freier Software. Geschäftsmodelle von Unternehmen in diesem Bereich fußen meist darauf, Software im Auftrag der Nutzer weiterzuentwickeln oder zu warten. Allerdings sind die Nutzer nicht auf bestimmte Firmen als Dienstleister festgelegt.
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