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Die Stadt Bremen und das Weserstadion : Enge Bindung auf allen Ebenen

Fußball als Standortfaktor: Warum die öffentliche Hand in Stadien investiert und was ein Profiverein für eine Stadt bedeutet – am Beispiel des SV Werder Bremen.

11.03.2026
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4 Min

Wer Heimspiele des SV Werder Bremen im Weserstadion besucht, hört nicht nur die Kulthymne "Lebenslang Grün-Weiß". Irgendwann ertönt auch der Wechselgesang zwischen Ost- und Westkurve. "Werder" brüllen die einen, "Bremen" entgegnen die anderen. Wie an vielen anderen Bundesliga-Schauplätzen hat auch an diesem traditionsreichen Standort - Werder war viermal Deutscher Meister (zuletzt 2004), sechsmal Pokalsieger (zuletzt 2009) - die öffentliche Hand in das Fußballstadion investiert. Belegt durch das Konstrukt der Bremer Weserstadion GmbH (BWS), an der jeweils zur Hälfte der SV Werder und die Stadt Bremen beteiligt sind. 

Foto: picture alliance / osnapix

Ein Ausbau des Weser-Stadions auf 50.000 oder 60.000 Plätze ist derzeit weder finanziell noch bautechnisch möglich.

Kristina Vogt (Die Linke), Senatorin für Wirtschaft, Häfen und Transformation der Freien Hansestadt Bremen, ist stellvertretende Vorsitzende des Aufsichtsrats. Ihr muss niemand erklären, welche wichtige Rolle der SV Werder für die Stadt und die Menschen, für das Selbstwertgefühl und den Zusammenhalt spielt. Die in Münster geborene Politikerin zog es nach dem Abitur nach Bremen. Seit den 1980er-Jahren hat Vogt eine Dauerkarte, ihr Stammplatz ist im Oberrang der Ostkurve. Sie hat aus nächster Nähe miterlebt, wie sich die Spielstätte im Laufe der Zeit verändert hat.

Pläne sahen vor, das Weserstadion auf 50.000 Plätze zu vergrößern

Die Planungen für den letzten größeren Umbau mit weitreichenden finanziellen Verpflichtungen reichen bis ins Jahr 2008 zurück. In einer Phase sportlichen Erfolgs - Werder spielte regelmäßig in der Champions League - war eigentlich vorgesehen, die Kapazität auf 50.000 Plätze zu erhöhen. Der Bremer Senat hatte bereits zugestimmt, als die Vereinsführung angeblich wegen der erhöhten Stahlpreise einen Rückzieher machte. Kritiker halten das für einen Fehler, weil das Fassungsvermögen mit 42.100 Plätzen für das Interesse längst nicht mehr ausreichend ist. Zudem verschlang der Umbau mit einer Fassade aus Photovoltaik-Elementen auch ohne einen dritten Oberrang rund 80 Millionen Euro.

Die Stadt hat nur die Bürgschaft gestellt, die Rückzahlung erfolgt über den Verein durch die Stadionabgaben und Vermarktungserlöse wie den Verkauf der Namensrechte oder der Logeneinnahmen. Eines stellt Vogt klar: "Es gibt keine institutionelle Dauerförderung für den Stadionbetrieb." Aktuell müssen insgesamt noch rund 50 Millionen Euro an Verbindlichkeiten abgetragen werden.

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Die Stadt hat das Fußball-Aushängeschild wirtschaftlich in den letzten Jahren in Maßen unterstützt. Etwa für Sicherheitsmaßnahmen wie Ticketscanner (250.000 Euro), mit einem Gesellschafterdarlehen zur Umgestaltung des Gästeblocks (650.000 Euro) oder die Erneuerung des Hochwasserschutzes für Freiraum- und Landschaftsmaßnahmen außerhalb des Stadions (2,5 Millionen Euro), denn das Weserstadion liegt im Überflutungsgebiet der Pauliner Marsch.

Landeseigene Bank verhinderte mit 20-Millionen-Kredit Werders Insolvenz

Ein besonderer Schulterschluss kam in Corona-Zeiten zustande. Der SV Werder Bremen und der städtische Gesellschafter unterstützten die BWS mit jeweils 3,5 Millionen Euro als Kapitalerhöhung. Durch den Bundesliga-Abstieg 2021 und die pandemiebedingten Einnahmeausfälle drohte dem SV Werder tatsächlich die Insolvenz. Im Dezember 2020 half ein Kredit von 20 Millionen Euro dem Klub über den Engpass hinweg, abgesichert durch eine Ausfallbürgschaft der Bremer Aufbau-Bank GmbH (BAB) im Treuhandauftrag der Hansestadt Bremen.

Aus einer vom SV Werder in Auftrag gegebene Studie der Agentur Nielsen Sports geht hervor, dass nach der 2018 vorgenommenen Erhebung in einer Saison etwa 700.000 Besucher bei Heimspielen für Verzehr, Anreise und Übernachtung rund 15 Millionen Euro ausgegeben haben. Die TV-Präsenz entsprach einem crossmedialen Werbewert von 50 Millionen. Und 72 Prozent des Werbewerts der Stadt Bremen entfielen auf die Sichtbarkeit des SV Werder, der wertschöpfende Effekte von rund 319 Millionen Euro pro Saison erreichte.

Möglicher Abstieg ist im Wirtschaftsplan eingepreist

In dieser Saison kämpfen die Grün-Weißen erneut um den Klassenerhalt. "Die sportliche Situation ist frustrierend", räumt die 60-Jährige ein. Auch jetzt müsse ein möglicher Abstieg wieder mitgedacht werden, "wir werden in dem Wirtschaftsplan der BWS auch Szenarien für die zweite Liga berücksichtigen".

Das Weserstadion als Begrifflichkeit ist vielen Fans heilig, die wegen der Umbenennung von 2019 bis 2024 ins "Wohninvest Weserstadion" heftig protestierten. Drei Millionen Euro flossen jährlich dafür, ehe das schwäbische Immobilienunternehmen einen Insolvenzantrag stellen musste. Im Sommer 2025 kam ersatzweise ein Deal mit vier Firmen aus Werders Sponsorenpool zustande, die als "Flutlichtpartner" das Namensrecht bis 2030 erwarben, aber auf eine Umbenennung verzichteten.

Für Werder-Vorstandschef Klaus Filbry ist das Stadion in seiner heutigen Form Fluch und Segen zugleich. "Wir haben ein unfassbar schönes Stadion in Stadtlage", sagte Filbry dem Medienportal "Deichstube." Eine Aufstockung der Kapazität sei preislich jedoch unmöglich. Es könne nur noch in homöopathischen Dosen am Stadion gearbeitet werden. “Wir werden nicht darüber diskutieren, dass das Stadion 50.000 oder 60.000 Zuschauer fassen wird, weil das sowohl bautechnisch als auch wirtschaftlich nicht geht.”

Der Autor ist freier Sportjournalist.

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