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An Wochenenden strömen Tausende Fans in die Fußballstadien, um ihre Vereine anzufeuern. Für Wissenschaftler Harald Lange haben viele Themen der Fan- und Fußballforschung seismografische Funktionen für politische, kulturelle und gesellschaftliche Entwicklungen.

Glücksmomente in Fußballstadien : "Reiz der Kurve"

Der Fußballforscher Harald Lange untersucht, warum so viele Fans in die Stadien kommen und welche Auswirkungen der Volkssport Nummer Eins auf die Gesellschaft hat.

11.03.2026
True 2026-03-13T14:50:00.3600Z
8 Min

Herr Lange, sie leiten die Fan- und Fußballforschung an der Universität Würzburg. Woran arbeiten Sie genau?

Harald Lange: Wir befassen uns als Sportwissenschaftler mit trainings- und bewegungspädagogischen Themen. Dabei geht es nicht nur um Leistungssteigerungen, sondern auch darum, wie Sportler, Teams und Fans in der Gesellschaft situiert sind und welchen Stellenwert insbesondere der Publikums- und Leistungssport für die Gesellschaft hat. Fußball steht im Fokus, weil er die größte öffentliche Aufmerksamkeit genießt. Viele Themen der Fan- und Fußballforschung haben seismografische Funktionen für politische, kulturelle und gesellschaftliche Entwicklungen.

Fußball ist ein Massensport, Tausende Fans strömen in die Stadien. Haben Sie Erkenntnisse darüber, was das für Leute sind?

Harald Lange: Das ist ein Querschnitt der Gesellschaft, der im Stadion als homogene Gruppe mit gleichen Zielen und Interessen auftritt. Im Stadion werden Unterschiede in der sozialen Stellung für den Moment des Spiels verwischt, da sind alle gleich und orientieren sich am Ereignis, sie feiern ein Fußballfest. Das ist das Besondere, man könnte fast sagen mystische eines Stadionbesuchs. Dort leiden und freuen sich Fans gemeinsam. Die Menschen gehen im Fußballstadion miteinander um wie in keinem anderen Bereich unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens.

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Harald Lange
ist seit 2009 Professor für Sportwissenschaft an der Universität Würzburg. Er ist Gründer des Instituts für Fankultur e.V. und Dozent an der Trainerakademie des DOSB in Köln. Davor war er unter anderem als Professor für Sportpädagogik an einer Pädagogischen Hochschule und als Gastprofessor an der Universität Wien tätig.
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Woran liegt das? Ist Fußball weniger elitär als andere Sportarten?

Harald Lange: Auch im Fußball gibt es elitäre Bereiche, Stichwort VIP-Logen. Dort kann man gegen höhere Preise einen Platz bekommen und mehr oder weniger unter sich sein. Das wird aktiv genutzt, um Kontakte zu knüpfen, Geschäfte anzubahnen oder sich auszutauschen. Einzigartig beim Fußball ist aber nach unserer Forschung das, was wir als "Reiz der Kurve" bezeichnen. Das sind einfache Fans an der Basis, die den Club in der Masse repräsentieren. An diese Fangruppen hängen sich auch Chefärzte und Hochschulprofessoren. Der Reiz sind gemeinsame Fangesänge, die Unterstützung der Mannschaft und die Sehnsucht, dem Verein nah zu sein. Das unterscheidet das Fußball-Publikum ganz massiv von dem beim Tennis, der Leichtathletik oder beim Golf.

Fußball gilt als einfaches Spiel. Allerdings ist die Abseitsregel eine gefürchtete Fachfrage, und neuerdings braucht es den Videobeweis, um zu klären, ob eine Aktion erlaubt war oder nicht. Entfernt sich der Fußball von seinem schlichten Ursprung?

Harald Lange: Fußball ist einfach und zugleich hochkomplex. Das Grundmotiv ist jedem sofort verständlich. Weil jede Mannschaft gewinnen will, wird es aber kompliziert. Im Fußball wird inzwischen Künstliche Intelligenz (KI) eingesetzt, um Abläufe zu optimieren. Schon seit mehr als 20 Jahren werden in großen Datenbanken beispielsweise Laufwege, Passwege oder Pulsfrequenzen der Spieler gemessen und analysiert. Fußball ist also auch ein Spielfeld zur Erprobung neuer Technologien. Das Ziel ist, ein vermeintlich einfaches Spiel in den Grundstrukturen so zu analysieren, dass man im Wettkampf besser abschneidet. Die Strategie stößt aber an Grenzen, denn am Ende wird ein Spiel oft durch Einzelaktionen, Zufälle oder Fehlentscheidungen entschieden. Es kann immer etwas passieren, das dem Spiel eine Wende gibt. Genau das macht die Faszination für Fans aus.

Sie haben im Grunde schon erklärt, dass Fußball kein Sport der Arbeiterklasse mehr ist, oder?

Harald Lange: Es war ursprünglich ein Sport der Arbeiterklasse, wobei schon in den 1920er Jahren auch bürgerliche Vereine entstanden. Das führte dann zu den sogenannten Fußball-Derbys, bei denen ein bürgerlicher Verein wie Bayern München auf einen typischen Arbeiterverein wie 1860 München traf. Derbys sind die Spiele mit dem höchsten Spannungs- und Unterhaltungspotenzial für Fans.


„Fußball ist durch und durch politisch, weil hier Menschen mit unterschiedlichsten Interessen aufeinandertreffen.“
Sportwissenschaftler Harald Lange

Beim Fußball ist von Fankultur die Rede. Wie verstehen Sie den Begriff?

Harald Lange: Über die Fankultur werden zum Beispiel Jugendliche in die Gesellschaft hineinsozialisiert. Fußball ist ein Sozialisationsagent für unsere Kultur. Wenn bei internationalen Turnieren in Ländern gespielt wird, wo die Diskriminierung von Menschen oder sogar Rassismus auftritt, hat die Fankultur überdies in den vergangenen Jahrzehnten bewiesen, dass sie in der Lage ist, Verantwortung zu übernehmen, ihre Stimme zu erheben und Protest zu inszenieren.

Würden Sie sagen, dass Fußball politisch ist?

Harald Lange: Fußball ist durch und durch politisch, weil hier Menschen mit unterschiedlichsten Interessen aufeinandertreffen und das Spiel in dieser Gemengelage wertebasiert ist. Im Fußball gelten Werte, die gesellschaftlich hoch anerkannt sind wie Fair Play, Solidarität, Verantwortung und Wettkampf. Daher zündet der Fußballgedanke immer dann, wenn etwa in einem Land gespielt wird, in dem die Kernwerte des Fußballs missachtet werden. Hier kommt die politische, kulturelle und gesellschaftliche Funktion der Fans ins Spiel, wenn sie mit Spruchbändern oder Gesängen auf wertebezogene Missstände hinweisen. Fans begleiten auf diese Weise auch die zunehmende Kommerzialisierung des Fußballs kritisch.

Alt-Kanzler Gerhard Schröder (SPD) hörte in seiner Jugend als Mittelstürmer auf den Namen "Acker". Sein Motto: "Über den Kampf zum Spiel finden." Ist das der Schnittpunkt zur Politik?

Harald Lange: Das ist natürlich eine romantisch verklärte Hintergrundgeschichte, die dem Kanzler ein bestimmtes Image gibt, das er anstrebt. Die Sache ist komplexer, aber als Metapher ist das gut geeignet. Jedenfalls hat der Fußball konkrete Auswirkungen auf die Sozialisation und Persönlichkeitsentwicklung von Menschen. Insofern ergeben sich aus dem Fußball im Besonderen und dem Sport im Allgemeinen interessante Funktionen für unsere Gesellschaft.

Lassen sich Fußballfans politisch einordnen?

Harald Lange: Politisch im Sinne von parteipolitisch wollen Fans eigentlich nicht sein, sie fühlen sich nur den Werten des Fußballs verpflichtet. Die Fans sind in den vergangenen Jahren vor allem aktiv geworden, wenn es um eine Positionierung gegen Rechtsextremismus ging. Da hat der Fußball eine große Herausforderung, weil rechte Gruppierungen jugendliche Fans als willkommenen Pool für die Rekrutierung von Nachwuchs ansehen. Die Fangruppen haben es jedoch immer wieder geschafft, ein Gegengewicht zu bilden und diese Pläne zu durchkreuzen. Aktuell beziehen viele Vereine aber auch explizit Position gegen die AfD.


„Fans haben in sportpolitischen Fragen keine Stimme.“
Sportwissenschaftler Harald Lange

Welche Rolle spielt Gewalt unter Fußballfans?

Harald Lange: Das Gewaltthema gehörte immer zum Fußball dazu, aber es muss differenziert werden. Es kommen heute so viele Menschen in die Stadien wie nie zuvor, trotzdem ist der Besuch weitaus sicherer geworden. Was höchstens noch unter Historikern bekannt ist: Es gab in den 1920er Jahren regelmäßig Tote in Fußballstadien durch Gewalt unter rivalisierenden Fangruppen. In den 1990er Jahren kam der sogenannte Hooliganismus auf. Hooligans gingen zum Fußball und freuten sich auf die "dritte Halbzeit", also Prügeleien in oder außerhalb des Stadions. Damals hat der Fußball solche Charaktere angezogen, das war zeitweise eine große Gefahr für den Fußball, eine schwierige Zeit. Die Verbände und Fangruppen haben dieses Phänomen dann weitgehend verdrängen können. Hooligans gibt es immer noch, sie haben ihre Aktivitäten aber verlagert in die Kampfsportszene.

Und heute?

Harald Lange: Die Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Fanlagern gehören beim Fußball dazu. Vereine und Polizei lösen das gut mit Sicherheitskonzepten und speziellen Anfahrtswegen, sodass nur wenige Gelegenheiten bleiben, wo es zu Konfrontationen kommen kann. Seit etwa drei Jahren beobachten wir aber Konfliktlinien zwischen der Polizei und Fußballfans aller Farben und Vereine bis hinunter in die 4. Liga. Das ist ein neues Phänomen. Im Winter 2023/24 gab es eine Reihe unglücklicher Polizeieinsätze, bei denen Polizisten auch Fanblöcke gestürmt haben. Das Verhältnis zwischen Fans und Polizei war immer angespannt, aber die Konflikte haben sich zuletzt deutlich verschärft. Es wird eine große Herausforderung, damit das nicht weiter eskaliert.

Die sogenannten Ultras werden auch teilweise mit Gewalt assoziiert. Wie ist diese Gruppierung einzuschätzen?

Harald Lange: Die Ultras werden mit Gewalt und Pyrotechnik assoziiert. In der öffentlichen Wahrnehmung wird beides in einen Topf geworfen. Die Ultras zünden im Stadion Pyrotechnik, woraufhin Strafen gegen Vereine verhängt werden. Dahinter steht ein Machtspiel um die Frage, wem der Fußball gehört und wer die Regeln bestimmt. Es geht um Personaltransfers, Financial Fair Play und Kaderplanung. Was die Verteilung des Geldes angeht, haben Fans oft ganz andere Vorstellungen als die Vereinsbosse. Fans haben in sportpolitischen Fragen keine Stimme und nur die Möglichkeit, auf der Tribüne, in der Kurve ihren Protest auszudrücken. Deswegen sind sie laut und provozieren. Mit Pyrotechnik können die Ultras zeigen: Wir drücken dem Spiel unseren Stempel auf.

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Mit Gesängen, Sprechchören und vor allem Transparenten kommunizieren Fans im Fußballstadion auch politische Botschaften und stellen konkrete Forderungen.

Manche Fans lehnen Diversität im Fußball ab und gehen auch auf Distanz zur Nationalmannschaft. Wie tolerant ist die Fußballszene?

Harald Lange: Die Fußballszene ist insgesamt ausgesprochen tolerant, wie oft bei großen Gemeinschaften werden aber an den Rändern bestimmte Dinge abgelehnt. Wir haben eine interkulturell geprägte Fankultur, in der begrüßt wird, dass der Fußball in der Nationalmannschaft ein sichtbares Beispiel für Diversität abgibt. Das ist trotz der Ablehnung einzelner Gruppen ein Ausrufezeichen der Fankultur gegenüber der Nationalmannschaft.

Gilt die Toleranz auch hinsichtlich des Frauenfußballs?

Harald Lange: Es ist bemerkenswert, in welch kurzer Zeit sich hinsichtlich des Frauenfußballs ein Bedeutungswandel vollzogen hat. Bei der Frauen-Europameisterschaft 2022 in England hat es im Endspiel England gegen Deutschland einen Quotenrekord gegeben. Kein Spiel der Männer bei der Weltmeisterschaft im selben Jahr in Katar hatte mehr TV-Zuschauer. Daran lässt sich der gigantische Bedeutungszuwachs des Frauenfußballs, insbesondere auf der Ebene der Nationalmannschaft, ablesen. Dem Frauenfußball fehlt allerdings noch der breite Aufbau des Clubfußballs an der Basis, da hat der Männerfußball hundert Jahre Vorsprung.

Die Fußball-WM 2026 der Männer findet in den USA, Kanada und Mexiko statt. Könnte die angespannte politische Lage in den USA Auswirkungen haben auf die Bereitschaft von Fans, dort hinzufahren?

Harald Lange: Deutsche Fußballfans sind in Hinsicht auf WM-Turniere inzwischen hart gesotten und haben zuletzt in Katar gezeigt, dass sie mit Boykottdrohungen ernst machen können. In Katar wurden Spiele der deutschen Nationalmannschaft boykottiert und hatten nicht einmal die Hälfte der Zuschauer wie bei der WM vier Jahre zuvor in Frankreich. Ein Boykott der Fans steht auch diesmal im Raum. Unter den Fans wird das aber derzeit nicht so breit diskutiert wie damals in Katar. Was in den USA hinzukommt, ist die Preispolitik für die Tickets. Der Geldbeutel entscheidet, wer sich das anschauen kann. Für normale Fußballfans ist es daher im Grunde unrealistisch, zur WM in die USA zu reisen.

Der Weltfußballverband FIFA hat einen zweifelhaften Ruf. Manche Experten behaupten, die Organisation verfolge nicht die Interessen der Fußballanhänger, sondern rein wirtschaftliche Ziele. Dem aktuellen Vorsitzenden Giovanni Infantino werden beste Kontakte zu fragwürdigen Politikern vorgeworfen. Wie wird die FIFA von Fans gesehen?

Harald Lange: Die FIFA hat bei Fans schon lange einen schlechten Ruf. Wenn der frühere FIFA-Präsident Sepp Blatter irgendwo in einem Stadion aufgetreten ist, wurde er gnadenlos ausgepfiffen. Solche Auftritte erlaubt sich Blatters Nachfolger Infantino schon gar nicht mehr. Die Grenze dessen, was Fans noch mittragen können, ist längst überschritten. Es ist erstaunlich, wie beharrlich sich dieses System halten kann.

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