Mitbestimmung im deutschen Fußball : Was die "50+1" Regel für Vereine, Fans und Investoren bedeutet
Ökonomen fordern eine Reform der Regel, um international wettbewerbsfähig zu bleiben. Doch die Fans befürchten dadurch eine externe Übernahme ihrer Vereine.
Als im Oktober 2021 bekannt wurde, dass der saudi-arabische Staatsfonds PIF rund 80 Prozent des britischen Fußballclubs Newcastle United übernehmen wird, führte dies zu Freudenschreien bei den Anhängern. Fans einer Mannschaft, die damals gegen den Abstieg kämpfte, träumten plötzlich von Topspielern und dem Gewinn der britischen Liga. Dass Investoren in der Premier League Clubs kaufen und nach Belieben umstrukturieren, wird in der finanzstärksten Fußballliga der Welt nur von wenigen Fans kritisch gesehen.
In Deutschland hingegen lösten Verhandlungen der Deutschen Fußball Liga (DFL) mit einem potentiellen Liga-Investor Anfang 2024 heftige Proteste aus: Kurven blieben stumm, Tennisbälle und Schokoladentaler flogen auf den Rasen und sorgten für Spielunterbrechungen. Am Ende scheiterten die Verhandlungen.
50+1 regelt das Mitbestimmungsrecht der Fans
Mit der zunehmenden Kommerzialisierung des Sports verstärkt sich bei den Fans die Sorge, dass externe Geldgeber zunehmend Einfluss auf Vereine nehmen und den Wettbewerb in der Liga verzerren könnten. Dabei gibt es im deutschen Profifußball durch 50+1 klare Grenzen für den Einfluss von Investoren.
Um neue Finanzierungsmöglichkeiten zu eröffnen und Sponsoren besser einzubinden, erlaubt der Deutsche Fußball Bund (DFB) seit 1998 den Vereinen, ihre Profiabteilungen in Kapitalgesellschaften auszugliedern. Heute verfügen nahezu alle Clubs der ersten und zweiten Bundesliga über solche Strukturen. Um dennoch die Kontrolle der Mitglieder zu sichern und die Chancengleichheit in der Liga zu wahren, hat der DFB gleichzeitig die 50+1-Regelung eingeführt.
Sie besagt stark vereinfacht, dass die Mehrheit der Stimmrechte an einer Kapitalgesellschaft - also 50 Prozent plus eine Stimme - beim Mutterverein liegen muss. Theoretisch könnten Clubs so ihre Kapitalanteile vollständig an Investoren verkaufen. Die Entscheidungsgewalt über zentrale Fragen der Geschäftsführung bleiben durch 50+1 jedoch beim Verein und damit bei seinen Mitgliedern.
Die 50+1 Regel im Überblick ⚽️
💡 Definition: Wenn ein Fußballverein seine Profiabteilung ausgliedert, dann muss gemäß der 50+1 Regelung die Mehrheit der Stimmrechte an einer Kapitalgesellschaft - also 50 Prozent plus eine Stimme - beim Mutterverein und somit bei den Mitgliedern verbleiben.
🙋 Zweck: Durch 50+1 verbleiben zentrale Aufgaben, etwa die Wahl der Geschäftsführung beim Verein. So sollen Übernahmen und Umstrukturierungen der Vereine durch Investoren verhindert werden.
📑 Ausnahme Werkself: Ein externe Investor kann dann die Mehrheit eines Vereins besitzen, wenn er den Verein über 20 Jahre hinweg "ununterbrochen und erheblich fördert" hat. Dies gilt aktuell für die Werkself von Bayer Leverkusen und dem VfL Wolfsburg. Das Bundeskartellamt hat diese Ausnahmen allerdings für unvereinbar mit 50+1 eingestuft.
Während 50+1 für die einen durch den Schutz der Mitbestimmung das Herzstück des deutschen Profifußballs wahrt, sehen andere darin einen Wettbewerbsnachteil im internationalen Vergleich, der dringend reformiert gehört.
Bei den Fans herrscht großes Misstrauen gegenüber Investoren
"Möchte der deutsche Fußball sich weiter professionalisieren und international anschlussfähig sein, braucht es strategische Investoren", sagt Henning Zülch von der HHL Leipzig Graduate School of Management. Das Interesse von Seiten der Investoren an der Bundesliga sei da, so die Einschätzung des Ökonoms. Zwar liegen die TV-Einnahmen mit rund 1,1 Milliarden Euro pro Saison deutlich unter denen der Premier League (etwa 4,25 Milliarden Euro), dafür überzeugten die deutschen Profiligen durch stabile wirtschaftliche Strukturen, hohe Zuschauerzahlen und volle Stadien. Laut UEFA-Report liegt die durchschnittliche Auslastung bei mehr als 95 Prozent.
Leider würde sich aber Misstrauen und Widerstand vieler Vereinsmitglieder gegenüber Investoren hartnäckig halten - und durch abschreckende Beispiele wie den Einstieg von Lars Windhorst bei Hertha BSC noch verstärken. Obwohl der Unternehmer 2019 rund 374 Millionen Euro in den Club investierte, blieb der sportliche Erfolg aus, und es folgte 2023 sogar der Abstieg in die zweite Liga.
Für viele Fans ist dieser Fall die Bestätigung dafür, dass Investoren mit ihrem Kapital vor allem kurzfristige Erfolgsabsichten verfolgen würden, auf den schnellen Gewinn abzielten und am Ende den Verein destabilisieren würden. "So agieren strategische Investoren jedoch nicht", sagt Zülch. Im Fall Hertha habe vor allem eine langfristige Strategie gefehlt. Nur ein Bruchteil des Geldes sei damals beispielsweise in die Infrastruktur und Nachwuchsförderung des Vereins geflossen.
Die Fanszene von Hertha BSC positionierte sich klar gegen Investor Lars Windhorst und den damaligen Vereinspräsidenten Werner Gegenbauer. Im Frühjahr 2023 verkaufte Windhorst all seine Hertha-Anteile mit hohem Verlust, Gegenbauer war ein Jahr zuvor zurückgetreten.
Für Zülch geht es bei der Investorenfrage vor allem darum, die richtigen Investoren zu finden: Geldgeber, die als strategische Partner langfristige Ziele verfolgen und zu den Werten eines Vereins passen. Er plädiert für einen offenen Dialog über die Definition und Bedeutung von Investoren - und eine Reform von 50+1. Es brauche professionellere Regeln, um das Millionengeschäft der Bundesligavereine gut zu managen. Dafür sei 50+1 in seiner jetzigen Form strukturell zu schwach ausformuliert.
Mit Blick auf die Beteiligung der Fans an solchen Reformprozessen wünscht sich Zülch die Ultras "weiter als Hüter, aber nicht zwingend der 50+1 Regel, sondern als Hüter der deutschen Fankultur und damit eines moderaten und zielgerichteten Mitbestimmungsrechts".
Mitbestimmung ist tief in der deutschen Fankultur verwurzelt
Für viele Fans ist die Mitbestimmung nach 50+1 jedoch eine rote Linie, die unter keinen Umständen überschritten werden darf. "Der Gedanke, dass die Vereine den Mitgliedern gehören sollen, ist tief in der deutschen Fankultur verwurzelt", sagt Dario Minden, Leiter der Fan- und Förderabteilung von Eintracht Frankfurt e.V. Gleichzeitig, so Minden, seien Fans keineswegs naiv und hätten durchaus Verständnis dafür, dass es im Profifußball Kompromisse brauche, um wirtschaftlich bestehen zu können.
Auch Eintracht Frankfurt habe vor einigen Jahren Kapitalmaßnahmen ergreifen müssen, um wirtschaftlich stabil zu bleiben. Schließlich sei dem Verein so der Wandel von der "Fahrstuhlmannschaft" zwischen der ersten und zweiten Liga zum internationalen Wettbewerber gelungen. Egal, für welche Maßnahme ein Verein sich entscheide, wichtig sei, dass solche Schritte die Identität des Vereins bewahren - dafür sorge 50+1.
Studien bestätigen, wie zentral Mitbestimmung für die Fanbindung ist: Laut einer Umfrage des Sportökonomen Sebastian Björn Bauers von der Universität Leipzig fühlen sich 81 Prozent der Befragten durch die Möglichkeit der Mitbestimmung stärker mit ihrem Club verbunden. Das zeigt, wie wichtig 50+1 für den deutschen Profifußball ist. Weitere Studien von Bauers machen deutlich, dass die Zustimmung zu 50+1 "unabhängig von einer Vereinsmitgliedschaft, den Besuchen im Stadion, dem Alter oder dem Geschlecht" hoch ist.
Diese außergewöhnliche Fanbasis, Mitgliederbindung und demokratischen Strukturen können mit Blick auf die Attraktivität der deutschen Profiliga als "strategisches Differenzierungsmerkmal" genutzt werden. Das könnte die Liga für bestimmte Investoren besonders interessant machen, sagt Bauers. Bislang habe es die Liga allerdings verpasst, ihre Fankultur und 50+1 als Wettbewerbsvorteil anzupreisen.
Bundeskartellamt sieht Reformbedarf bei der “Lex Leverkusen”
Auch wenn innerhalb der Liga eine Abschaffung der Regelung derzeit nicht ernsthaft diskutiert wird, arbeitet die DFL an Reformvorschlägen. Dabei geht es jedoch nicht um den Umgang mit Investoren, sondern unter anderem um die bestehende Ausnahmeregelung für Bayer 04 Leverkusen und den VfL Wolfsburg.
Leverkusen, als Werksverein gegründet, gehört vollständig der Bayer AG. Die sogenannte "Lex Leverkusen" gestattet es, die Mehrheit eines Vereins an einen externen Investor zu übertragen, wenn dieser den Verein über 20 Jahre hinweg "ununterbrochen und erheblich fördert". Seit 2001 gilt sie auch für den VfL Wolfsburg. Die TSG Hoffenheim fiel bis 2023 ebenfalls darunter, ehe Dietmar Hopp seine Anteile an den Verein zurückgab.
„Es ist offensichtlich, dass RB Leipzig 50+1 umgeht.“
Im vergangenen Sommer stellte das Bundeskartellamt fest, dass solche Sonderregelungen gegen das Prinzip der gleichen Wettbewerbsbedingungen verstoßen. Auch ein bereits vorgestellter Vorschlag der DFL, Leverkusen und Wolfsburg einen "Bestandsschutz" zu gewähren und lediglich keine neuen sogenannten Förderausnahmen zuzulassen, würde dem europäischen Sportkartellrecht widersprechen.
Auch beim RB Leipzig sieht das Bundeskartellamt Reformbedarf
Fans kritisieren seit langem die Sonderregelung: "Es verzerrt den Wettbewerb, wenn Werksvereine keine eigenen finanziellen Erfolge erzielen müssen und ihre Muttergesellschaft bei Bedarf Verluste ausgleicht", so Fanvertreter Minden.
Ebenfalls kritisch sieht das Bundeskartellamt den Umgang von 50+1 beim RB Leipzig. Maßgeblich für einheitliche Wettbewerbsbedingungen ist nach Einschätzung von Bundeskartellamts-Präsident Andreas Mundt, dass bei allen Vereinen der ersten und zweiten Bundesliga ein gleichermaßen offener Zugang zur Mitgliedschaft existiert und damit für die Mitbestimmung der Fans sorgt. RB Leipzig hält sich zwar als Mitgliederverein formal an 50+1, allerdings gibt es nur eine Handvoll stimmberechtigter Mitglieder, die alle Red Bull, dem Investor des Clubs, nahestehen. "Es ist offensichtlich, dass RB Leipzig 50+1 umgeht", sagt Minden. Er hoffe, dass im Zuge des Verfahrens diese Ausnahmen und "offensichtlichen" Verstöße behoben werden.
Derzeit befindet sich die DFL in einem Findungsprozess, um Lösungen zu erarbeiten. Nach Einschätzung von Sport-Ökonom Bauers könnten diese Entscheidungen wegweisend für den Profifußball sein. "Falls keine Lösungen gefunden werden, erhöht sich vermutlich die Gefahr, dass rechtliche Schritte gegen 50+1 eingeleitet werden", so Bauers. Wolfsburg und Leverkusen kündigten gegenüber der "Sportschau" bereits an, sich solche Schritte vorzubehalten. Ruhe in der 50+1-Debatte dürfte es daher so schnell nicht geben.
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