Debatte um mehr Schutz in Stadien : Stimmung oder Störung?
Politiker warnen vor den Gefahren, etwa durch Pyrotechnik, auf den Rängen und fordern mehr Sicherheitsmaßnahmen. Anhänger sorgen sich um die Fankultur in den Kurven.
Es war ein kraftvolles Statement. Etwa 20.000 Fans deutscher Fußballvereine zogen am 17. November 2025, vor einem Spiel der deutschen Nationalmannschaft, lautstark und friedlich durch Leipzigs Innenstadt. In den Farben getrennt, in der Sache vereint demonstrierten sonst verfeindete Anhänger gemeinsam. "Der Fußball ist sicher! Schluss mit Populismus - Ja zur Fankultur!" lautete das Motto der Fan-Demo.
Etwa 20.000 Fußball-Anhänger zogen am 17. November 2025 unter dem Motto „Der Fußball ist sicher! Schluss mit Populismus – Ja zur Fankultur!“ durch die Leipziger Innenstadt.
Adressaten des Protestes waren weniger der Deutsche Fußballbund (DFB) oder die Deutsche Fußballliga (DFL) als vielmehr die Innenminister der Länder. Die, so befürchteten die Fans seinerzeit, wollten bei der Innenministerkonferenz (IMK) im Dezember massive Repressionen gegen Fußballfans beschließen.
Insbesondere gegen die Ultras und überhaupt alle, die bedingungslos zu ihrem Team stehen, es auf Auswärtsspielen begleiten und mit Gesängen und Choreografien für die Stimmung sorgen, die die Spiele in den drei Profiligen Deutschlands europaweit außergewöhnlich machen. Jene, die die Fankultur leben, der die IMK ihrer Ansicht nach den Garaus machen will.
Fans lehnen KI-Gesichtserkennung und personalisierte Tickets ab
Als die Minister dann getagt hatten, standen am Ende weder die befürchtete KI-Gesichtserkennung vor den Stadien noch die kritisierten personalisierten Tickets im Abschlussprotokoll. Ein Erfolg der Fan-Demo? Thomas Kessen ist davon überzeugt. "Diese unglaublich kraftvollen Bilder der Fan-Demonstrationen in Leipzig, wo große Gruppen eigentlich verfeindeter Fanlager für die gleiche Sache eingetreten sind und friedlich nebeneinanderher marschiert sind, haben deutlich gemacht, dass Fußballfans eben keine brandschatzenden Irren sind", sagt der Sprecher des Vereins "Unsere Kurve" auf Anfrage.
Daran ändert für Kessen auch die Bemerkung des bayerischen Innenministers Joachim Herrmann (CSU) nichts, der seinerzeit meinte, die von den Fans befürchteten Maßnahmen seien auch nie geplant gewesen. Diese Aussage sei als Versuch eines "gesichtswahrenden Ausstiegs aus der Diskussion" zu bewerten, sagt Kessen. Seit 2024 seien solche Punkte von den Innenministern ins Spiel gebracht und zu keinem Zeitpunkt klar vom Tisch genommen worden.
„Es gibt keine sicherere Großveranstaltung in Deutschland als ein Profifußballspiel im Stadion.“
Auch der Grünen-Bundestagsabgeordnete Helge Limburg rät, wachsam zu bleiben, "weil die IMK von diesen Plänen noch nicht komplett Abstand genommen hat". Hamburgs Innensenator und derzeitiger IMK-Vorsitzender Andy Grote (SPD) bleibt jedoch dabei, dass "manche der von Fanvertretern befürchteten Maßnahmen, wie zum Beispiel Gesichtsscanner, im Kreis der Minister nie Thema waren".
IMK und DFL einigen sich auf zentrale Stadionverbotskommission
Grundsätzlich gelte, dass die Maßnahmen schlussendlich nur von DFL und DFB selbst umgesetzt werden müssten und nicht von der IMK beschlossen werden könnten, sagte er dieser Zeitung. Ziel der IMK sei es, die Sicherheit in den Stadien zu stärken und die Polizei zu entlasten. Dabei seien wichtige Schritte gegangen worden. Mit DFB und DFL habe man sich auf eine zentrale Stadionverbotskommission und einheitliche Umsetzung von Stadionverboten geeinigt, ebenso wie auf die Stärkung von Präventionsarbeit und Stadionallianzen.
Fanvertreter waren an dieser Einigung nicht beteiligt. Das kritisiert nicht nur Kessen, sondern auch der Bundestagsabgeordnete Jorrit Bosch (Linke), der einen "offenen, faktenbasierten Dialog mit Vereinen, Fans und Fanprojekten auf Augenhöhe" fordert. “Statt Repression und Kollektivstrafen brauchen wir mehr Mittel für Fanprojekte und Präventionsstrukturen vor Ort.”
Kessen stört sich ohnehin an der Lesart, dass der Fußball ein Gewaltproblem habe. "Es gibt keine sicherere Großveranstaltung in Deutschland als ein Profifußballspiel im Stadion", sagt er. Bei 25 bis 26 Millionen Zuschauern pro Jahr gebe es knapp 1.000 Verletzte. Bei jeder Dorfkirmes sei das Verhältnis schlechter.
Die Zahlen zu Gewalt im Stadion im Überblick
📉 Während des Ligaspielbetriebs der ersten drei Ligen wurden der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) zufolge 1.107 Menschen verletzt. Das ist ein Rückgang im Vergleich zur Vorsaison um 17,2 Prozent.
📈 Zu den 992 Spielen der drei Profiliegen kamen insgesamt rund 25,3 Millionen Zuschauer - etwa 4,1 Prozent mehr als in der Saison davor.
📉 Die Arbeitsbelastung der Polizei ist leicht zurückgegangen - um 8,81 Prozent. Sie liegt aber laut Bericht "weiterhin auf einem sehr hohen Niveau".
⛔️ Im August 2025 galten fast 600 Stadionverbote bundesweit.
Bettina Lugk (SPD), Mitglied des Bundestags-Sportausschusses, hält die Debatte über Gewalt im Fußball für "sehr emotional". Umso wichtiger sei es, die Zahlen ernst zu nehmen. "Unsere Stadien sind grundsätzlich sichere Orte, und vieles hat sich positiv entwickelt", sagt sie, spricht aber auch von "Herausforderungen und gewaltbereiten Gruppierungen". Hier würden sinnvolle und verhältnismäßige Lösungen benötigt.
Auch der IMK-Vorsitzende Grote kennt die Zahlen der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) für 2024/2025. 1.100 Personen seien verletzt worden, davon rund 70 durch Pyrotechnik. "Bei der Dimension wird man nicht davon sprechen können, dass sich die Lage entscheidend entspannt hat", findet er.
Brand- und Verbrennungsgefahr durch Pyrotechnik in Stadien
Dass Pyrotechnik in Fußballstadien verboten ist, hält Grote für richtig. Es bestehe Brand- und Verbrennungsgefahr, und in dicht gedrängten Bereichen könnten schnell gefährliche Situationen entstehen, sagt er. "Diese Risiken für Leib und Leben sind nicht abstrakt, sondern real." Auch der CSU-Bundestagsabgeordnete Stephan Mayer findet: "Pyrotechnik hat in den Stadien nichts verloren." Der Stadionbesuch solle schließlich ein Erlebnis für jedermann sein. Auch für Familien und Ältere, die - zurecht - eine Heidenangst bekämen, wenn Pyrotechnik abgefackelt wird.
Fan-Vertreter Kessen sieht das anders. Bengalos seien handelsübliche Seenotrettungsfackeln. Diese außerhalb einer Seenotsituation zu zünden, sei eine Ordnungswidrigkeit "wie Falschparken auch". Auch gebe es "mehr Verletzte durch Pfefferspray der Polizei als durch Pyrotechnik", argumentiert er.
Die starke Polizeipräsenz in und vor den Stadien hält Kessen für übertrieben und nicht zielführend. Es sei wissenschaftlich erwiesen, dass durch erhöhte Polizeipräsenz erst Unsicherheitsgefühle entstehen und mehr Straftaten produziert werden.
Geht aber die Rechnung "Weniger Polizei ist gleich mehr Sicherheit" auf? Hamburgs Innensenator glaubt das nicht. "Die Polizei ist immer nur vor Ort, wenn Vereine selbst einen friedlichen Verlauf nicht sicherstellen können, wenn es also ein entsprechendes Gewaltpotenzial gibt", erklärt Grote. Offensichtlich sind IMK und Fans nach wie vor weit auseinander.
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