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Standort Deutschland Wie die deutsche Wirtschaft den Anschluss halten will

Hohe Kosten, zu wenig Fachkräfte: Der Standort Deutschland hat mit einigen Problemen zu kämpfen. Doch es gibt auch positive Entwicklungen, besonders im Osten.

22.08.2022
2023-11-29T13:58:05.3600Z
7 Min

In weniger als drei Jahren hat sich im brandenburgischen Grünheide eine Art Wirtschaftswunder ereignet, das nicht nur Auswirkungen auf Ostdeutschland zu haben scheint, sondern auf das gesamte Land ausstrahlt. Die wenigsten hatten im November 2019 damit gerechnet, dass ein Industrieunternehmen von der Bekanntmachung, einen neuen Produktionsstandort zu eröffnen, bis zur Inbetriebnahme lediglich 30 Monate brauchen würde. Solche Vorhaben dauern in Deutschland üblicherweise viel länger, in manchen Fällen kommen sie über Ankündigungen nicht hinaus.

Foto: picture-alliance/Flashpic/Jens Krick/Jochen Tack/Daniel Kubirski

Die Tesla-Giga-Factory bei Berlin, ein Wind- und Photovoltaik-Park in Ostwestfalen-Lippe und das BASF-Werk in Ludwigshafen.

Doch Tesla-Chef Elon Musk hat mit der Entscheidung, in Grünheide bei Berlin eine "Gigafabrik" aufbauen zu wollen, nicht nur dafür gesorgt, den Standort Ostdeutschland in aller Welt bekannt zu machen, sondern damit die Tür für die Elektromobilität in diesem Land auch endgültig geöffnet. Die Tesla-Ansiedlung ist kein Einzelfall, gilt aber als die spektakulärste Investition dieser Art. Im März gab der US-Chiphersteller Intel bekannt, zwei Halbleiterfabriken in Magdeburg zu bauen. Die Hauptstadt Sachsen-Anhalts hatte gegenüber 70 Mitbewerbern den Vorzug erhalten. Nun sollen 17 Milliarden Euro investiert werden und rund 10.000 neue Arbeitsplätze entstehen, der Produktionsstart ist für 2027 vorgesehen.

In Ostdeutschland ist etwas in Bewegung gekommen

Auch sonst macht Ostdeutschland in jüngster Zeit als Standort von sich reden. So will etwa BASF Ende 2022 in Schwarzheide mit der Produktion von Batteriematerial beginnen. Der chinesische Autobatteriehersteller CATL errichtet in Arnstadt für 1,8 Milliarden Euro ebenfalls eine Batteriefabrik. In wenigen Wochen will Rock Tech in Guben mit dem Bau der ersten Fabrik für Lithiumhydroxid in Europa starten. Vieles deutet also daraufhin, dass da etwas in Bewegung gekommen ist. Für Hanno Kempermann, Geschäftsführer beim Institut der deutschen Wirtschaft (IW), gibt "es einige wichtige Aspekte, die für weitere Ansiedlungen in Ostdeutschland sprechen". Dazu zählten vor allem freie Industrieflächen, Förderungen, Fachkräfteverfügbarkeit sowie erneuerbare Energien.

Vor allem der letzte Punkt scheint immer wichtiger zu werden. Auch für Joachim Ragnitz, stellvertretender Leiter der Ifo-Niederlassung Dresden, "ist es offenkundig", dass die letzten Großansiedlungen in Brandenburg und Sachsen-Anhalt auch damit zu tun haben, dass diese Länder "die Vorteile bei der Verfügbarkeit regenerativer Energien" aufwiesen. "Es darf davon ausgegangen werden, dass dieser Vorteil langfristig trägt", so Ragnitz. Zumal seiner Ansicht nach mit dem weiteren Ausbau der Erneuerbaren die Strompreise zumindest für Großverbraucher wieder fallen dürften. Es sei nicht damit zu rechnen, dass die derzeitigen politischen und wirtschaftlichen Turbulenzen negative Auswirkungen auf diese Großinvestitionen haben werden.


„Noch hat Deutschland ein gutes Standing auf den Weltmärkten. Doch das muss jeden Tag neu erkämpft werden.“
Hanno Kempermann, Geschäftsführer beim IW

Um diesen Trend noch zu stärken, haben sich die Bundesregierung und die Regierungschefs der ostdeutschen Länder im Juni in ihrer "Riemser Erklärung" darauf geeinigt, dass "Ostdeutschland zum Vorreiter bei Innovationen in Schlüsseltechnologien wird". So soll zum Beispiel eine Interessenvertretung Wasserstoff Ostdeutschland geschaffen und an Modellen gearbeitet werden, um Bürger und Kommunen an den Erträgen der Erneuerbaren zu beteiligen.

Allerdings gab es in den vergangenen 30 Jahren viele Absichtserklärungen. Die Politik sah sich in der Pflicht, hatte sie doch 1990 "blühende Landschaften" und wirtschaftliche Erneuerung versprochen. Bis heute gilt vielen Bürgern in Ostdeutschland die Arbeit der Treuhand-Anstalt als Inbegriff aller Übel der Nachwendejahre. Obwohl die Wirtschaft in den letzten zehn Jahren in West- und in Ostdeutschland wuchs und die Arbeitslosigkeit sank, blieb die Wohlstandskluft zwischen Ost und West auch drei Jahrzehnte nach der Einheit wie einzementiert.

Lage in Gesamtdeutschland "ambivalent"

Das muss nicht so weitergehen. Forschungsinstitute wie das IW sehen aufgrund der Corona-Pandemie, des Ukraine-Kriegs und der Klima-Krise jenen Stein angestoßen, der den gesamten Standort Deutschland auf Dauer verändern könnte. Obwohl es dazu noch keine genauen Daten und Analysen gibt, stellte Forscher Kempermann in einer Studie 2021 fest, dass ostdeutsche Bundesländer wie Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Thüringen große Chancen haben, um sogenannte Greenfield-Investitionen anzuziehen.

Für Gesamt-Deutschland gelte die Lage dagegen als "ambivalent", vor allem was die Frage nach ausreichend Fachkräften angeht. Das IW spricht hierbei von einer "Zeitenwende" und sieht den "Wohlstands-Peak als erreicht" an. Zum einen sei der Wohlstand im Land "sehr hoch", die Arbeitslosenquote gleiche in vielen Regionen einer Vollbeschäftigung, zum anderen sähen sich Firmen Schwierigkeiten durch die Lieferkettenprobleme und die Zinsanstiege gegenüber. Wie sich die gestiegene Rezessionsgefahr und die Entwicklung der Wirtschaftsleistung 2022 und 2023 entwickelt, hänge vor allem von weiter hohen Energiepreisen ab.

Foto: picture alliance/imageBROKER/Arnulf Hettrich

Forschungs- und Entwicklungszentrum von Amazon im baden-württembergischen Cyber Valley: Hier in Tübingen forschen viele Unternehmen zu Künstlicher Intelligenz.

Leibniz-Zentrum: Stärker auf Zukunftstechnologien konzentrieren

Trotz der großen Anziehungskraft von Städten wie Berlin und München, die seit Jahren vordere Plätze im europäischen Start-up-Ranking belegen und mit dem Gründerzentrum Unternehmertum (TUM) München die größte Gründerschmiede in der EU bieten, sieht sich Deutschland mit Problemen wie dem schleppenden Ausbau der Digitalisierung, der Dekarbonisierung und einer beginnenden Deglobalisierung konfrontiert. Noch bescheinigt das IW dem Standort Deutschland "ein gutes Standing", doch diese Stellung auf den Weltmärkten müsse "jeden Tag neu erkämpft werden", sagt Kempermann. Das Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) mahnte 2021 in einer Studie, sich stärker auf Zukunftstechnologien wie die Künstliche Intelligenz (KI) zu konzentrieren.

Dabei gebe es im Bereich KI durchaus Erfolge, allerdings nicht in ausreichender Zahl. Das Projekt Cyber Valley in Tübingen etwa - das größte KI-Forschungskonsortium Europas - habe die Region Stuttgart zum Vorreiter für KI-Forschung in Deutschland gemacht. 2019 hatte der Bosch-Konzern begonnen, für rund 100 Millionen Euro ein Forschungszentrum für KI im Cyber Valley zu errichten. Unter anderem sind das Land Baden-Württemberg, die Universitäten Stuttgart und Tübingen sowie Unternehmen wie Amazon, Mercedes-Benz, und die ZF Friedrichshafen Träger des Cyber Valleys.

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Wie Martin Gornig, Forschungsdirektor für Industriepolitik beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), erklärt, ist es bei der deutschen Wirtschaft in den vergangenen Jahrzehnten "stets darum gegangen, nicht den Anschluss zu verlieren". Zwar habe das "System der Innovationen" immer funktioniert, solle das jedoch auch in Zukunft der Fall sein, brauche es "gutausgebildete, hoch motivierte Fachkräfte", sagt der Volkswirt. Im Westen sei derzeit zu beobachten, dass die wichtigsten Branchen dieses Landes, der Maschinenbau und die Automobilwirtschaft, sich im Umbruch befänden. Es sei fraglich, wie viele Autohersteller es in Zukunft in Europa überhaupt noch geben werde.

Mit Rationalisierung und Zuwanderung zum Erfolg?

Ende Juni hatte der US-Autobauer Ford bekanntgegeben, er werde seinen Standort im Saarland mit 4.600 Mitarbeitern 2025 schließen, die neuen Modelle - Elektroautos - würden in Spanien gefertigt. Zeitgleich verkündete die schwedische Batteriefabrik Northvolt, sie werde in Heide bei Hamburg eine Produktionsstätte mit neuen 3.000 Arbeitsplätze eröffnen, man wolle die nachhaltigsten E-Batterien weltweit bauen. Die höheren Kosten, die dieser Standort im Vergleich zu anderen in Europa mit sich bringe, könnten durch ein höheres Level an Automatisierung kompensiert werden. Auch Forscher Gornig ist der Ansicht, dass Deutschland derzeit wieder Rationalisierung und Zuwanderung brauche - wie in den 1960er Jahren. Entscheidend sei, dass dieses Land auch in Zukunft anspruchsvolle Tätigkeiten und gute Bedingungen anbiete. "Mit dieser Kombination ist bereits früher der Wandel gelungen", sagt der Ökonom.