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Foto: picture alliance/dpa
Noch bis vor Kurzem galt es als unwahrscheinlich, dass Cem Özdemir (links) das Amt des Ministerpräsidenten von Winfried Kretschmann übernehmen könnte - die Grünen lagen in Umfragen lange hinten. Doch Özdemir gelang die Aufholjagd auf die Union.

Özdemir im Finish vorn : So knapp hat Baden-Württemberg gewählt

Die Grünen gewinnen nach einer Aufholjagd ihres Spitzenkandidaten Özdemir die Landtagswahl in Baden-Württemberg und verweisen die Union knapp auf den zweiten Platz.

09.03.2026
True 2026-03-09T16:25:24.3600Z
5 Min

Spannung bis zum Schluss im Südwesten: Am internationalen Frauentag am Sonntag haben sich bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg CDU-Mann Manuel Hagel und Grünen-Spitzenkandidat Cem Özdemir ein Kopf-an-Kopf-Rennen geliefert. Am Ende haben die Grünen mit knappem Vorsprung die Abstimmung gewonnen, wie die Landeswahlleiterin in der Nacht zum Montag mitteilte. 

Mit 30,2 Prozent (2021: 32,6 Prozent) liegen sie nach vorläufigem Endergebnis vor der CDU, die mit 29,7 Prozent ihr bestes Ergebnis seit 2011 eingefahren hat (2021: 24,1 Prozent). Damit gilt der Grünen-Spitzenkandidat und frühere Bundesminister Özdemir als der Nachfolger von Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne). Die Grünen können so die Position ihres bundesweit einzigen Länderegierungschefs halten. Der 77-jährige Kretschmann war nach 15 Jahren Amtszeit nicht erneut angetreten. 

AfD wird drittstärkste Partei - SPD kassiert schlechtestes Ergebnis bei einer Landtagswahl

Die drittstärkste Partei und stärkste wahrscheinliche Oppositionsfraktion im künftigen Landtag in Stuttgart ist die AfD mit 18,8 Prozent der Zweitstimmen (2021: 9,7). Damit konnte die Partei ihr Wahlergebnis von 2021 fast verdoppeln und hat das bislang beste Ergebnis bei einer Landtagswahl im Westen des Landes (Hessen 2023: 18,4 Prozent) übertroffen. 

Noch wichtiger dürften für die Partei die Wahlen im September sein, wenn es in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt darum geht, ob sie erstmals als stärkste Kraft in die Landtage von Schwerin beziehungsweise Magdeburg einziehen kann. 


Cem Özdemir im Portrait
Foto: DBT/Thomas Trutschel
„Den Streit lassen wir in Berlin, hier ist die Situation so ernst, dass wir besser zusammenarbeiten.“
Grünen-Spitzenkandidat Cem Özdemir am Wahlabend in Richtung der Union

Deutlich geschwächt sieht sich die SPD, die den Einzug in den Landtag in Stuttgart geschafft hat, aber mit 5,5 Prozent in Baden-Württemberg nun ihr histoisch schlechteste Wahlergebnis bei einer Landtagswahl eingefahren hat (2021: elf Prozent). SPD-Spitzenkandidat Andreas Stoch hatte die Partei zum zweiten Mal in die Landtagswahl geführt und am Wahlabend seinen Rückzug als Landes- und Fraktionschef angekündigt.

FDP und Linke verpassen den Einzug in den Stuttgarter Landtag knapp

FDP und Linke sind an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert. Mit 4,4, Prozent (2021: 10,5) hat es die FDP erstmals in ihrem Stammland Baden-Württemberg nicht in den Landtag geschafft. Seit dem ersten baden-württembergischen Landtag 1952 saßen die Liberalen stets im Parlament. Landeschef Hans-Ulrich Rülke hatte die Abstimmung zuvor als „Mutter aller Wahlen“ deklariert. Am Wahlabend gab er seinen Rücktritt vom Landesvorsitz bekannt. Die Partei ist nach dem Bundestags-Aus 2025 nun noch in sieben von 16 Landtagen vertreten.

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Die Linke lag zuletzt in Umfragen konstant über der Fünf-Prozent-Hürde, bei der Wahl selbst hat es aber nicht für ihren erstmaligen Einzug in den Landtag gereicht. Das Ergebnis von 4,4 Prozent (2021: 3,6) ist dennoch das Beste der Partei in Baden-Württemberg. Unter den 16-24-Jährigen sowie bei Erstwählenden fuhr die Partei mit 14 Prozent ihre größten Erfolge ein. 

Özdemir lehnt CDU-Vorschlag nach einer Teilung der Amtszeit des Ministerpräsidenten ab

Bereits am Wahlabend hat Özdemir der CDU eine „Partnerschaft auf Augenhöhe" angeboten. „Den Streit lassen wir in Berlin, hier ist die Situation so ernst, dass wir besser zusammenarbeiten", sagte der Grüne. Andere Koalitionsmöglichkeiten für eine künftige Regierung gibt es auch nicht, da sowohl CDU als auch Grüne eine Zusammenarbeit mit der AfD ausschließen. Der Vorsprung der Grünen zur CDU ist so gering, dass die Parteien nach dem vorläufigen Endergebnis genau gleich viele Sitze – nämlich 56 – im Landtag haben werden. Einen Vorschlag der CDU nach dem Sitz-Patt die Amtszeit zu teilen, hatte Özdemir scharf zurückgewiesen. Auch wenn es nur eine Stimme mehr gäbe, sei klar, wer den Ministerpräsidenten stelle, sagte Özdemir am Montag in Stuttgart. Das sei Tradition. Man werde auch keine Doppelspitze bilden. 

Die AfD kommt auf 35 Sitze, auf die SPD entfallen zehn Mandate. Der Frauenanteil liegt im neuen Landtag bei 33,8 Prozent, was einen historischen Höchstwert für Baden-Württemberg darstellt. Der Altersdurchschnitt der neuen Abgeordneten liegt bei 48,5 Jahren. Der neue Landtag wird mit 157 Abgeordneten um drei Sitze größer sein als in der letzten Legislaturperiode. Vor der Wahl war unklar, wie sich eine Änderung des Wahlsystems auf die Größe des Parlaments auswirken wird.

Bei der Landtagswahl 2026 kam in Baden-Württemberg ein neues Wahlsystem zum Einsatz, das mit dem Wahlgesetz 2022 beschlossen wurde. Demnach gibt es bei dieser Wahl erstmals eine Zweitstimme und Landeslisten und das Mindestwahlalter lag bei 16 statt zuvor bei 18 Jahren. Die Wahlbeteiligung lag bei etwa 69,6 Prozent und damit höher als 2021 mit damals 63,8 Prozent. 

Der Wahlkampf hatte sich als Duell zwischen CDU und Bündnis 90/ Die Grünen entwickelt, wobei die CDU mit Landeschef Manuel Hagel in Umfragen monatelang deutlich geführt hatte, teils mit einem Vorsprung im zweistelligen Prozentpunktebereich. Als wichtigste Themen im Wahlkampf brannten laut der Forschungsgruppe Wahlen den Wählerinnen und Wählern die Wirtschaftslage und das Thema Bildung unter den Nägeln. Auf Platz drei und vier der Topthemen lagen zudem die Themen Klima/Umwelt/Energie gefolgt von Zuwanderung/Integration. 

In der heißen Wahlkampfphase geriet CDU-Spitzenkandidat Hagel in die Schlagzeilen

Zum CDU-Spitzenkandidaten Hagel kursierten zuletzt zwei Videos im Netz, eines von vor acht Jahren, in dem der damalige Generalsekretär der Landes-CDU von „rehbrauen“ Augen einer minderjährigen Schülerin schwärmte, und eines von einem aktuellen Schulbesuch, für den er für seinen Umgang mit einer Lehrerin kritisiert wurde. Die CDU sprach im Wahlkampf von einer „Schmutzkampagne“ der Grünen, am Wahlabend sprach der 37-jährige Hagel von Belastungen für ihn und seine Familie. 

Özdemir galt als der deutlich bekanntere und erfahrenere Kandidat, jahrzehntlang ist der im schwäbischen Bad Urach Geborene in der Politik. Er war im Bundestag, im Europaparlament, Grünen-Chef und Bundesminister. Nun dürfte er der erste Ministerpräsident mit türkischen Wurzeln werden. Özdemir gilt als Realo, im Wahlkampf distanzierte er sich teils von der Bundespartei und gab sich, wie auch Vorgänger Kretschmann, pragmatisch.

Als nächstes wählt am 22. März Rheinland-Pfalz

Sowohl von SPD als auch Linkspartei hieß es am Wahlabend, man habe durch die Zuspitzung auf das Duell zwischen Özdemir und Hagel an Boden verloren. Linken-Co-Chef Jan van Aken etwa kritisierte, Hagel habe eine „jämmerliche Figur abgegeben“, was viele Wählende im linken Spektrum bewogen habe, ihr Kreuz bei den Grünen zu machen, um den CDU-Mann als Ministerpräsident zu verhindern. 

Die Wahl im „Ländle“ gilt, wie die weiteren Landtagswahlen in diesem Jahr, als wichtiges Signal für die Stimmung im Bund, wo die schwarz-roten Koalition über Sozial- und Wirtschaftsreformen debattiert. Die Hoffnung auf Punkteteilung zwischen den beiden Koalitionspartner mit je einem Sieg in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz (Wahl am 22. März 2026) ist nun mit dem Grünen-Sieg gescheitert.

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