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Bundestag gedenkt der NS-Opfer : Das Kind, vor dem Hitler Angst hatte

Die Holocaust-Überlebende Tova Friedman berichtet während der Gedenkstunde von ihren Erinnerungen an Auschwitz und warnt vor einem erstarkten Antisemitismus.

29.01.2026
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7 Min

27633 - seit über achtzig Jahren steht diese Zahlenfolge auf dem Arm von Tova Friedman und erinnert die heute 87-Jährige jeden Tag an ihre Gefangenschaft im deutschen Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Diese Nummer sei nun ihr Name, habe ihr die junge Frau gesagt, die Friedman die Zahlen nach ihrer Ankunft in Auschwitz auf den Arm tätowieren musste. 

Traditionelles Gedenken im Bundestag

Friedman war damals etwa fünfeinhalb Jahre alt, kannte weder Zahlen noch Buchstaben. Also brachte die junge Frau ihr bei, was die Zahlen bedeuteten. Denn wenn sie Auschwitz überleben wolle, dann müsste sie diese Nummer kennen, erinnert sich Friedman an die Worte der Tätowiererin. Es sei das erste Mal gewesen, dass Friedman gehört habe, dass sie die Zeit im Vernichtungslager auch überleben könnte.

Foto: DBT/Florian Gaertner/photothek

Anlässlich des internationalen Gedenktags für die Opfer des Nationalsozialismus sprach die Holocaust-Überlebende Tova Friedman vor dem Deutschen Bundestag.

Sechs Millionen Jüdinnen und Juden - darunter eineinhalb Millionen Kinder - sind dem Vernichtungswahn der Nationalsozialisten während des Zweiten Weltkriegs zum Opfer gefallen. Doch Friedman überlebte. "Ich bin das Kind, vor dem Hitler Angst hatte", sagt Friedman am Mittwoch im Deutschen Bundestag. Die Nationalsozialisten hätten keine Zeugen ihrer Verbrechen gewollt. Doch sie berichtet bis heute über die Gräueltaten. Damit die Menschheit nicht vergisst, was damals geschehen ist.

Traditionell erinnert der Deutsche Bundestag rund um den 27. Januar - dem internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus - mit einer Gedenkstunde an die Opfer der NS-Verbrechen. Für einen kurzen Moment hält der politische Betrieb deswegen an diesem Mittwochmittag im Bundestag inne. Wo im Plenarsaal normalerweise die Stenographen sitzen, liegen drei Blumenkränze, ein Flügel steht vor der Regierungsbank und auf den Stühlen liegen Programmheft und Kopfhörer bereit. Statt von Ausschusssitzung zu Ausschusssitzung zu eilen, sitzen die Abgeordneten dicht an dicht im Plenarsaal und hören gebannt zu, während Tova Friedman ihre Erinnerungen teilt.

Zusammen mit ihrem Enkel klärt Friedman auf TikTok über den Holocaust auf

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Friedman wurde 1938 in Gdingen nahe Danzig in Polen geboren. Eine ihrer ersten Erinnerungen sei es, wie sie sich im Ghetto der polnischen Stadt Tomaszów Mazowiecki unter einem Tisch versteckte, während die SS ihre Großmutter ermordete. In eindrücklichen Worten schildert Friedman die schmerzvollen Erlebnisse bis hin zu ihrer Deportation nach Auschwitz, einen Ort, dessen horrende Bestimmung ihr schon als Fünfjährige bekannt war.

Friedman spricht auf Englisch. Ihre Stimme ist stark und entschlossen, sie hält immer wieder kurz inne in ihren Erzählungen, sucht den Blickkontakt zu den Abgeordneten und den geladenen Gästen auf der Ehrentribüne. Neben den Vertretern der Verfassungsorgane sind unter anderem die Holocaust-Überlebenden Eva Szepesi und Roman Schwarzman anwesend. 

Auch Friedmans Tochter und Enkel lauschen den Worten. Mit ihrem Enkel Aron Goodman klärt Friedman auf einem Kanal auf der Social-Media-Plattform TikTok über den Holocaust auf. Über 500.000 Menschen folgen dem Kanal mittlerweile. Goodman filmt auch im Bundestag mit, als seine Großmutter über ihre Erlebnisse in Auschwitz berichtet - dem Ort, von dem sie glaubte, dass es kein Zurück geben wird.


„Ich verließ Auschwitz mit dem Gedanken, dass ich mich nie wieder fürchten müsste, weil ich Jüdin bin.“
Tova Friedman

Um zu überleben, habe ihre Mutter ihr aufgetragen, niemals zu weinen, erinnert sich Friedman. Wer weint, gelte als schwach und "die schwachen Kinder überleben nicht", habe sie ihr eingeschärft. An diesen Rat habe sie sich gehalten: "Ich weinte nicht, als man mich tätowierte und als man mich meiner Mutter wegnahm." Auch als sie nackt hungerte und fror und als sie mit anderen Kindern im Vorraum der Gaskammer auf den Tod wartete, habe sie nicht geweint, schildert sie. 

Friedman entging dem Tod durch Vergasung vermutlich aufgrund eines technischen Defekts der Mordanlage. Vereinzelt wischen sich die Zuhörenden eine Träne vom Gesicht. Obwohl fast voll besetzt, ist es ganz still im Plenarsaal.

Auch in Deutschland erstarke der Antisemitismus wieder

"Ich verließ Auschwitz mit dem Gedanken, dass ich mich nie wieder fürchten müsste, weil ich Jüdin bin", sagt Friedman. Nun, 81 Jahre später, habe sich ein Großteil der Welt jedoch wieder gegen Jüdinnen und Juden gewandt, stellt sie fest. "Mein Enkel muss seinen Davidstern auf dem Campus verbergen. Meine Enkelin wurde gezwungen, aus dem Studentenwohnheim auszuziehen, um Bedrohungen zu entgehen.

"Rufe wie "Hitler hatte recht!" oder "Vergast die Juden!" seien auf den Straßen von New York, Paris, Amsterdam, London und "vermutlich auch Berlin" zu hören. Auf der ganzen Welt fühlten sich Juden wieder ungeschützt, angegriffen und gehasst, so Friedman. Ihre Stimme wirkt jetzt lauter, sie gestikuliert viel, um ihren Worten Nachdruck zu verleihen.

"Der Antisemitismus ist nicht verschwunden; er hat sich angepasst", so ihr Befund. Er verberge sich jetzt häufig hinter einer "neuen antizionistischen Sprache" und verbreite sich erschreckend schnell über soziale Medien, beklagt Friedman.

“Nie wieder” bleibt für Friedman eine bleibende Verpflichtung

Bis zu ihrem Tod werde sie ihre Aufklärungsarbeit fortsetzen, versicherte sie. Und an die deutsche Politik gerichtet, mahnte sie dazu, den Kampf gegen Antisemitismus zu intensivieren. Auch in Deutschland wachse die Judenfeindlichkeit. Es sei daher unerlässlich, dass sich die Bundesregierung auf allen Ebenen dagegen zur Wehr setze. "Möge die Erinnerung zur Verantwortung führen. Möge die Verantwortung zum Handeln führen. Und möge das Handeln dafür sorgen, dass ,Nie wieder' nicht nur eine Parole ist, sondern eine bleibende Verpflichtung", schließt die Holocaust-Überlebende ihre Rede.

Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus

🕍 Der Tag wurde 1996 vom damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog eingeführt. Seither findet jährlich am oder um den 27. Januar eine Gedenkstunde im Bundestag statt.

👉 Anlass ist die Erinnerung an die Befreiung der Überlebenden des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz durch Soldaten der Roten Armee am 27. Januar 1945.



Während Friedman zurück zu ihrem Platz zwischen Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) läuft, klatschen die Anwesenden stehend Beifall.

Friedmans Worte hallen nach, als der Pianist Igor Levit im Anschluss seine Interpretation von "Nocturne - Warsaw Ghetto" der polnischen Komponistin Josima Feldschuh (1929 bis 1943) präsentiert. Feldschuh galt bereits im Alter von fünf Jahren als großes musikalisches Talent. Sie starb im Alter von 13 Jahren auf der Flucht vor den Nationalsozialisten an Tuberkulose.

Deutschlands historische Verantwortung

Diese "besondere Verantwortung", von der Friedman gesprochen hat, adressiert auch Bundestagspräsidentin Klöckner in ihrer Rede eingangs der Gedenkstunde. Sie spricht in dem Zusammenhang von einer "historischen Selbstverständlichkeit Deutschlands" und einem "kategorischen Imperativ".

Jede Form der Ausgrenzung jüdischen Lebens widerspreche dem Wesen unseres Landes, sagt sie mit Blick auf den von Deutschland begangenen Zivilisationsbruch. Wer in Deutschland lebe, gleich welcher Herkunft, müsse sich dieser Verantwortung stellen. Und an die Zivilgesellschaft gerichtet, fügt sie betont hinzu: "Wenn es Dein Land sein soll, dann ist es auch Deine Geschichte!" Zustimmend klatschen die Abgeordneten der Union Beifall, in den auch Politikerinnen und Politiker der übrigen Fraktionen einstimmen.

Bundestagspräsidentin Klöckner warnt vor neuem Hass

Klöckner zeigt sich in ihrer Rede teils erschüttert über manche Entwicklungen und Ereignisse in Deutschland. "Der Hass wird gesellschaftsfähig", warnt Klöckner. Die öffentliche Empörung nach Angriffen auf Jüdinnen und Juden halte sich in Grenzen, kritisiert sie. Dem wiederaufkommenden Hass auf Juden müssten alle entgegentreten - "in der Schule und an der Uni, im Betrieb und im Verein, im Netz und im eigenen Freundeskreis", so das Plädoyer der Bundestagspräsidentin.

Hand in Hand verlassen Friedman und Klöckner zum Ende der Gedenkstunde den Plenarsaal. Es bleibt noch einige Sekunden still, bevor die Abgeordneten sich wieder auf den Weg in ihre Sitzungen machen. Die Programmhefte werden rasch von den Saaldienern eingesammelt, der Flügel abtransportiert und auf den Bildschirmen wird die 55. Sitzung des Deutschen Bundestags angekündigt, die in wenigen Minuten beginnen wird. Begleitet von Friedmans Appell nimmt der politische Betrieb seine Arbeit wieder auf.

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