Jugendbegegnung des Deutschen Bundestages : Die nächste Generation erinnert
70 junge Erwachsene setzen sich in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück mit der NS-Geschichte und der Verantwortung des Erinnerns auseinander.
Die Überraschung ist groß, als die Gruppe junger Erwachsener erfährt, wo sie die kommenden Nächte verbringen wird: in den Wohnhäusern der SS-Aufseherinnen des ehemaligen Konzentrationslagers Ravensbrück. Inzwischen zu einer internationalen Jugendbegegnungsstätte umfunktioniert, befindet sich ihre Unterkunft direkt auf dem Gelände des früheren KZs.
Teilnehmer der Jugendbegegnung besuchen die Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück. In dem ehemaligen Konzentrationslager wurden zehntausende Frauen und Kinder gefoltert und ermordet.
In den kommenden fünf Tagen beschäftigt sich die Gruppe mit der Verfolgung von Frauen und Kindern im Nationalsozialismus. Die Teilnehmer erfahren, dass das im Norden Brandenburgs gelegene Ravensbrück einst das größte Konzentrationslager für Frauen war. Dort wurden zwischen 1939 und 1945 rund 120.000 Frauen und Kinder gefoltert und ermordet. Sie setzen sich mit einzelnen Biografien von Inhaftierten auseinander und gehen der Frage nach, wie Frauen zu Täterinnen werden konnten.
Vielfältiges Programm für die Teilnehmer der Jugendbegegnung
Die Gruppe, das sind 70 junge Erwachsene zwischen 17 und 24 Jahren, die im Rahmen der Jugendbegegnung des Deutschen Bundestages nach Ravensbrück gereist sind. Die meisten kommen aus Deutschland, einige auch aus Polen, Ungarn, Frankreich, den Niederlanden, Tschechien und Österreich.
Manche studieren oder machen eine Ausbildung, andere absolvieren einen Freiwilligendienst in einer Gedenkstätte. Sie verbindet ihr Engagement in der Erinnerungskultur. Sie alle setzen sich gegen Rassismus und Antisemitismus ein.
Als Anerkennung für ihre Arbeit hat der Bundestag die jungen Erwachsenen nach Berlin eingeladen. Neben dem Besuch der Mahn- und Gedenkstätte stehen Gespräche mit Zeitzeugen, Diskussionsrunden und Workshops auf dem Programm. Dabei beschäftigen sie sich beispielsweise mit der Traumatisierung überlebender Kinder und den gegenwärtigen Herausforderungen von Erinnerungskultur in sozialen Medien.
"Digitale Zeitzeugen" als Teil der Erinnerungsarbeit?
Ein wichtiges Thema ist auch, wie die Erinnerung ohne Zeitzeugen aussehen könnte. Eine Teilnehmerin berichtet, dass sie sich im Rahmen ihrer Arbeit an der Gedenkstätte Sachsenhausen mit Hologrammen beschäftigt. In Zusammenarbeit mit dem Holocaust-Überlebenden Ernst Grube habe die Gedenkstätte eine dreidimensionale Projektion des Holocaust-Überlebenden entwickelt. Basierend auf vorab geführten Interviews könne dieser "digitale Zeitzeuge" Fragen zum Holocaust beantworten. Vielleicht könne so eine Zukunft ohne Zeitzeugen aussehen?
Die Gruppe ist zwiegespalten. "Natürlich ist das nicht dasselbe - man spricht eben nicht mit einem Menschen, sondern mit einem Computer. Aber das ist doch besser als nichts", findet eine Teilnehmerin. "Die Gefahr, dass der Computer falsche Antworten generiert, ist viel zu groß", hält jemand anderes dagegen. "Was, wenn es dadurch zu einer Relativierung des Holocaust kommt?"
Holocaust-Überlebende Tova Friedman rät zu Gesprächen mit Jüdinnen und Juden
Das Thema prägt auch das Gespräch der jungen Erwachsenen mit der Holocaust-Überlebenden Tova Friedman. Im Rahmen einer Podiumsdiskussion fragt Arthur, der im Jüdischen Museum Berlin arbeitet, ob es in Ordnung sei, einen Vergleich zwischen der NSDAP und ihren Plänen zur Judenvernichtung und heutigen rechtsextremen Parteien zu ziehen. Friedman verneint dies entschieden. Diese Parteien seien zwar "furchtbare Gruppierungen", denen Einhalt geboten werden müsse. Für einen Holocaust brauche es aber ein ganzes Land. Der Vergleich sei "nicht okay, weil es Menschen gibt wie Sie", sagt sie an die Adresse der jungen Erwachsenen.
Auf die Frage von Alina, die für die Gedenkstätte Hadamar arbeitet und wissen möchte, welche Eigenschaften die heutige Gesellschaft für ein besseres Miteinander braucht, antwortet Friedman: "Wir brauchen ein gemeinsames Verständnis." Es sei wichtig, in andere Länder zu reisen, an Austauschprogrammen teilzunehmen und sich mit Jüdinnen und Juden zu unterhalten. “Dafür braucht es junge Menschen wie euch.”
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