Gesundheitssystem in der Corona-Krise : Emotionale Belastungen in Krankenhäusern beschäftigt Kommission
Ex-Gesundheitsminister Lauterbach verteidigt Corona-Impfungen gegen Kritiker. Die teils kritische Lage in der Intensivmedizin ist ebenfalls Thema der Corona-Enquete.
Einige der Entscheider und Fachleute aus der Coronazeit haben sich in dieser Woche in der Enquete-Kommission zu Wort gemeldet. In der Sitzung am Donnerstag ging es um die Leistungsfähigkeit des Gesundheitssystems, Impfstrategien und Forschung. Der Intensivmediziner Christian Karagiannidis lobte das Abwassermonitoring. Dies habe gezeigt, wie sich Viren verbreiten.
Rege Debatte über Schutz und Risiko der Corona-Impfung
Karagiannidis ging auch auf das damals neu aufgebaute Intensivregister ein, das hervorragend funktioniert habe. Der Mediziner von der Universität Witten/Herdecke berichtete aber auch von Überlastung des Personals in den Krankenhäusern. "Einige haben bei uns das Handtuch geschmissen."
Der ehemalige Gesundheitsminister Karl Lauterbach (m., SPD) gehörte zu den geladenen Sachverständigen der Anhörung am 19. März.
Mehr als 50 Prozent der beatmeten Patienten seien verstorben. Die emotionale Belastung sei schwierig gewesen. Das Gesundheitssystem komme mit kurzfristigen Spitzenbelastungen gut zurecht, in der Pandemie seien Ärzte und Pflegekräfte aber teilweise überfordert gewesen.
Der Toxikologe Helmut Sterz äußerte sich kritisch zu den Impfungen und bezeichnete die Entwicklung in der Pandemie als "Impftragödie". Impfstoffe seien im Schnelldurchgang zugelassen worden, beklagte Sterz und sprach von "verbotenen Menschenversuchen" und vermuteten 60.000 Todesfällen durch Impfungen in Deutschland. Der frühere Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) widersprach energisch und rügte die "bestürzenden Äußerungen" seines Vorredners. "Es war mitnichten so." Die Sicherheit der Impfstoffe sei gut untersucht worden. "Impfungen führten nicht zu Übersterblichkeit".
Zwar hätten Impfungen auch Risiken mit sich gebracht wie Myokarditis oder Thrombosen, das seien aber seltene Komplikationen gewesen. Lauterbach betonte: "Deutschland ist verhältnismäßig gut durch die Pandemie gekommen."
Die Ständige Impfkommission gab zahlreiche Empfehlungen zu neuen Impfstoffen
Der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission (STIKO), Reinhard Berner, sagte, die STIKO habe einen Beitrag zur Senkung der Sterblichkeit geleistet. Im Verlauf der Pandemie seien 25 Empfehlungen wegen neuer Impfstoffe und bestimmter Nebenwirkungen veröffentlicht worden.
Berner, der auch Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin des Universitätsklinikums an der TU Dresden ist, ging explizit auf die Gesundheitsvorsorge für die junge Generation ein und sagte: "Kinder und Jugendliche müssen besser berücksichtigt werden."
Marcus Wächter-Raquet berichtete über Aufklärungskampagnen rund um das Impfen. Als Erfolgsfaktor nannte der Fachreferent der Landesvereinigung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen und Bremen die kleinräumigen Datenerhebungen in der Hansestadt. In benachteiligten Wohnorten habe es besonders viele Infektionsfälle gegeben. Daraufhin seien ab Mai 2021 mobile Impfteams eingerichtet worden. Kommunikation, Bindung und Vertrauen seien wichtig, um die Bevölkerung vor den Gesundheitsgefahren einer Pandemie zu schützen.
Auch Lothar Wieler war als Experte eingeladen. Der ehemalige Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI) wertete die Pandemie als historische Belastung. Zwar sei das deutsche Gesundheitssystem leistungsstark. Allerdings seien die Gesundheitsdaten schlecht vernetzt. Wieler betonte, Vertrauen und Unterstützung der Bevölkerung seien bei einer Pandemiebekämpfung von fundamentaler Bedeutung. “Dies ließ im Lauf der Pandemie nach.”
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