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Das Leben in 90 Minuten : Nichts fasziniert mehr als der Fußball

Vor der Weltmeisterschaft in Kanada, den USA und Mexiko wächst die Vorfreude, aber auch die Kritik an dem Megaevent. Dabei steht der Fußball nun mal für das Leben.

11.03.2026
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4 Min

In solch einer Laune werden üblicherweise Staaten gegründet und Freiheitsmanifeste geschrieben", hat Frank Goosen bereits 2010 in seinem Buch "Weil Samstag ist" die Stimmung bei einem Hochfest des Fußballs beschrieben. Kaum jemanden lässt die Faszination dieses Sports kalt. 

Mehr als 1,5 Milliarden Menschen sahen 2022 das Finale der Weltmeisterschaft (WM) zwischen Argentinien und Frankreich. Kein Sport zieht mehr Zuschauer vor die Fernsehbildschirme. "Dieser Sport vereint die ganze Welt", sagt Goosen. Mit der im Sommer anstehenden Fußball-WM in Kanada, den USA und Mexiko steht abermals ein Wettbewerb der Superlative an. Dabei wirft aber auch diese WM wieder zahlreiche politische und gesellschaftliche Fragen auf.

Foto: picture-alliance / ASA / D.P.P.I.

Urs Meier zeigt Michael Ballack im Halbfinale der WM 2002 die gelbe Karte. Bitter für den deutschen Mittelfeldmann: Er war deshalb im Finale gegen Brasilien gesperrt. Brasilien gewann 2:0.

Der Fußball ist eben mehr als ein Sport. Das zeigt sich in Deutschland, wo in die Bundesliga-Stadien jedes Wochenende mehr als 600.000 Schlachtenbummler pilgern. Nur die Kirchen versammeln sonntags mehr Menschen. Doch während bei den Kirchen die Mitgliederzahlen kollabieren, wachsen die Fußball-Klubs ungebremst. Der eigene Verein ist oftmals längst Ersatzreligion. Der derzeit zweitklassige Verein Schalke 04 hat sich seit der Jahrtausendwende nahezu verzehnfacht, von gut 22.000 auf rund 200.000 Gläubige.

“Der echte Fan muss leiden”

Warum? Worin besteht die Faszination? "Der Fußball ist voraussetzungslos", versucht sich Goosen an einer Erklärung. Er benötigt keine Körbe wie beim Basketball, und wenn kein rundes Leder vorhanden ist, tut es auch eine leere Konservendose.

Urs Meier, langjähriger Profi- und zweifacher WM-Schiedsrichter sowie Fußball-TV-Experte, sagt: "Der Fußball ist das Leben in 90 Minuten." In diesem Sport zeigen sich die Hochs und Tiefs des Lebens, hier spiegeln sich die Konflikte der Gesellschaft. "Der echte Fan muss leiden", erklärt der erfahrene VfL-Bochum-Fan Goosen. Sein Verein habe ihn auf das Leben vorbereitet. Zum VfL zu gehen, sei, "wie wenn dich jede Woche deine Frau verlässt". Dagegen seien "die Glücksmomente rar gesät." Tore fallen relativ selten.


„Gerade weil der Fußball nicht perfekt ist, steht er für das Leben.“
Schiedsrichter-Legende Urs Meier

Im Fußball wisse man nie, was passiere, sagt Schiedsrichter-Legende Meier, und das schließe Entscheidungen des Unparteiischen mit ein, insbesondere falsche. "Gerade weil der Fußball nicht perfekt ist, steht er für das Leben." Versuche, ihm das zu nehmen, sieht Meier kritisch, etwa die Video-Schiedsrichter. Eine perfekte Show, die wollen viele Fußball-Fans nicht, genau das macht aus ihrer Sicht den Sport kaputt.

"Gegen den modernen Fußball", mit diesem Slogan machen seit Jahren die eingefleischtesten Fangruppierungen mobil, die Ultras. In ihnen manifestiert sich inmitten eines Milliardengeschäfts eine antikapitalistische Gegenbewegung. Der Fußball soll nicht Kommerz sein, sondern echte Liebe. Die aktive Fanszene will Identität, Tradition, Zugehörigkeit, verachtet Konsum, Kommerz und Ereignis-Tourismus.

Gemischte Gefühle vor der WM 2026 in Nordamerika

Nicht wenige blicken deshalb skeptisch auf Großevents wie die anstehende Fußball-WM in Nordamerika, zumal dieses Event auch droht, ein hochpolitisches zu werden. In vorauseilendem Gehorsam hat der Weltfußballverband Fifa US-Präsident Trump einen neu erfundenen "Fifa-Friedenspreis" verliehen.

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Auf die WM blicke er deshalb mit gemischten Gefühlen, sagt Meier, obwohl er ein großer WM-Fan sei. Bereits als junger Fan sei er 1982 zur WM mit dem Motorrad durch Spanien gereist. Beim Halbfinale Polen gegen Italien war das Stadion Camp Nou in Barcelona mit 50.000 Zuschauern halb leer, 119.000 Menschen fasste der Fußballtempel damals. Ein halbleeres Stadion - heute undenkbar für ein WM-Halbfinale. Bei der anstehenden WM in den USA, Kanada und Mexiko sind Karten rar und teuer. "In Spanien 1982 war auch Party, aber eben von Fans, die den Fußball liebten, nicht das Event", berichtet Meier. Heute sind Top-Spiele für viele Menschen unbezahlbar. Ein Final-Ticket für die WM 2026 wurde zuletzt für 143.750 Dollar gehandelt (Ursprungspreis: 3.450 Dollar).

1982 spielten 24 Nationalmannschaften um den WM-Pokal. 2026 werden es 48 sein. Mehr Spiele, mehr Umsatz. "Wir werden sicher gute Spiele sehen, aber bei so vielen Spielen auch viele schlechte", erwartet Meier.

Vom Profi-Sport lernen: Hunger auf Erfolg

Trotz aller Kritik: Vom Fußball lasse sich auch viel lernen. "Der Fokus auf den Augenblick, auf das Spiel, das gerade läuft, auf das Richtige, und nicht auf die Frage, wie eine Entscheidung bei den Zuschauern oder Verbandsfunktionären ankommt, das ist entscheidend", erklärt Meier. Jochen A. Rotthaus, der als Manager in Stuttgart, Hoffenheim und Leverkusen aktiv war, sagt: "Erfolg hat im Profi-Sport nur, wer unbedingten Willen mitbringt, sieben Tage die Woche hart trainiert und einen kompromisslos disziplinierten Lebensstil pflegt." 

Diesen Erfolgshunger brauche auch eine Gesellschaft. Auch er sei als Fan in der Kurve groß geworden und kenne seit früher Jugend die Anziehungskraft der Kurvengesänge und des Wir-Gefühls. "Aber bei aller Begeisterung für Fankultur und Traditionsvereine zählen für mich zuerst das Spiel, Leistung und Qualität."

Ein Gedanke auch für die deutsche Gesellschaft? Weniger Nostalgie ob vergangener Erfolge, weniger Leidenschaft für bestehende Technologien, mehr Begeisterung für Innovationen und Zukunft? Auf globaler Bühne wird der Wille zum Erfolg am 11. Juni zum zentralen Faktor. Um 21 Uhr ist dann vor 90.000 sicher lautstarken Fans Anpfiff des Eröffnungsspiels Mexiko gegen Südafrika im Azteken-Stadion in Mexiko-Stadt.

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