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Dagegen war kein Kraut gewachsen : Wie der Fußball nach Deutschland kam

Gegen die "englische Krankheit" fand Deutschland im 20. Jahrhundert einfach kein Rezept: Fußball wurde zum attraktiven Massensport.

13.03.2026
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5 Min

Fußball - ein Arbeitersport? Das ist mit Blick auf die Entwicklung des modernen Fußballs die Geschichte eines Missverständnisses. Das Spiel, so wie wir es heute kennen, begann in der Mitte des 19. Jahrhunderts als Trendsport unter englischen Eliteschülern und Internatszöglingen: in Eton etwa, in Cambridge und in Harrow, wo die ersten Regelwerke festgelegt wurden, bevor 1863 englische Vereine im "Freemasons' Tavern" in London die "Football Association" gründeten und sich auf ein gemeinsames Reglement einigten. 

Die Regeln des modernen Fußballspiels mögen in England niedergeschrieben worden sein, ein Patent auf das Spiel mit dem Ball am Fuß haben die Briten gleichwohl nicht. Davon künden Zeugnisse aus China vor rund 2.000 Jahren ebenso wie die Überlieferung des "Calcio"-Spiels während der italienischen Renaissance: Noch heute wird Jahr für Jahr auf der Piazza di Santa Croce in Florenz unter den Mannschaften der vier historischen Vierteln der Stadt der Sieger ermittelt.

Die Arbeiter-Turner waren zunächst skeptisch

Als der moderne Fußball aus England nach Deutschland kam, oftmals über in Deutschland lebende Briten oder über Reform-Pädagogen wie Konrad Koch vermittelt, war das eine Sache für Privilegierte: Es war ein bürgerliches und großstädtisches Publikum, das sich für das neue Spiel begeistern konnte. 

Arbeiter hatten in Zeiten der wilden Industrialisierung und der erst langsam einsetzenden Sozialgesetzgebung schlicht keine Zeit für sportliche Betätigung. Und wenn sie diese hatten, hielten sie es in Deutschland traditionell mit Turnvater Jahn und dem politisch bis in die Wolle sozialdemokratisch eingefärbten Arbeitersport an Reck und Barren.

Foto: picture alliance / brandstaetter images/Austrian Archives

Die Begeisterung kennt keine Grenzen: Berliner Schulkinder als Zuschauer bei einem Fußballspiel um 1930.

Als 1900 in der Leipziger Gaststätte "Mariengarten" Vertreter von Fußballvereinen den "Deutschen Fußball Bund" (DFB) gründeten, war ihr Sport noch eine Randerscheinung. Manchem Zeitgenossen wie dem Turnlehrer Karl Planck galt er als "Fußlümmelei" und "englische Krankheit". "Müsst ihr denn immer und überall die gehorsamen Affen des Auslands bleiben?", fragte der Stuttgarter Gymnasiallehrer. "Habt ihr denn nicht genug an eurem Schwungball mit Riemen, Stoßball ohne Riemen?" 

Während in England Fußballspiele bereits ein Publikum von 100.000 Menschen anziehen konnten und Vereine längst in einer Spielklasse gegeneinander antraten, gab es in Deutschland 1903 gerade das erste Spiel um eine Meisterschaft - im Endspiel siegte damals übrigens der VfB Leipzig über den DFC Prag.

In der Weimarer Republik stemmte sich der DFB gegen den Fußball als Profisport

Ausgerechnet der Erste Weltkrieg sorgte dafür, Fußball in Deutschland als Volkssport und schichtenübergreifendes Massenspektakel zu etablieren. Dominierten in den Anfangszeiten kosmopolitisch geprägte Kräfte den Fußballsport in Deutschland, die an seine völkerverständigende Kraft glaubten, entdeckten ihn zunehmend national gesinnte Kräfte als Instrument patriotischer Ertüchtigung. 1906 wurde Fußball Teil der preußischen Offiziersausbildung. Im Krieg an der Front ab 1914 wurde das Spiel genutzt, um die Moral der Truppen zu heben.


„Aus, Aus, Aus, das Spiel ist aus. Deutschland ist Weltmeister!“
Herbert Zimmermann beim "Wunder von Bern" 1954

Das wachsende Interesse spiegelt sich in den Zahlen: Vertrat der DFB im Jahr 1908 noch rund 44.000 Mitglieder in 730 Vereinen, wuchs diese Zahl bis 1912 bereits auf 1.630 Vereine und 140.000 Mitglieder. Neun Jahre später, also 1921, zählte der DFB schon 780.500 Mitglieder und stieg zum größten Sportverband der Welt auf.

In den Weimarer Jahren wehrten sich DFB-Funktionäre gegen den Fußball als Profisport und die Etablierung einer Reichsliga. Man hielt an der Selbstbeschreibung vom "reinen" Amateur fest und stemmte sich gegen die Kommerzialisierung des Sports, den man nicht dem "Zirkus" überlassen wolle. Dabei war der Weg des Fußballs in die Unterhaltung und zum eigenen Wirtschaftszweig mit dem Aufstieg der Massenkultur längst vorgezeichnet: Beim Fußball verschwammen die Grenzen zwischen unten und oben, verblassten die alten Hierarchien von Ständen und Klassen.

1932 ebneten die Funktionäre schließlich den Weg für den Profisport

Um rigide Amateurstatuten zu umgehen, operierten Vereine mit schwarzen Kassen und "Handgeldern" für Spitzenspieler (darunter der spätere Nationaltrainer Sepp Herberger). Fußballklubs drohten, in Eigenregie eine Berufskicker-Liga zu etablieren und damit dem DFB das Heft des Handelns zu entreißen. 1932 ebneten die Funktionäre schließlich den Weg für den Profisport - wozu es mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 dann aber nicht mehr kam.

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Auch in den Vereinen und beim DFB zeigte sich schnell, in welchen Abgrund NS-Deutschland zu marschieren gedachte: Im Zuge der "Neuordnung des deutschen Sports" wurden Arbeitervereine verboten, gaben Fußballvereine ihre juristische Selbstständigkeit auf und ihr Vermögen an den Staat ab, sie wurden nationalsozialistische Gliederungen. 

Früh wurden jüdische Sportler und Funktionäre mit Schmutzkampagnen überzogen und aus den Vereinen gedrängt: Dazu zählte etwa Kurt Landauer, der Präsident des FC Bayern München, der es nach der Pogromnacht 1938 und einer Internierung im KZ Dachau schließlich ins Exil in die Schweiz schaffte. Dorthin war bereits 1933 Walther Bensemann geflüchtet, der als Pionier des Fußballs in Deutschland 1898 "Ur-Länderspiele" organisiert und 1920 das Fußballmagazin "Kicker" gegründet hatte. Die offenkundige Verwicklung des organisierten Fußballsports mit dem NS-Staat hielt DFB-Funktionäre nach 1945 nicht davon ab, vom "unpolitischen Fußball" zu sprechen, den man "fleckenrein" durch die dunkle Zeit manövriert habe.

Mittlerweile zählt Deutschland zu den großen Fußball-Nationen

Regelrecht eingebrannt in das bundesdeutsche Gedächtnis wirkt der unverhoffte Sieg der DFB-Auswahl bei der WM in der Schweiz im Jahr 1954: Mit dem "Wunder von Bern" exkulpierte sich das politisch und mehr noch moralisch im Abseits stehende Land über das Vehikel Fußball gewissermaßen selbst. 

Sepp Herberger und seine "elf Freunde" lieferten eine Geburtsstunde der jungen Bundesrepublik, Herbert Zimmermanns "Aus, Aus, Aus, das Spiel ist aus. Deutschland ist Weltmeister!" die Geburtsurkunde auf Tonspur. Statt sich mit NS-Verbrechen zu befassen, stürzte sich die junge Bundesrepublik munter ins Wirtschaftswunder, das nun auch den Fußball erfasste: Spitzenspieler versilberten ihren gestiegenen Marktwert mit einem Wechsel zu italienischen Clubs, wo die Verdienstregeln für Sportler laxer und die Gehälter üppig waren.

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Der überfällige Schritt war folgerichtig die Gründung einer Profi-Spielklasse. Mit der Etablierung der Bundesliga 1963 vollzog Fußball-Deutschland, was England bereits 1888, Italien 1929 und Frankreich 1932 gewagt hatten: den Abschied von der Verklärung des Amateursports und die Öffnung des Fußballs fürs Geschäft. Ohne diesen Professionalisierungsschub hätte es die späteren Erfolge der Nationalmannschaft wie bei der EM 1972 und 1980 und bei der WM 1974 und 1990 wohl nicht gegeben.

Heute gehört Deutschland zu den „Großen“ unter den „Fußball-Nationen“. Deutsche Klubs sind erfolgreich Teilnehmer der UEFA-Champions-League. Die deutsche Nationalmannschaft gilt, einige Tiefpunkte eingerechnet, als ernst zu nehmender Rivale. In der ewigen WM-Tabelle steht Deutschland mit vier Titelgewinnen hinter Brasilien auf Platz zwei, bei der EM war die DFB-Auswahl dreimal erfolgreich. 

Und dann ist da noch die Erfolgsgeschichte des deutschen Frauenfußballs

Die Auflistung wird nochmals beeindruckender, wenn man die acht (!) EM- und zwei WM-Titel der Frauen in den Blick nimmt: Gemessen daran, dass der DFB sein lange geltendes "Damen-Fußball"-Verbot erst 1970 aufgehoben hat und Fußballerinnen in Deutschland einst in "Belustigungsmannschaften" auf Kirmes-Veranstaltungen ein Schattendasein fristeten, ist das erst recht eine Erfolgsgeschichte. Unlösbar mit diesen Erfolgen verbunden bleibt die Begeisterung an dieser Sportart über alles Trennende hinweg: Davon zeugen randvolle Stadien in der Bundesliga ebenso wie die Millionen aktiver Spielerinnen und Spieler. Noch immer ist der DFB mit seinen heute 7,7 Millionen Mitgliedern der größte Sportverband der Welt.

Fußball und Deutschland, das ist also eine Erfolgsgeschichte: Anfangs verhalten aufgenommen und als "Engländerei" verspottet, verhalfen Industrialisierung, Erster Weltkrieg und Massenkultur der Weimarer Zeit der Sportart zum Durchbruch. Und doch wohnen Fußball-Deutschland immer auch zwei Seelen in der Brust, das ist im Grunde bis heute so geblieben: Himmelhochjauchzend werden die Erfolge des Hochleistungssports gefeiert, zu Tode betrübt blickt man fußballromantisch in die Vergangenheit: Als "Werkself"-Auswahlen auf Ascheplätzen im Ruhrgebiet kickten und der Begriff Fußball-Legionär noch ein Fremdwort war.

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