Die WM-Vergabe der FIFA : Eine Bühne für Autokraten
Die FIFA vergibt ihre Turniere zunehmend an politisch umstrittene Gastgeber. Auch vor der WM 2026 stellt sich der deutsche Fußball erneut die Frage nach Haltung.
Saudi-Arabien gehört zu den autoritärsten Staaten der Welt. Die Todesstrafe steht dort auf der Tagesordnung, Frauenrechte existieren quasi nicht, die Meinungs- und Versammlungsfreiheit ist stark eingeschränkt, politische Stimmen werden auf brutalste Weise zum Schweigen gebracht.
Im Demokratieindex 2024 des "Economist" belegt das Land Platz 148 von 167. Dennoch soll dort im Jahr 2034 die Fußball-WM stattfinden. Dass die FIFA sich in ihren Statuten unter anderem zur Förderung von Menschenrechten und Antidiskriminierung verpflichtet, scheint für die Funktionäre der FIFA und ihren Präsidenten Gianni Infantino kein Widerspruch zu sein.
Aus Protest gegen die WM in Katar lud der deutsche Künstler Volker Johannes Trieb im April 2022 6.500 mit Sand gefüllte Fußbälle vor den Hauptsitz der FIFA ab. "Weltgewissen, du bist ein Fleck der Schande", steht auf den Bällen, die die rund 6.500 Gastarbeiter symbolisieren sollen, die auf den WM-Baustellen gestorben sind.
"Infantino hat keinerlei Bedenken, sich mit Politikern zu zeigen, die für Unterdrückung und Verletzung von Menschenrechten stehen", sagt der Politologe Timm Beichelt von der Europa-Universität Viadrina. Das Verhalten passe zu einer Entwicklung, die sich seit Jahren beobachten lasse: "In den meisten internationalen Sportverbänden sind Vertreter autokratischer Staaten in der Mehrheit. Fragen von Demokratie und Gleichberechtigung werden schon deshalb kaum mehr gestellt".
Autoritäre Regime nutzen “Sportswashing” zum Aufpolieren des eigenen Images
Autoritäre Regime profitieren immens von dieser Entwicklung. Sie nutzen Sportereignisse gezielt als politisches Instrument, um sich international zu etablieren oder ihr Image zu verbessern. Die Wissenschaft nennt dies "Sportswashing". Laut einer Definition von Amnesty International wird die Strategie genutzt, um zum Beispiel von Menschenrechtsverletzungen abzulenken.
Auch wenn der Begriff vergleichsweise neu ist, reicht die Praxis weit zurück. "Durch großzügig finanzierte Sportereignisse den eigenen Ruf zu verbessern, greift im Grunde eine Strategie auf, die Hitler mit den Olympischen Spielen schon 1936 in Deutschland angewendet hat", sagt der Philosoph und Sportsoziologe Gunter Gebauer.
Bei der WM in Katar 2022 wollte die deutsche Nationalmannschaft vor ihrem ersten Gruppenspiel gegen Japan mit der "Mund-zu"-Geste ein Symbol für Meinungsfreiheit setzen.
Auch im Fußball finden sich historische Beispiele für "Sportswashing". Im Sommer 1978 fand die WM in Argentinien statt, das damals von einer Militärdiktatur beherrscht wurde, der schätzungsweise bis zu 30.000 Menschen zum Opfer gefallen sind. Spätestens mit der Vergabe der Weltmeisterschaft 2022 an Katar rückte die politische Dimension des internationalen Fußballs stärker ins öffentliche Bewusstsein. Der Wüstenstaat stand wegen Menschenrechtsverletzungen und dem Umgang mit Gastarbeitern massiv in der Kritik.
DFB-Team hält sich die Hand vor den Mund – und erntet Kritik
Für das Land selbst hatte das Turnier dennoch vor allem positive Effekte. Auch wenn "Sportswashing" schwer zu messen sei, lasse sich zumindest feststellen, dass Katar "von einer Position der internationalen Randlage und Ablehnung zu einem etablierten und attraktiven Austragungsland aufgestiegen ist", sagt Gebauer.
Auch der deutsche Fußball sah sich damals mit grundlegenden Fragen konfrontiert. Im Vorfeld der WM diskutierten Sport, Politik und Gesellschaft intensiv, wie Deutschland sich positionieren solle; Teile der Gesellschaft forderten sogar einen Boykott des Turniers. Letztendlich reiste der Deutsche Fußball Bund (DFB) dennoch nach Katar. Gemeinsam mit anderen europäischen Fußballverbänden hatte man sich stattdessen darauf verständigt, als Zeichen für Vielfalt eine bunte "One Love"-Kapitänsbinde zu tragen.
„Der DFB spricht viel über Werte, Demokratie, Antidiskriminierung und Antirassismus. All dies müsste in einer klaren Haltung zur Weltmeisterschaft in den USA münden.“
Nachdem die FIFA jedoch Sanktionen androhte, verzichteten die Verbände auf die Binde. Eine Entscheidung, die zu heftiger Kritik in Deutschland führte und als vermeintliches Einknicken vor der FIFA verstanden wurde. Dass sich die Mannschaft dann vor dem ersten Gruppenspiel gegen Japan symbolisch die Hand vor den Mund hielt, konnte die Kritiker nicht besänftigen und wurde als halbherzige Geste abgetan.
Gebauer hält es grundsätzlich für falsch, Spieler für Proteste und Stellungnahmen in die Verantwortung zu nehmen: "Es hat keinen Zweck, solche Erwartungen auf die Spieler abzuwälzen. Das alles muss vom Verband vorher besprochen und kritisiert werden."
Auch kurz vor der WM 2026 hat der DFB offenbar noch keine klare Linie gefunden
Doch auch knapp vier Jahre später hat der deutsche Verband offenbar noch keine klare Linie gefunden, wie er auf die Entwicklung im internationalen Raum reagieren will. Im Sommer soll in den USA, Kanada und Mexiko die größte WM der Geschichte stattfinden. Aufgrund der aktuellen politischen Entwicklungen in den USA steht das Land als Gastgeber bei Verfechtern von Menschenrechten und Demokratie mittlerweile in der Kritik.
Internationale Aufmerksamkeit erregten sowohl Äußerungen von Präsident Donald Trump zur möglichen Annexion Grönlands als auch die harte und teilweise als menschenrechtswidrig bewertete Abschiebepolitik der Einwanderungsbehörde ICE. Auch die zunehmend aufkommenden autoritären Tendenzen in den USA sorgen für heftige Kritik am Gastgeberland. Von all dem zeigt die FIFA sich jedoch unbeeindruckt. Mehr noch: Im Dezember erhielt Trump von FIFA-Präsident Gianni Infantino den neu geschaffenen "Friedenspreis".
US-Präsident Donald Trump (l.) erhielt im Dezember 2025 als erster Preisträger von Weltfußballverband-Präsident Gianni Infantio den Fifa-Friedenspreis.
Vor einigen Wochen hat Oke Göttlich, Präsident des FC St. Pauli und Vizepräsident des DFB, zu der Frage, wie man mit der WM in den USA umgehe, eine Debatte angestoßen - und musste dafür heftige Kritik einstecken: "Ich wollte einen Austausch darüber anregen, mit welcher Haltung wir zu dieser WM fahren. Angesichts der Nachrichtenlage und tagesaktuellen Themen muss diese Frage diskutiert werden", sagt Göttlich.
Der DFB reagierte verhalten auf den Vorstoß. Sportpolitische Debatten würden intern und nicht öffentlich geführt, hieß es in einem Statement. Zugleich wurde ein WM-Boykott ausgeschlossen. DFB-Sportdirektor Rudi Völler begründete gegenüber der dpa, dass ein Boykott nichts bringen würde und nur den Sportlern schade.
Auch Göttlich geht es nicht zwingend um einen Boykott des Turniers, sondern um das Finden einer klaren gemeinsamen Haltung - idealerweise mit den europäischen Partnern und der Politik. Fußball habe eine gesellschaftliche und dadurch auch politische Verantwortung: "Deswegen ist es wichtig, dass wir im Vorfeld klare Linien herausarbeiten und diese Haltungsthemen dann nicht vor Ort - im Trubel des Geschehens - plötzlich wieder vergessen", bekräftigt er.
Enttäuschte Fans wenden sich von internationalen Fußballereignissen ab
Bei den Fans sorgt die Zurückhaltung des deutschen Verbands für Kritik. "Der DFB spricht viel über Werte, Demokratie, Antidiskriminierung und Antirassismus. All dies müsste in einer klaren Haltung zur Weltmeisterschaft in den USA und zur Vergabepraxis der FIFA münden", mahnt Jost Peter von der Fan-Organisation "Unsere Kurve". Doch statt werteorientiert handle der Verband vor allem taktisch.
Die deutschen Fans sind laut Peter insgesamt sehr enttäuscht über die derzeitigen Entwicklungen des internationalen Fußballs, "in dem es nur noch um Großveranstaltungen mit maximalem Ertrag geht". Auch dass der DFB "das Handeln der FIFA kritiklos und ohne seinen Einfluss wahrzunehmen akzeptiert", sorgt bei den Anhängern für Unmut.
„Es reicht nicht, einfach nur Banner gegen Rassismus oder für Demokratie zu gestalten. Wir müssen aktiv für diese Werte einstehen.“
Bei der Weltmeisterschaft in Katar hätten viele Fans außerdem erfahren müssen, wie begrenzt ihr Einfluss tatsächlich ist, und sich resigniert von internationalen Wettbewerben zurückgezogen. Daher spiele auch die kommende Weltmeisterschaft für viele keine Rolle, sagt Peter. Die Spiele würden zwar weiterhin verfolgt. Doch die Perspektive habe sich verändert: "Es ist dann nicht mehr das Hobby, das den Alltag prägt, sondern ein reines Konsumieren des Sports."
Das neue Normal des internationalen Fußballs
Dieses veränderte Konsumverhalten passt nach Einschätzung von Politologem Beichelt zur Entwicklung des internationalen Fußballs. Der starke Fokus auf Kommerz könnte seiner Einschätzung nach zu einem System führen, wie es im American Football bereits existiert: "Die Identifikation ist sehr viel oberflächlicher, der Sport wird nicht mehr im Stadion, sondern vor dem Fernseher konsumiert." Spektakel und Konsum rückten in den Mittelpunkt, während gesellschaftliche Fragen in den Hintergrund gerieten - und der Sport sich schließlich entpolitisiere, analysiert er.
Noch gibt es im deutschen Fußball Stimmen, die dieser Entwicklung etwas entgegensetzen wollen. "Genau wie die FIFA hat der DFB in seiner Satzung gewisse Werte festgeschrieben", sagt Göttlich. "Es reicht aber nicht, einfach nur Banner gegen Rassismus oder für Demokratie zu gestalten. Wir müssen aktiv für diese Werte einstehen".
Doch selbst wenn sich Fußballnationen wie Deutschland gegen diese Entwicklung stellen würden, ist Beichelt skeptisch, ob der Trend noch aufzuhalten ist. Denn "global betrachtet gibt es sehr viele Akteure, die von der Entwicklung profitieren". Seine These ist daher, dass sich die Fußballwelt bis zur WM 2034 in Saudi-Arabien, ebenfalls ein autoritäres Regime, an dieses neue Normal gewöhnt haben wird.
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