Piwik Webtracking Image

Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild/Patrick Pleul
Offizierin Anastasia Biefang hatte 2015 ihr Coming-out als transgeschlechtliche Person. Heute setzt sie sich für die Belange von queeren Menschen in der Bundeswehr ein.

(K)ein Spiegelbild der Gesellschaft : So steht es um die Diversität in der Truppe

Lange hat die Bundeswehr Teile der Bevölkerung vom Dienst ausgegrenzt. Seit einigen Jahren öffnet sie sich, doch die Entwicklung verläuft schleppend.

29.08.2025
True 2025-08-29T17:04:58.7200Z
6 Min

Soldatin und transgeschlechtlich - für Offizierin Anastasia Biefang ist das kein Widerspruch mehr. Doch so offen wie heute hat sie nicht immer über ihre Identität sprechen können: "Ich habe sehr lange privat mit mir und meiner Transgeschlechtlichkeit gehadert. Das System Bundeswehr war nicht hilfreich dafür, dass ich damit früh gut umgehen konnte." Seit 1994 ist Biefang in der Bundeswehr.

Als sie 2015 ihr Coming-out plante, habe ein befreundeter Kamerad damals Zweifel geäußert, ob dieser Schritt gut für ihre Karriere als Soldatin sei. Biefang wagte den Schritt trotzdem.

Marginalisierte Gruppen waren lange vom Dienst ausgeschlossen

Mittlerweile ist sie stellvertretende Vorsitzende von QueerBW, einem unabhängigen Verein, der sich für die Belange von queeren Menschen in der Bundeswehr einsetzt. Der Verein betreibt unter anderem eine Hotline, über die Soldatinnen und Soldaten sowie Angehörige sich beraten lassen können. Fragen wie: "Ich bin schwul, wie sage ich es meinem Chef?", würden zeigen, dass noch immer große Unsicherheit bei den Betroffenen herrsche. Insgesamt sei das Beratungsaufkommen in den letzten Jahren stark angestiegen, sagt Biefang. Sie wertet dies als Zeichen, dass sich immer mehr Soldaten trauen, offen mit ihrer sexuellen oder transgeschlechtlichen Identität umzugehen. Dennoch gehörten Unverständnis, Witze und Ausgrenzung auch heute noch für viele von ihnen zum Alltag - auch wenn die Bundeswehr mittlerweile aktiv dagegen vorgehe.

Lange hat die Institution sich dem Weg zu einer vielfältigeren Armee verschlossen und marginalisierte Gruppen vom Dienst ausgeschlossen. So wurde die völlige Gleichstellung von homosexuellen Soldaten beispielsweise erst im März 2000 beschlossen. Obwohl Homosexualität bereits mit einer Strafrechtsreform 1969 in Teilen entkriminalisiert worden war und einvernehmlicher Sex unter Männern ab dem 21. Lebensjahr von da an legal, bezog sich dies nur auf den Zivilbereich. In der Bundeswehr galt auch danach, dass, wer Karriere machen wollte, seine Homosexualität verbergen musste.

Frauenanteil bei den Streitkräften liegt weit unter 20 Prozent

Auch Frauen waren lange vom Dienst in den Streitkräften ausgeschlossen. Erst durch ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs von 2001, das den Ausschluss von Frauen aus kämpfenden Einheiten für rechtswidrig erklärte, änderte sich dies. Nach dem Soldatinnen- und Soldatengleichstellungsgesetz soll der Frauenanteil in der Bundeswehr bei 20 Prozent liegen. Diesen Zielwert verfehlt die Bundeswehr seit Jahren. Laut dem Wehrbericht von 2024 lag der Frauenanteil bei rund 13,2 Prozent. Es zeigen sich dabei starke Unterschiede in den Bereichen: Während im Sanitätsdienst die Zielmarke von 50 Prozent Frauen mit rund 45 Prozent nur knapp verfehlt wird, sind es im Heer rund 7,7 Prozent, bei der Luftwaffe rund 10,2 Prozent und in der Marine etwa 11,4 Prozent. Insgesamt gibt es in den Streitkräften bislang kaum Frauen in Führungspositionen.

Der Frauenanteil in der Bundeswehr ist statistisch gut erfasst. Es gibt aber insgesamt wenig Informationen darüber, wie divers die Bundeswehr aufgestellt ist. Die einzigen repräsentativen Zahlen stammen hierbei aus der Studie "Bunt in der Bundeswehr?", die sie im Jahr 2019 in Auftrag gegeben hat und die unter anderem nach der Geschlechtsidentität, sexuellen Orientierung, dem Migrationshintergrund und der religiösen Zugehörigkeit fragte. Während die Bundeswehr 2024 nur einen Auszug der Ergebnisse veröffentlichte, ist die gesamte Studie, an der sich rund 13.000 Beschäftigte aus dem militärischen und zivilen Bereich beteiligten, auf "Frag den Staat" abrufbar.

Etwa 1,5 Prozent der Soldatinnen und Soldaten identifizierten sich zum Zeitpunkt der Befragung als transgeschlechtlich. Der Großteil der Teilnehmenden (93,3 Prozent) gab an, heterosexuell zu sein, gefolgt von 2,3 Prozent Homosexuellen und jeweils 1,8 Prozent, die bisexuell oder asexuell sind. Je nach Umfrage liegt der Wert der Personen, die sich der LGBTQIA+-Community zugehörig fühlen, in der Gesamtbevölkerung zwischen sieben und fünfzehn Prozent.

Diversere Armeen haben laut Studien Vorteile im Einsatz

Die größte Diskrepanz zwischen Gesamtgesellschaft und Bundeswehr zeigt sich mit Blick auf den Migrationshintergrund. In der Gesamtbevölkerung haben laut Statistischem Bundesamt rund 21,2 Millionen Menschen - also mehr als 25 Prozent - einen Migrationshintergrund, in der Bundeswehr sind es 8,9 Prozent. Ein Fakt, der unter anderem darauf beruhe, dass der Eintritt in die Bundeswehr in Deutschland an die Staatsbürgerschaft gebunden sei, erklärt Maja Apelt, Professorin für Organisations- und Verwaltungssoziologie an der Universität Potsdam. Dies sei in anderen Armeen anders. Auch bei der Landespolizei gebe es in einigen Bundesländern Regelungen, die es zum Beispiel erlauben, Bürger anderer EU-Staaten einzustellen.

Die Beobachtung von Streitkräften habe gezeigt, dass Diversität in einer Truppe ganz praktische Vorteile mit sich bringt: "Besonders in Krisengebieten reagieren vielfältige Streitkräfte besser auf die Konflikte in den Regionen als es eine einheitliche Armee aus christlichen, weißen Männern tun würde." So hätten beispielsweise Soldatinnen während eines Einsatzes im Kosovo ein besseres Verständnis für die Bedürfnisse von Frauen vor Ort gezeigt als ihre männlichen Kollegen.


„Queer sein in der Bundeswehr heißt nach wie vor, für Rechte zu kämpfen.“
Offizierin Anastasia Biefang

Auf ihrer Internetseite hebt auch die Bundeswehr zwar immer wieder ihren eigenen Anspruch hervor, ein Spiegelbild der Gesellschaft sein zu wollen, und schreibt, dass sie "nicht die Verteidigungsinstitution der weißen, christlichen, heterosexuellen Elite, sondern aller Bürgerinnen und Bürger ist und die Rechte aller schützt". Das selbstgesetzte Spiegelbild-Ziel konnte sie bislang jedoch nicht erreichen.

Obwohl die Bundeswehr aus der Studie den klaren Handlungsauftrag abgeleitet habe, Maßnahmen für mehr Vielfalt umzusetzen, belasse es auch die neue "Agenda Vielfalt" bei einer Bestandaufnahme anstatt auf "ehrgeizige Zukunftsvisionen" zu setzen, kritisiert die ehemalige Wehrbeauftragte Eva Högl im aktuellen Wehrbericht. Im Februar 2024 veröffentlicht, ist die "Agenda Vielfalt" eine Leistungsbilanz der bisherigen Maßnahmen des Verteidigungsministeriums für Chancengleichheit, Vielfalt und Inklusion.

Bislang gibt es kaum queeres Personal im Führungspositionen

Dass es die Agenda gibt und die Bundeswehr sich aktiv für Vielfalt einsetzt, ist laut Apelt grundsätzlich ein positives Zeichen. Auch wenn der Weg noch weit sei, schließlich sei die Bundeswehr von einer "langen Tradition von heteronormativer-weißer Männlichkeit in den Streitkräften" geprägt. "Eine solche Organisationskultur im Inneren zu verändern, ist eine große Herausforderung", so Apelt.

Soldatin Biefang beobachtet die Entwicklung der Bundeswehr in den vergangenen Jahren ebenfalls mit Optimismus. Führungspersonal werde etwa mittlerweile zum Thema Diversität geschult. Doch sie findet, dass die Institution noch deutlich vielfältiger und queer-freundlicher werden müsse.

Obwohl zum Beispiel das sogenannte Selbstbestimmungsrecht der geschlechtlichen Identität auch in der Bundeswehr gelte und die Kategorie "divers" eingeführt wurde, gebe es etwa bei den Vorschriften zum äußeren Erscheinungsbild und der Anzugordnung weiterhin nur die Kategorien männlich und weiblich.

Ein Blick in die Studie "Bunt in der Bundeswehr?" offenbart zudem ein grundsätzliches Problem: Etwa zehn Prozent der Befragten, die sich in der Studie "Bunt in der Bundeswehr?" als transgeschlechtlich einordnen, gaben an, in den vergangenen zwei Jahren aufgrund der Geschlechtsidentität Diskriminierung erfahren zu haben.

Auch bei den Aufstiegschancen zeigten sich laut den beiden Expertinnen Unterschiede in den Gruppen. Biefang kenne beispielsweise keinen General oder keine Generalin, die offen homosexuell lebt. Soziologin Apelt hat in Interviews von transgeschlechtlichen Soldatinnen und Soldaten erfahren, dass sich die Übernahme in den Berufssoldatenstand schwierig gestaltet, solange der Transitionsprozess - also der Wechsel des Geschlechts - noch nicht abgeschlossen sei.

Queere Menschen wollen kein Lückenfüller sein

"Queer sein in der Bundeswehr heißt nach wie vor, für Rechte zu kämpfen", sagt Biefang. Dass die Bundeswehr ihrer Erfahrung nach von außen nicht als queer-freundlicher Ort angesehen werde, mache es schwierig, Nachwuchs aus der Community zu gewinnen. Hier müsse die Bundeswehr nachbessern und die Vielfalt in den eigenen Reihen sichtbarer nach außen tragen, fordert Biefang.

Allerdings dürfe sie nicht das Gefühl vermitteln, sich nur zu öffnen, um das angestrebte Ziel von 260.000 aktiven Soldatinnen und Soldaten zu erreichen. “Als queerer Mensch möchte ich nicht nur gewollt werden, um eine Lücke zu füllen, sondern weil ich aktiv einen Beitrag leisten kann und der Wille da ist, die Vielfalt der Gesellschaft auch in den Streitkräften abzubilden.”

Mehr zum Thema

Generalstabsarzt Nicole Schilling beim Veteranentag am Reichstagsgebäude
Vize-Generalinspekteurin Schilling: "Wir brauchen mehr Frauen bei der Bundeswehr"
Nicole Schilling ist die erste Frau im Amt der Vize-Generalinspekteurin der Bundeswehr. Ein Gespräch über weibliche Vorbilder und eine Wehrpflicht für Frauen.
Objektschutzregiment der Luftwaffe "Friesland" in Schortens in Niedersachsen
Kurs Wachstum: Die Bundeswehr in Zahlen
Über 260.000 Menschen sichern die personelle Einsatzbereitschaft der Bundeswehr.Wie sich die Armee verändert hat, wo sie aktuell steht und welche Baustellen bleiben.
Sönke Neitzel in einer Talkshow
Sönke Neitzel im Interview: "Die Bundeswehr hat der Demokratie loyal gedient"
Militärhistoriker Sönke Neitzel über die Bundeswehr, ihr Selbstverständnis und ihre Traditionen sowie den Wunsch nach militärischen Vorbildern in den Kampftruppen.