Jüdische Abgeordnete im Porträt : Wenn aus der eigenen Geschichte politische Verpflichtung wird
Fünf Lebenswege, geprägt von Widerstand, Erinnerung und Verantwortung: Wie Holocaust-Überlebende und Verfolgte den politischen Neubeginn nach 1945 mitgestalteten.
Inhalt
Während viele jüdische Deutsche im 19. Jahrhundert und in der Weimarer Republik den Parlamentarismus mitprägten, verstummten diese Stimmen nach 1945 weitgehend. Sie waren verfolgt, vertrieben oder ermordet worden.
Doch einige der wegen ihrer jüdischen Herkunft Verfolgten wollten politische Verantwortung übernehmen. Sie wurden Abgeordnete im Deutschen Bundestag und gestalteten die Politik der noch jungen Bundesrepublik mit. Eine Übersicht mit fünf Geschichten zwischen Verfolgung, Verlust und Kraft zum Neubeginn.
Jeanette Wolff (SPD): Sie beschreibt als eine der ersten den KZ-Horror
Als Sozialdemokratin wird Jeanette Wolff (1888-1976) im Jahr 1933 erstmals verhaftet. Sie erleidet Misshandlung, Erniedrigung und Zwangsarbeit in mehreren Konzentrationslagern. Im Holocaust verliert sie viele Angehörige. Mit ihr überlebt nur eine Tochter. Die Unmenschlichkeit der KZ schildert sie 1947 in dem Buch "Sadismus oder Wahnsinn".
1952 wird sie Mitglied des Bundestages, setzt sich dort früh für die Anerkennung und Entschädigung von NS-Opfern ein. Wolff spricht früher und offener als andere auch von ihrem persönlichen Schicksal. Sie setzt sich außerdem für den christlich-jüdischen Dialog und für die Wiederbelebung jüdischen Lebens in Deutschland ein. Von 1965 bis 1975 war sie stellvertretende Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland.
Erik Blumenfeld (CDU): Einziger Auschwitz-Überlebender
Als "Mischling ersten Grades" wird Erik Blumenfeld (1915-1997) durch die rassistischen Gesetze der Nationalsozialisten verfolgt. 1943/44 gerät er aus politischen Gründen in die Fänge der Gestapo und wird nach Auschwitz deportiert, später nach Buchenwald verlegt. Dort habe er sich politisiert, in Gesprächen mit Sozialdemokraten und Kommunisten, sagt der aus einer wohlhabenden Hamburger Kaufmannsfamilie stammende Blumenfeld.
Dennoch zieht er für die Hamburger CDU in den Bundestag ein und wirkt als Abgeordneter und Sondergesandter mehrerer Bundeskanzler als einflussreicher Brückenbauer in die USA, nach Polen und auch in die DDR. Er zählt zu den wichtigsten Fürsprechern der Aufnahme von Beziehungen mit Israel.
Wilhelm Dröscher (SPD): Sein Geheimnis lüftet er selbst nie
Nach Machtantritt der Nationalsozialisten erlebt Dröscher (1920-1977), obwohl evangelisch getauft, als sogenannter "Halbjude" wachsende Ausgrenzung. Seiner Isolation hofft er in der Wehrmacht zu entkommen, wird dort jedoch von Beförderungen und Auszeichnungen ausgeschlossen. Im Krieg fälscht Dröscher ein Dokument, das seine Mutter zur "Halbjüdin" macht und sie besser schützt. Ihm selbst öffnet sich so der Weg zu Heirat und Offizierslaufbahn. Über dieses Geheimnis spricht er nie, hinterlässt es aber in einem Kuvert - zum Öffnen nach seinem Tod.
Dröscher macht nach 1945 in der Sozialdemokratie Karriere, ist zuletzt Landesvorsitzender und Spitzenkandidat in Rheinland-Pfalz und Schatzmeister der Bundes-SPD.
Hildegard Hamm-Brücher (FDP): Prominente und streitbare Liberale
Hamm-Brücher (1921-2016) muss wegen ihrer jüdischen Großmutter das Internat in Schloss Salem verlassen, kann aber in Konstanz Abitur machen und während des Zweiten Weltkriegs in München bei dem Nobelpreisträger Heinrich Wieland Chemie studieren. Nach eigener Aussage schützt er sie vor den Nachstellungen durch die Gestapo.
Nach dem Ende des Krieges arbeitet sie zunächst als Journalistin. 1969 wird sie Staatssekretärin im Bundesbildungsministerium, später im Auswärtigen Amt, ist ab 1976 zudem Abgeordnete des Bundestages. Hamm-Brücher ist eine der prominentesten liberalen Stimmen der Bundesrepublik. Die zögerliche Aufarbeitung der NS-Diktatur bezeichnet sie wiederholt als Belastung für die demokratische Kultur der Bundesrepublik.
Stefan Heym (Schriftsteller): Eröffnet 1994 als Alterspräsident den Bundestag
Stefan Heym (1913-2001) wird bereits als Schüler wegen seiner antifaschistischen Gedichte von den Nationalsozialisten verfolgt. Im Holocaust verliert er viele Familienmitglieder. 1935 gelingt ihm die Flucht in die USA. Gemeinsam mit seiner amerikanischen Frau kehrt Heym unter dem Eindruck der McCarthy-Ära 1953 in die DDR zurück. Zunächst als antifaschistischer Schriftsteller gefeiert, gerät er schnell in Konflikte mit der DDR-Führung, weil er immer wieder deren repressive Politik kritisiert. Einige seiner Bücher sind verboten. Im Herbst 1989 setzt er sich für einen demokratischen Sozialismus ein. 1994 tritt er als parteiloser Kandidat der PDS für die Bundestagswahl an und eröffnet den Bundestag als Alterspräsident.
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