Ausstellung "An die Zukunft glauben" : Wie jüdische Abgeordnete den parlamentarischen Neubeginn mitprägten
Nach dem Holocaust engagierten sich jüdische Parlamentarier in Ost und West – in Gesellschaften, die die Vergangenheit verdrängen wollten.
Sie waren nicht viele: Menschen mit einer jüdischen Biografie, die nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und des Holocausts noch in Deutschland leben wollten. Noch weniger waren es, die sich nach 1945 als Abgeordnete des Deutschen Bundestages politisch für einen Neuanfang einsetzten. Umso erstaunlicher ist, was diese wenigen Abgeordneten durch ihre Beharrlichkeit, oft bei gleichzeitigem Schweigen über ihr persönlich erlittenes Leid und in einer Umgebung, die davon auch nichts wissen wollte, erreicht haben.
Der Bundestag würdigt diese Abgeordneten nun mit der Ausstellung "An eine Zukunft glauben. Jüdische Biografien in der parlamentarischen Gründergeneration nach 1945". In den Blick werden dabei nicht nur Abgeordnete der Bundesrepublik genommen. Auch in der Volkskammer der DDR gab es Menschen mit jüdischer Biografie, deren politischer Gestaltungsspielraum jedoch viel kleiner war.
In dem Willen zur Verdrängung und der Nicht-Thematisierung des millionenfachen Massenmords an den Juden waren sich die Nachkriegsgesellschaften und Politiken in Ost und West jedoch relativ ähnlich, wie die Ausstellung und der Begleitkatalog herausarbeiten. "Es gab keine Stunde Null", sagte Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) zur Eröffnung der Ausstellung am Dienstag. Antisemitismus sei nie verschwunden, eng beieinander hätten Opfer und Täter in den Parlamenten gesessen.
Jeanette Wolff und Erik Blumenfeld stehen im Zentrum
Im Zentrum der Ausstellung stehen die Abgeordneten Jeanette Wolff (1888-1976) und Erik Blumenfeld (1915-1997). Sie, Sozialdemokratin und Verfasserin eines der ersten Zeugnisse über die Gräueltaten, die sie in Konzentrationslagern erlebt hatte ("Sadismus oder Wahnsinn", 1947). Zeit ihres Lebens kämpfte sie für die Entschädigung der NS-Opfer und für ein sichtbares jüdisches Leben, war stellvertretende Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland. Er, Christdemokrat und einziger Auschwitz-Überlebender im Bundestag. Blumenfeld war ein einflussreicher Außen- und Europapolitiker, der sich früh für die Aufnahme von Beziehungen zu Israel einsetzte.
„Auch 80 Jahre danach ist es unmöglich, diese Worte zu überschätzen.“
"Zum ersten Mal seit einem Jahrzehnt glaubte ich wieder an eine Zukunft - ohne Krieg, Terror, brutale Geheimpolizei. Eine Zukunft, die ich für meine Freunde, für mich, aber ebenso für das am Boden liegende Deutschland mitgestalten wollte." Diese Worte Blumenfelds sind titelgebend für die Ausstellung, denn sie bringen die Haltung jener Politiker und Politikerinnen auf den Punkt, um die es in der Ausstellung geht.
"Auch 80 Jahre danach ist es unmöglich, diese Worte zu überschätzen", betonte Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, am Dienstag im Foyer des Paul-Löbe-Hauses. Diese Frauen und Männer hätten sich nicht nur ihre Heimat nicht wegnehmen lassen, sondern seien weiter gegangen, indem sie politische Verantwortung übernommen hätten. "Das ist ein ganz außergewöhnliches Geschenk an unsere Gesellschaft", sagte Schuster.
Die Anfänge des Parlamentarismus im 19. Jahrhundert
Anhand prägender Debatten um Entschädigungsfragen, das Straffreiheitsgesetz oder die Frage der Verjährung der NS-Verbrechen wird der weite Weg der Bundesrepublik vom Verdrängen der NS-Geschichte bis hin zur Entwicklung einer Erinnerungskultur seit den 1970er-Jahren nachgezeichnet. Es wird bildhaft beschrieben, aus welchen Gründen der jüdische Friedhof in Berlin-Weißensee in den 1980er Jahren so viel Aufmerksamkeit durch die Entscheidungsträger im Berliner Osten erfuhr und so vor der Zerstörung bewahrt wurde.
Auf diesem Weg durch die Jahrzehnte begegnen einem unter anderem Hildegard Hamm-Brücher (FDP), Jakob Altmeier (SPD) oder Wilhelm Dröscher (SPD), aber auch die DDR-Schriftsteller Stefan Heym und Arnold Zweig. Viele der Porträtierten hätten sich gar nicht als "jüdische Abgeordnete" bezeichnet, andere seien ohne eigene jüdische Identität von den Nazis verfolgt worden, erläuterte Hilmar Sack, Leiter des Fachbereichs Geschichte der Wissenschaftlichen Dienste und verantwortlich für die Ausstellung.
Um den Bruch einzuordnen, den der Nationalsozialismus für das Engagement jüdischer Politiker bedeutete, weitet sich der Blick der Ausstellung auch auf die Emanzipationsbewegungen im 19. Jahrhundert und stellt auch für diese Zeit exemplarisch dar, wofür Parlamentarier der ersten Stunde in Deutschland kämpften.
In dem die Eröffnung begleitenden Podiumsgespräch berichteten Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU), der ehemalige Grünen-Abgeordnete Jerzy Montag, Ex-Linken-Chef Gregor Gysi und die Journalistin Nina Ruge sehr persönlich und bewegend, wie ihre jüdischen Familiengeschichten das eigene Leben prägten.
Die Ausstellung ist noch bis zum 6. März zu sehen. Online wird das Angebot ergänzt durch Interviews und pädagogisches Begleitmaterial für Schüler der 9. und 10. Klassen.
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