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Andreas Wirsching im Interview : "Große Gesten gegenüber den Opfern und Tätern blieben weitgehend aus"

Viele jüdische Abgeordnete mit Verfolgungsgeschichte haben diese nie thematisiert. Über Ausnahmen, Erfolge und Versäumnisse in der Anfangszeit des Bundestages.

26.02.2026
True 2026-02-26T15:17:32.3600Z
5 Min

Herr Professor Wirsching, während des ersten Nachkriegsparteitags der SPD hat sich deren Vorsitzender Kurt Schumacher vom "dröhnenden Pathos" der nationalsozialistischen Propaganda distanziert und gesagt: "Wir wollen keine großen Gesten machen." Kam der Bundestag in seiner Anfangszeit tatsächlich ohne großen Gesten aus?

Andreas Wirsching: Es gab sie schon. Aber sie bezogen sich primär auf die schwierige Situation, in der sich die junge Bundesrepublik befand, und waren auf die Zukunft und den Neuanfang ausgerichtet. Das gilt auch für Schumacher selbst, der eines der prominenten Opfer des Nationalsozialismus gewesen ist, mit seiner KZ-Haft, der aber nie seine Opfergeschichte in den Mittelpunkt gestellt hat. Große Gesten gegenüber den Opfern oder auch gegenüber den Tätern, die blieben weitgehend aus.

Foto: picture alliance / Matthias Balk/dpa
Andreas Wirsching
war bis September 2025 Direktor des Instituts für Zeitgeschichte in München und Inhaber des Lehrstuhls für Neueste Geschichte der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er ist stellvertretender Vorsitzender der Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien (KGParl).
Foto: picture alliance / Matthias Balk/dpa

Die meisten Abgeordneten schwiegen oft Jahrzehnte über ihre Verfolgungsgeschichte. Wollten sie sich vor dem Vorwurf schützen, individuelle Themen für politische Ziele zu instrumentalisieren?

Andreas Wirsching: Das spielte eine wichtige Rolle. Jüdische Überlebende des Holocaust, die politisch engagiert waren, haben sehr wenig auf ihre eigene Opfergeschichte hingewiesen. Das hängt mit dem gesellschaftlichen Klima der Nachkriegszeit zusammen: Überwiegend haben die Deutschen sich selber als Opfer gefühlt, als Opfer des "Dämons" Hitler. In diesem Kontext war es nicht besonders opportun, auf die eigene Opfergeschichte hinzuweisen. Hinzu kommt, dass der in die Zukunft gerichtete Blick für die Identitätskonstruktion der jüdischen Überlebenden wichtiger war als der Blick in die Vergangenheit. Das änderte sich später.

Als ein KPD-Abgeordneter 1951 politisch inhaftierte DDR-Jugendliche als "kriminelle und arbeitsscheue Elemente" bezeichnete, schritt Jeanette Wolff ein und kritisierte den "Nazi-Jargon".

Andreas Wirsching: In den Anfangsjahren war der durchaus öfter zu hören. Im ersten Bundestag saßen Kommunisten wie auch frühere Nazis. Vor allem die Rechtsradikalen haben dort auch wirklich echte Hetze betrieben. Aber auch die KPD-Abgeordneten haben im Grunde den Neuaufbau der Demokratie bekämpft und verbal zum Teil dort weitergemacht, wo sie 1933 aufgehört hatten, mit einer totalitären Wortwahl, in der es ein klares Freund-Feind-Schema gab.

Es waren gerade die Gewalt-Erfahrungen während des Nationalsozialismus, die davon betroffene Abgeordnete motivierte, eine andere, bessere Zukunft mitzugestalten. Wie erfolgreich waren sie damit?

Andreas Wirsching: In Bezug auf den Neuaufbau dieses Staates und seiner Rechtsordnung sehr erfolgreich. Da hat der Bundestag mit viel komplexer Gesetzgebung und in haushaltmäßig schwieriger Zeit Enormes geleistet und war keineswegs eine reine Kanzlerdemokratie. Dieser frühe Bundestag hat sehr dezidiert die parlamentarische Macht in die Hand genommen. Die Kehrseite war in der Tat der Umgang mit der NS-Vergangenheit, wo es eine erstaunliche, fast geräuschlose Bundestagsmehrheit für bestimmte Gesetze gab, wie die Straffreiheitsgesetze, die Amnestiegesetze 1949 und 1954 und das berühmte 131er-Gesetz, das die Reintegration auch nationalsozialistisch belasteter Beamter in den öffentlichen Dienst regelte.


„Es dominierte sowohl bei den Opfern als auch bei den Tätern der Wille, sich auf das Wiederaufbauwerk zu konzentrieren.“
Andreas Wirsching

Von heute aus betrachtet erscheint es fast unglaublich, wie Opfer des NS-Regimes es ausgehalten haben, neben Tätern zu sitzen.

Andreas Wirsching: Es stimmt, es wirkt fast wie eine Art Mysterium, wie das gelungen ist und auch noch konstruktive Ergebnisse dabei herauskamen. Die Begegnung dieser beiden Gruppen sorgte auch innerhalb der Fraktionen dennoch immer wieder für Spannungen; in der Unionsfraktion zum Beispiel, als es 1952 um das Thema Personalrekrutierung im Auswärtigen Amt ging. Aber es dominierte sowohl bei den Opfern als auch bei den Tätern der Wille, sich auf das Wiederaufbauwerk zu konzentrieren.

Die Zahl der ehemaligen NS-Parteigänger hat in der zweiten Legislaturperiode noch einmal zugenommen. Wie lässt sich das erklären?

Andreas Wirsching: Das ist ein interessantes Phänomen, das wir auch in den Ministerien sehen. Dort stieg der Anteil von Mitarbeitern mit früheren NSDAP-Mitgliedschaften Ende der 1950er Jahren massiv im Vergleich zu 1949. Ich denke, es hat generationelle Ursachen. Viele Mitglieder des ersten Bundestages waren vergleichsweise alt und schon in der Weimarer Republik zumeist demokratisch gesinnte Abgeordnete. Der Anstieg lässt sich mit der steigenden Zahl jüngerer Menschen begründen, die alt genug waren, um Mitglied in der NSDAP gewesen zu sein und dann in die Ämter und Mandate kamen.

Was weiß man denn über die Kontinuitäten in der Verwaltung des Bundestages zu dieser Zeit?

Andreas Wirsching: Auch die gab es. Tatsächlich wissen wir darüber, im Vergleich zu den Ministerien und einigen Länderparlamenten, aber noch relativ wenig. Natürlich stieg mit dem Wachsen der Verwaltungen nach 1949 automatisch der Anteil von Mitarbeitern, die schon vor 1945 ihre Erfahrungen in Verwaltungen gemacht haben. Abgesehen davon investiert der Bundestag aber seit Jahren viel in die Erforschung der eigenen Geschichte. Er finanziert die KGParl und hier auch die digitale Edition der Fraktionsprotokolle. Das ist wirklich eine exzellente Quelle über die Gesamtzeit der alten Bundesrepublik hinweg.

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Ende der 1950er Jahre wurde die Bundesrepublik von einer Welle antisemitischer Übergriffe erfasst. Welchen Einfluss hatte das auf die Positionierung des Parlamentes?

Andreas Wirsching: Etwa zeitgleich fand 1958 der Ulmer Einsatzgruppen-Prozess statt, der zum ersten Mal die Massenerschießung von Juden, in dem Fall 1941 in Litauen, in einer breiten Öffentlichkeit thematisiert hat. Dann begannen Anfang der 1960er-Jahre erst der Eichmann-Prozess und später die Auschwitz-Prozesse. All dies führte dazu, dass sich der Bundestag in den Folgejahren neu positionierte, vor allem mit der Debatte 1965 um die Verjährung von Mord und damit eben auch von NS-Morden.

Sie wird auch als eine Sternstunde des Parlaments bezeichnet. Ausgerechnet Adolf Arndt, wegen seiner jüdischen Herkunft diskriminiert, bekennt sich darin zu einer moralischen Mitschuld, weil er dem Abtransport seiner jüdischen Nachbarn tatenlos zugesehen habe. Wie war das Echo auf diese Rede?

Andreas Wirsching: Für Arndt, der sich sonst zu seiner Geschichte relativ selten geäußert hat, war das schon bemerkenswert. Zum Schluss seiner Rede sagte er: Wir müssen die Mörder identifizieren, aber wir können das nur als "demütige Kärrner der Gerechtigkeit" tun. Das ist schon eindrucksvoll, auch rhetorisch. Und das hat national wie international eine große Wirkung erzielt.

Noch bis zum 6. März 2026 ist die Ausstellung "An eine Zukunft glauben. Jüdische Biografien in der parlamentarischen Gründergeneration nach 1945" im Foyer des Berliner Paul-Löbe-Hauses zu sehen.