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Foto: DBT / Xander Heinl
Illustrator Simon Schwartz (links) und Autor Jan Ruhkopf mit ihrem Buch "100 Köpfe der Demokratie".

Szenische Lesung im Deutschen Dom : 100 Köpfe für ein Leben in Freiheit

200 Jahre Demokratiegeschichte: Davon erzählen Jan Ruhkopf und Simon Schwartz in 100 Porträts von Menschen, die für Teilhabe und Freiheit in Deutschland kämpften.

24.03.2026
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4 Min

„Es klingt ein bisschen wie 100 weiße alte Männer, ist aber sehr viel bunter und vielfältiger“, sagt Jan Ruhkopf zum Titel des neuen Buchs, das er gemeinsam mit dem Graphic-Novelisten Simon Schwartz veröffentlicht hat. In jedem Fall sei es ein „Branding, das im Kopf bleibt“. Bei der Buchvorstellung von „100 Köpfe der Demokratie“ in der Parlamentshistorischen Ausstellung, ganz oben im Deutschen Dom am Berliner Gendarmenmarkt, wird deutlich: Es waren keineswegs nur „alte weiße Männer“, die für Demokratie in Deutschland gekämpft haben. 

Demokratie wird nicht mit Parlamentarismus gleichgestellt

100 Porträts von Personen, die sich für die Demokratie in Deutschland eingesetzt haben - das steckt hinter dem Titel „100 Köpfe der Demokratie“. Mit der Demokratie verbindet Autor Jan Ruhkopf Freiheit und Gleichheit. Demokratie könne zugleich als Herrschafts- als auch als Lebensform verstanden werden. Auswahlkriterium für die 100 Porträts war, dass im Handeln dieser Menschen erkennbar ist, dass sie sich für diese Wesensmerkmale der Demokratie eingesetzt haben. 

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Jan Ruhkopf
ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Koordinator des Programms "100 Köpfe der Demokratie" der Stiftung Bundespräsident Theodor-Heuss-Haus. Ruhkopf, geboren 1990, studierte Geschichtswissenschaft, Allgemeine Rhetorik sowie Öffentliches Recht und forscht unter anderem zur neuen Ideengeschichte, Demokratiegeschichte, Neuen Verwaltungsgeschichte und Historischen Biographik.
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Bei der Auswahl hätten Ruhkopf und Schwartz darauf geachtet, Demokratie nicht mit Parlamentarismus gleichzusetzen: „Bei einem Fokus auf Parlamentarismus würde ganz viel verloren gehen, was auch Demokratie sein kann“, sagt Ruhkopf. Daher werden sowohl Konrad Adenauer (CDU) und Kurt Schumacher (SPD), prägende Köpfe des deutschen Parlamentarismus, als auch Kunstschaffende oder Richterinnen und Richter vorgestellt. 

Außerdem sollten es nicht nur Heldinnen und Helden sein, sondern „Menschen mit Fehlern, auch mit Ideen von Demokratie, bei denen man heute sagen würde: auf keinen Fall“, wie Ruhkopf erklärt. Die Auswahl zeigt Menschen aus 200 Jahren Demokratiegeschichte zwischen Französischer Revolution und dem wiedervereinigten Deutschland. Das Buch ist chronologisch rückwärts aufgebaut, der 100. Kopf der älteste: Georg Forster, ein „trauriger Held der ersten deutschen Demokratie“, wie die Dachzeile den Protagonisten der Mainzer Republik im Jahr 1793 beschreibt.

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Simon Schwartz (links) und Jan Ruhkopf geben bei der Buchvorstellung im Gespräch mit Moderatorin Verena Mink Einblicke in den Entstehungsprozess und die Idee des Buches.

Die kurzlebige erste deutsche Demokratie auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands ist Teil des „Tags der Demokratiegeschichte“, der am 18. März in diesem Jahr erstmals bundesweit als Aktionstag gefeiert wurde. Die Buchpräsentation der „100 Köpfe“ war eine der Veranstaltungen um den Tag. 

Verknappte Biographien werden durch Illustrationen ergänzt

Jedes Porträt im Buch besteht aus einer Seite Text, in der das Leben und Wirken beschrieben wird. Dazu gibt es eine Seite Zeichnung im Stil einer Graphic Novel – mal ein Porträt, mal mehrere kleine Zeichnungen, oft mit Symbolen oder nachgezeichneten Dokumenten, die auf das Wirken der Person hindeuten. „Es ist immer etwas gewagt, eine Biografie auf nur einer Seite darzustellen, man muss da verknappen. Man kann aber durch die Zeichnung eine weitere emotionale Erzählebene schaffen, die über die nüchternen Fakten hinausgeht“, sagt Illustrator Simon Schwartz. 

Als Beispiel für so eine erweiterte Erzählkomponente nennt der Künstler, der sich in mehreren Werken mit dem Einfluss von Politik auf Biografien befasst hat, das Porträt von May Ayim, das erste im Buch. In der Zeichnung ist der Kopf der afrodeutschen Aktivistin eingerahmt in ein fiktives Land, oben ist der Umriss Deutschlands, unten der von Ghana. So könne man sehen, dass es um eine Person geht, die ihre Identität verhandelt, sagt der Künstler. 

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Simon Schwartz
ist ein deutscher Comiczeichner und -autor sowie Illustrator. Seine Debüt Graphic Novel "drüben!" über die Ausreise seiner Eltern aus der DDR wurde für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Den Max und Moritz Preis als "Bester deutscher Comic" holte er mit der Graphic Novel "Packeis". Im Auftrag des Kunstbeirat des Deutschen Bundestages zeichnete der 1982 in Erfurt geborene Illustrator bereits Comics zum Leben und Wirken von 45 Parlamentariern zwischen 1848 und 1990, die im Buch "Das Parlament. 45 Leben für die Demokratie" im avant-verlag erschienen.
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Die Ideen für die Porträtzeichnungen würden ihm recht schnell kommen, erzählt Schwartz. Für jedes Porträt habe er jedoch eine andere Herangehensweise gehabt. Gleiche Voraussetzung sei eigentlich nur, dass da eine Fläche ist, die dann auf 100 verschiedene Arten gefüllt wird. 

Schwartz: “Demokratie ist immer ein Vor und Zurück”

Bei dem Arzt und Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld wollten Ruhkopf und Schwartz etwa den Bruch in der Biografie darstellen: Einerseits den progressiven Vordenker sexueller und geschlechtlicher Vielfalt, andererseits den Mann, der sich im Kontext zeitgenössischer Vorstellungen für Eugenik, also die Unterscheidung von vermeintlich minder- und höherwertigem Leben, aussprach und etwa als Verfechter der Idee eines „kriminellen Gens“ dafür eintrat, dass man Straftäter kastrieren solle. 


Jan Ruhkopf, Simon Schwartz:
100 Köpfe der Demokratie
Starke Stimmen für ein Leben in Freiheit.
Hanser,
München 2026;
223 Seiten, 24 Euro


Unter den 100 Köpfen sind auch Namen, die man aus dem Parlamentsviertel von nach ihnen benannten Gebäuden kennt: Marie-Elisabeth Lüders, Jakob Kaiser und Paul Löbe. Neben solchen bekannten prägenden Figuren der deutsche Parlaments- und Demokratiegeschichte gibt es aber auch unbekanntere Gesichter. Etwa Gusti Steiner, der auf sehr ungewöhnliche, auch radikale und provozierende Weise für die Rechte von Behinderten gekämpft hat. Mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen, wie Straßenbahnblockaden oder ironische Auszeichnungen für Beeinträchtigungsungerechtigkeit, erkämpfte der Sozialarbeiter und Aktivist im Rollstuhl eine Ergänzung des Grundgesetzes um den Zusatz „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden". "Wir wüssten nicht, wo wir heute ohne Gusti Steiner und seine Mistreiter*innen wären“, sagt Ruhkopf.

Die Köpfe der Demokratie verbindet, dass diese Menschen in ihrer Zeit versucht haben, Probleme anzugehen. Das sei die Botschaft, so das Autoren-Duo. Demokratie sei nichts Selbstverständliches, das Projekt diene auch als Spiegel: "Es kann auch wieder anders werden, dafür wollen wir sensibilisieren“, sagt Ruhkopf. Schwartz ergänzt: „Demokratie ist immer ein Vor und Zurück und man muss immer etwas dafür tun."

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