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Die USA als Vorbild und Feindbild : "Das Schönste in Florenz ist McDonald’s"

Der Historiker Philipp Gassert beschreibt und analysiert in "Die bipolare Nation" die kulturelle Schizophrenie der Vereinigten Staaten in den vergangenen 250 Jahren.

23.04.2026
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3 Min

Hatte Amerika den Kalten Krieg auch kulturell gewonnen? Dieser Eindruck konnte entstehen, als am 31. Januar 1990 in Moskau mehr als 30.000 Menschen in einer langen Schlange anstanden, um das erste McDonald's-Restaurant in der Sowjetunion besuchen. Im April 1992 waren es sogar rund 40.000 Menschen, die vor dem ersten McDonald's in Peking auf die Eröffnung warteten. 

In seinem jüngsten, lesenswerten Buch "Die bipolare Nation" bezeichnet Philipp Gassert, Neuzeit-Historiker an der Universität Mannheim, den Hype um McDonald's zu Beginn der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts als "die populärkulturelle Variante der Erzählung vom Ende der Geschichte", die sich bekanntlich als falsch erwiesen hat.

Foto: picture alliance / Franz Neumayr / picturedesk.com

Die Freiheitsstatue in New York: Trotz aller innenpolitischen Verwerfungen ist Miss Liberty für Menschen weltweit noch immer das Symbol des amerikanischen Traums von Freiheit und Wohlstand.

Der Untertitel macht klar, worum es Gassert geht: "Was Amerika der Welt gegeben hat. Im Guten wie im Schlechten". Von den Anfängern der Staatsgründung 1776 bis in die heutige Zeit macht er anhand zahlreicher Beispiele deutlich, welche wichtigen und zum Teil sehr widersprüchliche Entwicklungen in den USA ihren Ursprung hatten und dann weltweit ihre Wirkung entfalteten. 

Oft sei zu einem neuen Phänomen auch gleich die Gegenbewegung entstanden. So zitiert er Andy Warhol, der bereits 1975 "mit simplen Zeilen die These von der McDonaldisierung ins Absurde" geführt habe: "Das Schönste in Tokio ist McDonald's. Das Schönste in Stockholm ist McDonald's. Das Schönste in Florenz ist McDonald's. Peking und Moskau haben noch nichts Schönes."

Die amerikanische Revolution von 1776 und das Paradox der Sklaverei

Schon die amerikanische Revolution, die zur Unabhängigkeitserklärung von 1776 führte, hatte weltweite Wirkung: "Amerika wirkt inspirierend auf die französischen Revolutionäre von 1789, auf deutsche und lateinamerikanische Freiheitskämpfer." Allerdings war es laut Gassert "das Grundparadox dieser frühen Republik", dass die politische und soziale Freiheit ihrer Bürger einherging mit dem Fortbestand der Sklaverei. "Das Paradebeispiel für diese kulturelle Schizophrenie" sei Thomas Jefferson gewesen, Autor der Unabhängigkeitserklärung und dritter Präsident, der Hunderte von Sklaven besaß.

Auch wenn die amerikanische Demokratie von Beginn an einen Vorbildcharakter für freiheitliche Bewegungen in vielen Ländern hatte, war sie jahrzehntelang alles andere als friedlich. "Seit den 1830er Jahren greifen politische Aktivisten, nicht allein in der Sklavenfrage, sondern auch in anderen Kontexten, etwa zur Verhinderung von Bauprojekten, zu Straßengewalt. Lynchjustiz ist eine extreme Variante." Die Frage der Sklaverei, ist es dann auch, die Amerika Mitte des 19. Jahrhunderts vor eine Zerreißprobe stellt - der Konflikt eskaliert zum Bürgerkrieg. Das Amerika dieser Zeit ist für Gassert "das warnende Beispiel einer an ihren inneren Widersprüchen gescheiterten Demokratie".


Philipp Gassert:
Die bipolare Nation.
Was Amerika der Welt gegeben hat. Im Guten wie im Schlechten.
dtv,
München 2026;
352 S., 26 €


Doch die amerikanische Demokratie überlebte den Bürgerkrieg. Im Laufe der folgenden Jahrzehnte entstand eine Konsumgesellschaft, die bis heute entscheidend zur weltweiten Anziehungskraft der Vereinigten Staaten beiträgt. "Mehr Geld und mehr Freizeit ermöglichen nicht nur Mittelschichten, sondern auch der Arbeiterklasse mehr Vergnügen: Baseball, Football und Boxkämpfe ziehen Massen an." Haushaltsgeräte, Radioapparate und später Fernseher und Computer fanden reißenden Absatz.

Attraktivität für Zuwanderer trotz endemischen Rassismus

Diese Attraktivität ist bis heute ungebrochen. Auch wenn in den USA "Polizeigewalt und Rassismus endemisch" seien, schaffe Amerika Lebenschancen auch für Millionen undokumentierter Migranten, "die sie in ihren Herkunftsländern wohl nicht hätten, nach dem Motto: lieber illegal in den USA als legal in El Salvador".

Doch lieferte Amerika auch zur Konsumgesellschaft "einmal mehr die Kritik gleich mit", wie Gassert schreibt. Schon 1960 wurde das Buch "Die große Verschwendung" des Publizisten Vance Packard zu einem Bestseller. Und zwei Jahre später veröffentlichte die Meeresbiologin Rachel Carson unter dem einprägsamen Titel "Silent Spring" (Stiller Frühling) ein ebenfalls sehr erfolgreiches Buch, durch das die weltweite Umweltbewegung entscheidende Impulse erhielt.

Seit mehr als 250 Jahren sind die USA laut Gassert "zum Betriebssystem der liberalen Moderne geworden, fest verbaut in globale mentale und auch technische Infrastrukturen" - immer wieder als "Vorbild und Feindbild" zugleich. Auch wenn er für mehr Unabhängigkeit Europas von den USA plädiert, hält er es trotz Donald Trump für unwahrscheinlich, dass der alte Kontinent "in absehbarer Zeit seine Identität ohne Bezug auf die USA schärfen könnte". Viele zuckten längst mit der Schulter, wenn Trump "wieder einen neuen Aufreger vom Stapel lässt. Aber vielen fällt es verdammt schwer, sein Gebrüll zu ignorieren, und Europas Elite fällt seriell auf ihn herein." 

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