Deutsch-amerikanische Beziehungen : Ein neuer Kurs für den Flugzeugträger der USA
"Zeit"-Journalist Holger Stark plädiert in "Das erwachsene Land" streitbar für eine Emanzipation von den Vereinigten Staaten. Deutschland müsse "erwachsen" werden.
In den Nachkriegsjahrzehnten gab es in der deutschen Außenpolitik, vor allem in der Unionsfraktion, stets zwei Strömungen: Den an der Nato und den USA orientierten "Transatlantikern" standen die "Gaullisten" gegenüber, die auf europäische Zusammenarbeit vor allem mit dem wichtigsten Nachbarn Frankreich setzten. Auch die auflagenstärkste deutsche Wochenzeitung "Die Zeit" priorisierte stets die Kooperation mit den Vereinigten Staaten. Insofern erstaunt es, dass Vize-Chefredakteur Holger Stark nun eine Streitschrift vorlegt, die ein "Deutschland ohne Amerika" als "historische Chance" betrachtet.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (M) besucht die 1. Brigade der 3. Infanterie-Division (Raider Brigade) der US-Streitkräfte in Grafenwöhr.
Stark berichtet seit 30 Jahren aus den USA, als "Spiegel"-Korrespondent verfolgte er einst den Aufstieg von Donald Trump. Spätestens mit dessen zweiter Amtszeit, konstatiert Stark, sei eine Epoche unwiderruflich zu Ende gegangen. "Die Amerikaner sind keine Freunde mehr. Für die Babyboomer und alle danach, die mit Jeans von Levi's und Big Macs aufgewachsen sind, bedeutet dies das Ende eines Weltbilds." Die deutsche Politik stehe künftig vor der Aufgabe, sich aus der Abhängigkeit von den USA zu befreien und, so der provokative Buchtitel, zu einem "erwachsenen Land" zu werden.
Die neue US-Sicherheitsstrategie hat die Europäer geschockt
Die im vergangenen Jahr vorgelegte "Nationale Sicherheitsstrategie" der US-Administration hat Europa schockiert und eine Debatte über die Konsequenzen ausgelöst. Doch neu sind die Inhalte des Positionspapiers gar nicht. Schon im Juni 2020 hatte Trumps Stab angekündigt, die Amerikaner würden ein Drittel ihrer in Deutschland stationierten Truppen abziehen. Teile sollten nach Polen verlegt werden, andere in die Heimat zurückkehren. Die Europäer zahlten viel zu wenig für ihre Sicherheit, schimpft der US-Präsident seither bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Unter den politischen Akteuren in Berlin und Brüssel haben sich Ratlosigkeit und Angst breit gemacht.
Holger Stark fragt, "was merkwürdigerweise niemand fragt: Warum eigentlich müssen in Deutschland noch immer rund 35.000 amerikanische Soldaten und 20 Atombomben stationiert sein? Wessen Interessen dienen sie? Deutschen oder europäischen Interessen, etwa als Schutz vor einem russischen Überfall? Oder amerikanischen Interessen, die ganz andere sein können?" Bereits im Kalten Krieg, so seine These, war das Ziel der US-Stationierung keineswegs nur, West-Deutschland zu verteidigen - "auch wenn sich das manch transatlantischer Romantiker schöngezeichnet hat". Vorrangig sollte die Sowjetunion im geopolitischen Kräftemessen in Schach gehalten werden.
Holger Stark:
Das erwachsene Land.
Deutschland ohne Amerika - eine historische Chance.
Propyläen,
Berlin 2026;
336 Seiten, 26,00 €
Das interessanteste Kapitel des Buches trägt die Überschrift "Ein unsinkbarer Flugzeugträger mitten in Europa". Diese offenherzige Formel hat Ben Hodges geprägt, der Generalleutnant a.D. kommandierte bis 2017 die US-Streitkräfte auf dem europäischen Kontinent. Er meint damit die für weltweite Kriegseinsätze strategisch wichtigen Basen in Deutschland. Das Luftwaffen-Drehkreuz in Ramstein und das Militärkrankenhaus im benachbarten Landstuhl bilden den bedeutsamsten Stützpunkt außerhalb der USA. Über die Westpfalz läuft ein Großteil der Logistik für amerikanische Operationen in Asien und Afrika.
Ein anderer zentraler Baustein des "Flugzeugträgers" ist der riesige Truppenübungsplatz im fränkischen Grafenwöhr. Auf dem ehemaligen Wehrmachtsgelände trainieren heute neben amerikanischen auch ukrainische Soldaten. Außerdem befinden sich in Deutschland das Europa-Kommando der US-Armee sowie das Afrika-Kommando; bedeutsam ist auch die Abhörzentrale der NSA in Wiesbaden. Das alles, betont Hodges, sei "ein Geschenk" und biete "die Flexibilität zu handeln". Militärkollegen schwärmen von der Bundesrepublik als "Strategic sweet spot", von einzigartigen Bedingungen für die Soldaten, die teilweise besser seien als in den USA selbst.
Die USA wissen genau, was sie an Deutschland haben
Sind Trumps Ankündigungen also nur Gerede - und seine finanziellen Forderungen unangemessen? Die Haltung zur US-Präsenz stehe "für alles, was die deutsche Amerika-Politik so ambivalent macht", resümiert "Zeit"-Journalist Stark. Noch jede Bundesregierung sei bemüht gewesen, die Soldaten im Land zu halten: "Sie hat gebettelt und gebangt und nach Washington geschaut, als hätten Eltern ihrem Kind angedroht, es bei ungezogenem Verhalten allein im Wald zurückzulassen."
Statt sich paralysieren zu lassen, fordert der Autor mehr Mut und Selbstbewusstsein. 2020 hätten Trump und seine Leute am Ende auf den Truppenabbau verzichtet, "sie wussten schon, was sie an Deutschland haben". Warum sollten sie ohne Not einen gigantischen Flugzeugträger aufgeben? Für die deutsche Psyche, überspitzt Stark, wäre es vielleicht eine heilsame Erfahrung, ohne amerikanische Militärunterstützung auszukommen und so "erwachsen" zu werden: “Es würde der Gesellschaft eine Debatte darüber aufzwingen, wo und wie Deutschland seine Rolle in der Welt sieht.”
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