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Blutige "Erbfeindschaft": Brutaler Häuserkampf zwischen bayerischen und französischen Truppen im Dorf Bazeilles Anfang September 1870 während der Schlacht von Sedan im deutsch-französischen Krieg. Farbdruck nach einem Aquarell des deutschen Historienmalers Carl Röchling.

Die Deutschen und der Krieg : Die Illusion vom immerwährenden Frieden

Der Historiker Eckart Conze zeichnet in "Friedlos" den Weg der Deutschen zwischen der Sehnsucht nach Frieden und den Realitäten des Krieges von 1648 bis heute nach.

06.05.2026
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4 Min

Unermessliches Leid hatte der Krieg gebracht. Am Ende des 30-jährigen Ringens um die Macht in der Mitte Europas war die Bevölkerungszahl im Heiligen Römischen Reich von 16 auf zehn Millionen gesunken, weite Teile des Landes waren zerstört und entvölkert. "Was der Krieg nicht niedergemacht und an der Pest gestorben, das hat der Hunger aus dem Land getrieben", hieß es in einer Pfarrchronik. So etwas, da waren sich die vom Krieg erschöpften europäischen Mächte einig, sollte sich nicht wiederholen. Und so gaben sie sich bereits im ersten Artikel des 1648 in Münster und Osnabrück geschlossen Friedensvertrags ein hehres Versprechen: "Pax sit christiana, universalis, perpetua" - Der Friede sei "christlich, universal und immerwährend".

Ein großartiges Versprechen. Doch Frieden, wirklichen langanhaltenden Frieden, gab es auch nach 1648 in Europa nicht. "Der Westfälische Friede bildet nicht das Ende einer friedlosen Zeit, sondern er liegt in der Mitte einer Epoche der Kriegsverdichtung", schreibt der Marburger Historiker Eckart Conze in seinem monumentalen Buch "Friedlos", das sich auf 560 Seiten der Geschichte der "Deutschen zwischen Kriegsgewalt und Friedenssuche von 1648 bis heute" widmet.

Auf dem Schlachtfeld zerfielen die bestehende Ordnungen Europas

Dabei ist das Werk mehr als nur eine Geschichte der Deutschen. Conze schreibt eine Geschichte Europas, das seine heutige Gestalt nicht dem Frieden, sondern dem Krieg verdankt, mehr noch, vielen Kriegen. Friedenszeiten waren oft nur kurz, kein Friedensvertrag hatte dauerhaften Bestand. Auf dem Schlachtfeld zerfielen bestehende Ordnungen, als Folge bildete sich das europäische Staatensystem immer wieder neu, so Conzes zentrale Aussage.

Den frühneuzeitlichen Kabinetts-, Erbfolge- und Eroberungskriegen folgten nach der Französischen Revolution 1789 die Revolutions-, Volks- und Nationalkriege des 19. Jahrhunderts, die schließlich im 20. Jahrhundert von den "totalen Kriegen" abgelöst wurden, in denen es nicht nur darum ging, eine feindliche Armee zu besiegen, sondern alle Ressourcen in den Krieg einzubeziehen und das Land des Feindes zu vernichten.


Eckart Conze: 
Friedlos.
Die Deutschen zwischen Kriegsgewalt und Friedenssuche. Von 1648 bis heute. 
dtv,
München 2026;
576 S., 35,00 €


Deutschland war aufgrund seiner Mittellage, seiner Größe und seiner wirtschaftlichen Potenz immer wieder Ausgangspunkt wie Schauplatz des Ringens um Macht und Vorherrschaft, suchte auch seinerseits mit kriegerischen Mitteln, seinen Platz in Europa zu behaupten oder fatalerweise seine Großmachtfantasien umzusetzen. Und das immer wieder in der Auseinandersetzung mit dem "Erbfeind" Frankreich - eine Konstante europäischer Politik, die erst durch den europäischen Einigungsprozess beendet wurde.

Ist der Mensch unfähig zum Frieden, erträgt er lange Friedenszeiten nicht? Und benötigen Regierende den Krieg als "Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln" (Carl von Clausewitz), um die Ziele zu erreichen, die ohne Waffengang nicht möglich sind? Eckart Conzes breit angelegte und ebenso tiefschürfende wie faktengesättigte Analyse stützt diesen fatalen Befund. In Kriegszeiten wächst die Friedenssehnsucht, in Friedenszeiten dagegen die Vorstellungen, Veränderungen nur gewaltsam "durch Eisen und Blut" herbeiführen zu können, wie es Otto von Bismarck formulierte.

Die Demütigung Frankreichs von 1871 weckte Revanchegelüste

Napoleon fegte mit seinen Siegen gegen Österreich und Preußen die europäische Ordnung des Westfälischen Friedens hinweg, das Heilige Römische Reich Deutscher Nation hörte auf zu bestehen. Aber auch die nach den Befreiungskriegen auf dem Wiener Kongress 1815 beschlossene Ordnung wurde durch die drei Einigungskriege gegen Dänemark, Österreich und Frankreich beseitigt. Dass der deutsche Nationalstaat unter preußischer Führung allerdings am 18. Januar 1871 im Spiegelsaal des Schlosses Versailles ausgerufen wurde, war eine schwere Demütigung Frankreichs und weckte zusammen mit der Annexion von Elsass und Lothringen Revanchegelüste. Der Erste Weltkrieg hatte den Untergang der Monarchien im Deutschen Reich, in Österreich-Ungarn, in Russland und im Osmanischen Reich zur Folge, der von den Deutschen als demütigend empfundene Versailler Friedensvertrag führte geradewegs zum Zweiten Weltkrieg. Immerhin, die Nachkriegsordnung mit den von den Supermächten USA und Sowjetunion geführten Blöcken zerbrach 1989/90 friedlich.

Frieden kehrte deswegen nicht ein auf der Welt. Auch nach 1990 gab es an Kriegsschauplätzen in Europa wie auf anderen Kontinenten keinen Mangel. "Anders als erhofft hat die Welt nach 1990 nicht die endgültige und globale Durchsetzung von Freiheit und Demokratie erlebt, sondern die Entwicklung globaler Machtkonflikte, in denen es auch um die Zukunft, ja das Überleben von Freiheit und Demokratie geht", stellt Conze fest - und das war noch vor dem Ausbruch des Irankriegs. So bleibt am Ende der Lektüre ein bitterer Befund: Die Welt war friedlos, sie ist friedlos - und sie wird friedlos bleiben. Der immerwährende Friede, oft versprochen, nie erreicht, bleibt, was er ist: eine Illusion.

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