500 Jahre Deutscher Bauernkrieg : Ein Meilenstein der Freiheitsgeschichte
Der Aufstand der Bauern von 1525 hinterließ tiefe Spuren in der politischen und sozialen Entwicklung Deutschlands. Fünf Bücher eröffnen überraschende Perspektiven.
Gerade ist ein Jubiläumsjahr zu Ende gegangen, das in der deutschen Öffentlichkeit kaum beachtet wurde. In einer Zeit multipler Krisen stoßen Geschichten über eine längst vergangene und gewalttätige Epoche auf wenig Interesse. Gleichwohl zählt der Bauernkrieg vor 500 Jahren zu den prägenden Ereignissen der deutschen Geschichte. Zu Recht würdigte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier den Aufstand der Bauern, aber auch von Städtern und Bergleuten, gegen die Feudalherrschaft von Adel und Klerus als "Meilenstein der deutschen Freiheitsgeschichte".
Die Massenerhebung von 1525, die sich über weite Teile Süd- und Mitteldeutschlands ausbreitete, legte erste Grundsteine für jene Menschenrechte, die rund 400 Jahre später in der UN-Menschenrechtscharta von 1948 festgeschrieben wurden. Bis zur Französischen Revolution 1789 sollte es in Europa keinen vergleichbaren Aufstand mehr geben.
Bauernaufstand hinterließ tiefe Spuren in der Entwicklung Europas
Die Bewertung der Ereignisse erfolgte allerdings zunächst durch die am Ende siegreiche Obrigkeit. Dass das epochale Ereignis nach seiner blutigen Niederschlagung nur als "Bauernkrieg" in die Geschichte eingegangen sei, werde seiner Bedeutung nicht gerecht, betonte Bundespräsident Steinmeier anlässlich des zentralen Festakts "500 Jahre Zwölf Artikel" am 15. März 2025 in Memmingen. Es sei wichtig, heute "die gesamtdeutsche Geschichte der Freiheit" zu erzählen, auf die "wir wirklich stolz sein können und stolz sein sollten".
Der Bauernaufstand hinterließ tiefe Spuren in der politischen und sozialen Entwicklung Europas. Vor 500 Jahren erhoben 50 Vertreter oberschwäbischer Bauern in Memmingen mit den "Zwölf Artikeln" grundlegende politische, soziale und wirtschaftliche Forderungen, darunter das Verbot der Leibeigenschaft, das Recht auf Selbstbestimmung, für Gerechtigkeit und Menschenrechte. Jahrhunderte später fanden sie Eingang in die christliche Soziallehre und die Soziale Marktwirtschaft.
Hans-Jürgen Goertz:
Thomas Müntzer.
Revolutionär am Ende der Zeiten.
C.H. Beck,
München 2025;
352 S., 29,90 €
Eng verbunden mit der Geschichte des Bauernkrieges ist zudem die Reformation in Deutschland. Vor allem der Streit, der zwischen deren gemäßigten und den radikalen Vertretern, insbesondere zwischen Martin Luther und dem jungen Thomas Müntzer, ausgetragen wurde, stand immer wieder im Fokus der Historiker. Friedrich Engels und später die Ideologen der DDR machten aus Müntzer den ersten deutschen Revolutionär. Historiker wie der renommierte Bauernkriegs-Experte Peter Blickle interessierten sich vor allem für die "verfassunggebende Bauernversammlung" in Memmingen von 1525. Andere Historiker bezeichnen sie als deutsches "Bauernparlament", das die "Zwölf Artikel "verabschiedet hatte. Vor 25 Jahren ordnete sie der damalige Bundespräsident Johannes Rau gar als "Monument der deutschen Freiheitsgeschichte" ein. Artikel 1 des Grundgesetzes "Die Würde des Menschen ist unantastbar" sei ein fernes Echo dieser Artikel.
Neben Ausstellungen in einigen wenigen regionalen Museen erinnerten vor allem die deutschen Verlage an das 500-jährige Jubiläum des Bauernkrieges. Sie würdigten dieses Ereignis mit einer Vielzahl überaus lesenswerter Bücher.
Verhandlungsbereite Bauern und die Rolle ihrer Frauen
Die Gerda-Henkel-Preisträgerin Lyndal Roper gehört zu den besten Kennern der Reformation. Neben ihrer gelungenen Biografie über Martin Luther legte sie mit ihrem Buch "Für die Freiheit" ein neues Standardwerk über den Bauernkrieg von 1525 vor. Zu Beginn des Buches stellt sie einfache Fragen: Wie war es, während des Bauernkrieges zu leben? Was bedeutete es für einen Bauer, wenn er seinen Acker und sein Dorf verließ, sich einem der aufständischen Bauernhaufen anschloss und seine Existenz aufs Spiel setzte? Die damalige gesellschaftliche Ordnung habe nicht auf Treuebanden beruht, sondern auf Ausbeutung, betont Roper.
Lyndal Roper:
Für die Freiheit.
Der Bauernkrieg 1525
S. Fischer,
Frankfurt/M. 2024;
672 S., 36,00 €
Zudem zeigt die Historikerin auf, dass sich die aufständischen Bauern zumeist erstaunlich gewaltfrei verhielten und auf Verhandlungen setzten, obwohl sie massiv bedrängt wurden: "Sie demütigten ihre Herren, töteten sie aber nicht." Die Rache ihrer Herren konnte dies jedoch nicht mildern. Die Historiker zählen rund 100.000 Tote.
Roper entschlüsselt den Bauernkrieg als eine Massenbewegung, indem sie die einfachen Menschen in den Mittelpunkt ihres gut lesbaren Buches rückt. Sie schildert die Ziele, Leidenschaften und Träume, die die Bewegung antrieben, regional jedoch sehr divergierten. Die programmatischen Schriften ihrer Anführer, insbesondere ihre politischen Ziele, unterschieden sich in den einzelnen Landesteilen. Durchgängig wichtig hingegen war jedoch die Rolle des "Weibervolkes" während "der Revolution des gemeinen Mannes". Schließlich wäre der Aufstand kaum möglich gewesen, hätten die Frauen die Höfe nicht weiter bewirtschaftet. Weniger überzeugend sind hingegen Ropers Versuche, den Aufständischen auch ökologische Motive zuzuschreiben.
Eine überaus prächtige, allgemein verständlich geschriebene Enzyklopädie der "wilden Handlung" veröffentlichte Gerd Schwerhoff, Professor für Geschichte der Frühen Neuzeit an der TU Dresden. Seinen "Zunft"-Kollegen wird es schwerlich gelingen, diese quellenreiche und detaillierte Studie zu übertreffen.
Gerd Schwerhoff:
Der Bauernkrieg.
Geschichte einer wilden Handlung.
C.H. Beck,
München 2025;
720 S., 34,00 €
Die chronologisch aufgebaute Darstellung schildert aus unterschiedlichen Perspektiven die Ereignisse vor und während des Bauernaufstandes, inspiriert durch die Reformation und niedergeschlagen durch die Herrschenden - nicht zuletzt mit der tatkräftigen Unterstützung Martin Luthers, der zur Niederschlagung des Aufstands aufgerufen hatte. Besonders bedenkenswert sind Schwerhoffs Überlegungen zu den Folgen und zur Einordnung des Bauernkrieges, den er nicht als Revolution begreift.
Luther und Müntzer im Widerstreit über die aufständischen Bauern
Luther forderte ebenso wie der Reformator Philipp Melanchthon den Gehorsam der Bauern gegenüber der Obrigkeit. Dem widersprach Thomas Müntzer, so dass seine Rolle insbesondere während der Ost-West Konfrontation ideologisch interpretiert wurde. In die Geschichte ging er unter anderem ein als Apokalyptiker, Außenseiter der Reformation, Redner der Revolution, Sozial-Revolutionär, Mystiker, Terrorist, Knecht Gottes, Prophet, Fanatiker, Aufrührer, Bilderstürmer oder Teufel aus Altstadt. Er selbst nannte sich "Thomas Müntzer, der für die Wahrheit in der Welt kämpft. Der Historiker Hans-Jürgen Goertz begleitet Müntzer in seiner empfehlenswerten Biografie durch dessen kurzes und dramatisches Leben. Müntzers auf Deutsch gehaltenen Predigten zogen bis zu 2.000 Bauern in ihren Bann. Goertz interpretiert ausführlich seine Schriften und gibt so einen Einblick, wie sich die Reformation vor allem in den unteren Gesellschaftsschichten entwickelte.
Der Buchdruck machte den Aufstand zum Medienereignis
Der Bauernkrieg konnte sich nicht zuletzt wegen der Revolutionierung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg so schnell ausbreiten. Bekannt sind allein etwa 25.000 gedruckte Exemplare der "Zwölf Artikel".
Thomas Kaufmann:
Der Bauernkrieg.
Ein Medienereignis.
Herder,
Freiburg 2024;
544 S., 35,00 €
Wer sich für diese publizistische Dimension des Aufstands interessiert, dem sei das Buch "Der Bauernkrieg als Medienereignis" von Thomas Kaufmann ans Herz gelegt. Der Bauernkrieg "wurde mit verbalen, visuellen und typographischen Waffen geführt und operierte mit Bildern und Erwartungen des Bauern, die als kulturelle Ressource verfügbar waren", schreibt der Professor für Kirchengeschichte an der Universität Göttingen.
Kaufmann beleuchtet den komplexen Mechanismus der Verbindungen und Interaktionen zwischen bäuerlichen und städtischen Aufständischen, die Beteiligung Lese- und Schreibkundiger, der Drucker und Buchführer sowie die Teilnahme des niederen Adels und des Klerus. Insgesamt analysiert er rund 250 Drucke, die den Kern der Bauernkriegspublizistik ausmachten und stellt fest, dass die berühmten "Zwölf Artikel" und die sogenannte "Memminger Bundesordnung" das Initialereignis des Aufstands waren. Ohne die rasante Verbreitung dieser Texte und die Reaktionen darauf wäre es nicht zum Aufstand gekommen: “Den Bauernkrieg gab es, weil er medial initiiert und inszeniert wurde.”
Christian Pantle:
Der Bauernkrieg.
Deutschlands großer Volksaufstand.
Propyläen,
Berlin 2024;
335 S., 22,00 €
Christian Pantle, Chefredakteur des Magazins "G/Geschichte", bietet dem Leser mit seinem Buch über den "großen Volksaufstand" eine meinungsstarke Einordnung des Geschehens. In den "Zwölf Artikeln" der Bauern sieht er ein "Kommunistisches Manifest 1525" und den Entwurf einer Verfassung von menschenrechtlicher Kraft, wie sie bis 1848 in deutschen Landen nicht mehr verfasst werden sollte.
Die Versammlung der Bauernschaft in Memmingen begreift er als ein erstes deutsches Volksparlament. Aus heutiger Sicht überlagert der 30-jährige Krieg (1618 bis 1648) mit mehreren Millionen Tote die Erinnerung an den Bauernkrieg. Umso wichtiger ist seine Berücksichtigung in der deutschen Verfassungsgeschichte: Pantle stellt zu Recht eine Verbindung her vom Bauernparlament in Memmingen über die Frankfurter Reichsverfassung von 1849 bis zur Weimarer Verfassung von 1919 und zum Grundgesetz der Bundesrepublik von 1949.
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