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Die Gründerjahre der Bundesrepublik : Als die Bäuche "rund und runder" wurden

Autor Harald Jähner legt mit "Wunderland" die junge Bundesrepublik der 1950er und 1960er Jahre sowie die Wirtschaftswunder-Zeit zur Tiefenanalyse auf die Couch.

16.01.2026
True 2026-01-16T16:30:17.3600Z
3 Min

Sie heißen Monika, Hans-Peter, Sabine oder Jürgen und gehen bald in Rente oder sind es schon: Viel wird über die Generation der sogenannten "Boomer" gesagt und geschrieben, selten aber rücken die Jahre in den Blick, in denen sie geboren wurde und aufwuchs. 

Der Journalist und mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnete Sachbuchautor Harald Jähner, der Vorname verrät es, auch er ist ein "Boomer", hat mit seinem Buch "Wunderland" ein packendes Sittenbild der Gründerzeit der Bundesrepublik zwischen 1955 bis 1967 vorgelegt.

Foto: picture-alliance / dpa

Persil-Reklame im Jahr 1956: "Persilschein" wurden die Entlastungszeugnisse bei Entnazifizierungsverfahren der Alliierten genannt.

Die "Kinderjahre" der Republik stehen bei Jähner für den rasanten Wandel von einer Nachkriegsgesellschaft der Konformität und des Mangels zu einer Gesellschaft des Überflusses und der Nivellierung zwischen unten und oben: Die "Wirtschaftswunder"-Jahre, so die These, waren der Aufschwung eines Landes "auf der Suche nach sich selbst", ein Land im Kaufrausch und des scheinbar unbeschwerten Wohlstandszuwachses, mit Waschzwang und autogerechten Städten, der Neigung zum hemmungslosen Abschlagen von Stuckfassaden und einem geradezu pathologischen Arbeitseifer, der nicht nur der Philosophin Hannah Arendt verdächtig vorkam.

Autor zeigt ausgeprägten Sinn für kulturgeschichtlich originelle Quellen

Als "selbst-stressierendes, permanent nach vorne stürzendes Sorgensystem" hat der Philosoph Peter Sloterdijk diese Welt einmal beschrieben. Jähner liefert mit feuilletonistischem Blick eine Beschreibung von Reklamekampagnen, Design, Mode, Schlagertexten, Wohninterieurs und Versandhauskatalogen, Film-Vaterfiguren und Mütterbildern. Es ist ein regelrechter Röntgenblick: Diese Oberflächen haben häufig ein beunruhigendes Innenleben.

Mit der Formensprache des Kanzlerbungalows in Bonn und des Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe präsentiert die Architektur eine "geläuterte Nation", "gelassen, transparent, nüchtern, zeitlos angenehm" - und offenbarte zugleich einen "Bescheidenheitskomplex", eine zur Schau gestellte Musterknabenhaftigkeit. Jähner blickt in die Wohnstuben, in denen der "Fernseher die Regie übernahm". Das Gerät brachte beunruhigende Nachrichtenbilder ins heimische Idyll und wurde mit Häckeldecken bestückt oder bei Nichtgebrauch in verschließbaren Holztruhen versteckt. 


Harald Jähner:
Wunderland.
Die Gründerzeit der Bundesrepublik 1955-1967.
Rowohlt Berlin,
Berlin 2025;
480 S., 32,00 €


In dem Land, in dem die "Bäuche rund und runder" wurden (Wolfgang Neuss), nimmt Jähner viel Unausgesprochenes, Unausgestanden wahr: In den Monaten, als in Frankfurt die Auschwitzprozesse verhandelt wurden, “wurde Cassius Clay Boxweltmeister. Die Peking Oper gastierte in Deutschland, die Stiftung Warentest wurde gegründet, Siw Malmkvist Schlager 'Liebeskummer lohn sich nicht' führte die Hitparade an, und die Wirtschaftsinstitute sahen erneut optimistisch in die Zukunft (...). Dazwischen immer wieder Gaskammern, Krematorien. Leichenberge. Es gab keine Routinen, damit fertigzuwerden. Auschwitz machte fassungslos.”

Jähner ist ein aufmerksamer Beobachter, der mit ausgeprägtem Sinn für kulturgeschichtlich originelle Quellen seinen Stoff arrangiert. Dazu gehört wie in seinen Büchern "Wolfszeit" über die Nachkriegszeit und "Höhenrausch" über die Weimarer Republik auch hier wieder eine exzellent kuratierte Bildauswahl.

Die Gründerjahre als vermeintlich heile Welt sind eine Illusion

"Erzählendes Sachbuch" hat der Literaturwissenschaftler Erhard Schütz solche Bücher benannt: Werke, die sich literarischer Erzähltechniken bedienen, dabei aber streng bei den Fakten bleiben - und gerade deshalb so fesselnd sind. Bei Jähner scheint das etwa in umwerfenden miniaturhaften Beschreibungen des rostbraun unter einer Qualmglocke pfeifenden Ruhrgebiets auf, dem Herzen des Wirtschaftswunders ("Einmal geschnäuzt - Brikett in der Hand", betitelte der WDR damals einen Beitrag).

Oder in einem treffend skizzierten Porträt der "Halbstarken", die mit ihren Mopeds herumknattern, lieber "Soldatensender" als Intellektuellen-Hörstücke im Südwestfunk hören, schief an den Straßenecken herumlungern. "Sie hielten ihre Zigaretten mit der Glut nach innen in der Hand und zogen daran, als saugten sie den ganzen Ernst des Lebens auf einmal in ihren knöchernen Leib." Wenn die Väter nicht brüllten, dann schwiegen sie. "'Ihr mit eurem Hitler' hieß die Antwort auf 'Ihr mit eurem Elvis'".

Jähners "Wunderland" legt die Gründerjahre der Republik zur Tiefenanalyse auf die Couch und liefert damit einen klugen Beitrag zur Gegenwart: Alte Gewissheiten sind ins Rutschen gekommen. Eine irgendwie überschaubare, sich klein machen dürfende Bundesrepublik gibt es nicht mehr, Parteien wie die AfD haben aus der Sehnsucht nach ihr ein politisches Geschäft gemacht. "Wunderland" zeigt eindrucksvoll, wie doppelbödig diese vermeintlich heile alte Welt gewesen ist.

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