Frontbesuch mit Folgen : Eine Abkehr vom Pazifismus in Zeiten des Ukraine-Krieges
Der Journalist Artur Weigandt hat ein persönliches und ehrliches Buch über die Frage vorgelegt, für welche Ziele es sich mit der Waffe zu kämpfen lohnt.
Als der Journalist Ole Nymoen im März 2025 zu Papier brachte, "Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde", da stellte sein gleichnamiges Buch einen provokanten Kontrapunkt in einer öffentlichen Debatte dar, in der viel von "Kriegstüchtigkeit" zu hören war und Prominente wie Campino, Frontsänger der "Toten Hosen" öffentlich bekannten, angesichts des russischen Angriffskrieges würde er heute den Wehrdienst nicht mehr verweigern.
Als Übersetzer bei der Ausbildung ukrainischer Soldaten dabei
Von solchen Lippenbekenntnissen ist der Journalist und Buchautor Artur Weigandt weit entfernt. Er findet sich im Sommer 2023 auf einem deutschen Truppenübungsplatz wieder, wo er als Übersetzer bei der Ausbildungsmission der Bundeswehr hilft, junge und alte ukrainische Soldaten auf dem Kampfpanzer Leopard 1 einzuweisen. Einige der ukrainischen Soldaten wird er später bei einem Besuch an der ukrainisch-russischen Front wiedertreffen.
"Du musst schreiben", fordert ihn ein junger Soldat schon während der Ausbildung auf. “Nicht für uns. Nicht für den Krieg. Sondern für das, was danach kommt. Damit die, die nach uns leben, wissen, was wir hier gesehen haben, was wir durchgemacht haben.”
Artur Weigandt:
Für euch würde ich kämpfen.
Mein Bruch mit dem Pazifismus.
C.H. Beck,
München 2025,
208 S., 18,00 €
Und Weigandt wird schreiben. Nicht nur über die ukrainischen Soldaten, die bereit sind, zu kämpfen, sondern auch über sich selbst und wie er mit jener Spielart des Pazifismus bricht, die ihn selbst lange prägte.
Schon der Titel seines Buches "Für euch würde ich kämpfen" liest sich wie eine Replik auf Nymoen. Dass auch das Cover seines Buchs in einem Tarnmuster daherkommt - ergänzt durch die Umrisse der Bundesrepublik - verstärkt diesen Eindruck. Weigandt kennt die Sichtweisen Nymoens genau. Als Student bewegt er sich selbst in jenen politisch linken Kreisen, für die stets der Westen, die Nato, die Amerikaner die Schuld an allem tragen und für die galt, dass von Kriegen allenfalls Politiker und Rüstungskonzerne profitieren. Doch der Ukraine-Krieg, das Sterben in Mariupol, Bachmut und Charkiw "zertrümmerte meine Illusionen".
Weigandts Vorfahren kämpften gegen Nazi-Deutschland
Es ist ein durchaus autobiografisch geprägtes Buch. Weigandt wurde 1994 als Sohn eines russlanddeutschen Vaters und einer Mutter mit ukrainischen Wurzeln in Kasachstan geboren. Seine Vorfahren kämpften gegen Nazi-Deutschland. Sein Blick auf den russischen Krieg und Putins Expansionsgelüste ist auch davon geprägt.
Vor allem aber hat Artur Weigandt ein sehr persönliches und ehrliches Buch geschrieben. Einfach macht er es sich nicht mit der Frage, ob und welche Gründe es gibt, zu kämpfen. Frei von Hurra-Patriotismus oder ideologischen Phrasen.
Ole Nymoen nennt viele Gründe, warum er niemals für sein Land kämpfen würde. Überzeugende und zweifelhafte. Vor allem aber hadert er mit der deutschen Gesellschaft.
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