Streitschrift gegen den Wehrdienst : Eine kämpferische Absage an die Kriegstüchtigkeit
Oly Nymoen nennt viele Gründe, warum er niemals für sein Land kämpfen würde. Überzeugende und zweifelhafte. Vor allem aber hadert er mit der deutschen Gesellschaft.
Wenn ein junger und bislang eher unbekannter Autor mit einem schmalen Bändchen einen solchen Furor erzeugt, dann hat er entweder sehr viel richtig gemacht oder schlicht und ergreifend massiv provoziert. In jedem Fall hat Ole Nymoen, freier Journalist und Podcaster, mit seinem Buch definitiv den Nerv der Zeit getroffen: Das Statement "Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde" ist in der aktuellen Diskussion um mehr Wehrhaftigkeit und Kriegstüchtigkeit für viele Menschen ein Trigger.
Entsprechend häufig wurde sein Buch, das eine Fortschreibung eines ursprünglich in der "Zeit" veröffentlichten Artikels darstellt, in den vergangenen Monaten besprochen. Mal wohlwollend, mal mit harscher Kritik. Und auf seinen "Zeit"-Artikel hagelte es heftige Beschimpfungen und Anfeindungen.
Recht auf Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen
Ja, es gibt sehr viele gute Gründe, in keinem Fall in einem Krieg zu kämpfen. Ole Nymoen führt auch durchaus nachvollziehbare Argumente an. Nicht jeder kann es mit seinen ethischen Überzeugungen vereinbaren, auf Menschen zu schießen. Mit gutem Grund ist das Recht auf Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen im Grundgesetz verankert. Doch damit beginnt bereits das Problem von Nymoens Buch. Dem Autor ist dieses in der Verfassung garantierte Recht kein Wort wert. Aber Nymoen hat auch sonst Zweifel, ob all die in Deutschland geltenden Freiheiten und Bürgerrechte durch die politischen Instanzen - er schreibt auch lieber von "Herrschern" - gewährt würden, wenn sie von den Bürgern intensiver genutzt würden. Einen Beweis dafür bleibt er allerdings schuldig.

Ole Nymoen:
Warum ich niemals für mein Land kämpfen werde.
Gegen die Kriegstüchtigkeit.
Rowohlt Taschenbuch,
Berlin 2025;
144 S., 16,00 €
Überhaupt hat Nymoen so seine Probleme mit der deutschen Gesellschaft, dem Staat und der kapitalistischen Wirtschaftsordnung. Er glaubt in der Bundesrepublik vor allem eine Gesellschaft zu erkennen, die von Egoismen und nicht von Solidarität geprägt ist. Und eine unsolidarische Gesellschaft habe kaum das Recht, Solidarität bei der Landesverteidigung einzufordern. Legitim ist es allemal, die konkrete Sozialpolitik eines Landes zu kritisieren. Das tun viele. Aber ob eine Gesellschaft solidarisch ist, zeigt sich beispielsweise auch am Grad des ehrenamtlichen Engagements der Bürger. Und dies ist trotz all der beobachtbaren Egoismen in Deutschland sehr stark ausgeprägt.
Am Ende seines Buches konterkariert Ole Nymoen selbst seine nachvollziehbaren Argumente. Wenn er bekennt, dass er wohl doch kämpfen würde - zur Verteidigung eines sozialistischen Utopias. Dennoch lohnt die Lektüre. Die aktuelle Mainstream-Debatte verdient auch pointierte Gegenbeiträge.
Mehr dazu lesen

Ist die Debatte um die deutsche Verteidigungspolitik nach Pistorius' Ruf nach "Kriegstüchtigkeit" von übertriebener Kriegsrhetorik beherrscht? Ein Pro und Contra.

Die Rechtswissenschaftlerin Kathrin Groh erklärt, welche Pflichten möglich wären – und was das Grundgesetz zu einer allgemeinen Dienstpflicht sagt.

Finden sich nicht genügend Freiwillige, um die Personalstärke der Bundeswehr zu erhöhen, sieht der Gesetzentwurf auch die verpflichtende Heranziehung als Option vor.