Interview mit Fußball-Experte Ronald Reng : "Eine Atmosphäre ungeheurer Leichtigkeit"
Der Sport-Journalist Ronald Reng blickt in "Der deutsche Sommer" zurück auf die WM 2006, kollektive Erinnerungen, Fußball im Bundestag und den Klinsmann-Effekt.
Herr Reng, der Begriff "Sommermärchen" steht bis heute für eine leichte, unbeschwerte Zeit. War Deutschland 2006 wirklich ein so entspanntes Land?
Ronald Reng: Ja und Nein: Während der Weltmeisterschaft entwickelte sich tatsächlich eine Art magischer Sommer. Viele Menschen haben die Atmosphäre ungeheurer Leichtigkeit 20 Jahre später immer noch so plastisch vor Augen, dass ihnen sofort zig Anekdoten einfallen - das wurde bei meiner Recherche überdeutlich. Im Vorfeld jedoch war die Stimmung extrem verzagt. Fast fünf Millionen Menschen waren arbeitslos, die Industrie wanderte ab. Das vorherrschende Lebensgefühl war eher: Deutschland ist der kranke Mann Europas, die guten Zeiten sind vorbei. Da lassen sich durchaus frappierende Parallelen zur heutigen Zeit ziehen.
Zugleich aber blieb ein Wirtschaftswunder dank der WM aus. Wird der ökonomische Effekt solcher Turniere überschätzt?
Ronald Reng: Ja, massiv - was auch daran liegt, dass die Politik bei Bewerbungen stets mit Wachstum und Infrastruktur argumentiert. Tatsächlich machen Hoteliers und Gastwirte einige Wochen ein super Geschäft; das fällt volkswirtschaftlich aber kaum ins Gewicht. Der messbare Effekt 2006 lag bei einem Wirtschaftswachstum im Promillebereich. Olympische Spiele dagegen können größeren Einfluss auf die Stadtentwicklung haben, da sie konzentriert in einer Metropole stattfinden. Denken Sie an München 1972 mit dem Bau der U-Bahn und des Olympiaparks. Oder Barcelona 1992, wo sich die Stadt durch Olympia zum Meer hin öffnete. Eine Fußball-WM, die über das ganze Land verstreut ist, hat diese Kraft nicht.
Ein anderes Phänomen war der Umgang mit nationalen Symbolen. Plötzlich war alles voller Deutschlandfahnen, Gesichter waren schwarz-rot-gold angemalt. War das so neu, wie wir es in Erinnerung haben?
Ronald Reng: Neu war vor allem die flächendeckende Präsenz der Deutschlandfarben. Fähnchen an Autos, schwarz-rot-goldene Fanartikel, die das Straßenbild bis ins kleinste Dorf prägten. In den Stadien war die deutsche Fahne immer schon präsent, nur hatte man sie früher nach den Deutschland-Spielen wieder eingerollt und weggeschlossen. Die Diskussion, ob das Flaggezeigen patriotisch oder schon nationalistisch sei, führten wir übrigens auch schon 1990, als nach dem WM-Sieg Jugendliche hupend mit Fahnen durch Kreisverkehre fuhren. Diese Debatte war 2006 aber schon wieder vergessen - und wurde noch einmal geführt.
Man könnte ja auch argumentieren, dass sich darin eher ein neuer, unbelasteter Umgang mit der Nation manifestierte.
Ronald Reng: Definitiv. Viele Menschen haben 2006 gelernt, entspannt und patriotisch mit ihrem Land umzugehen. Eine Umfrage der FAZ von 2009 zeigte, dass rund 80 Prozent der Deutschen ein wohliges Gefühl zu ihrer Nation hatten. Das war neu. Dieses ständige, ängstliche Beobachten aus den Augenwinkeln - "Kippt Deutschland jetzt wieder in den Nationalismus?" - war für einige Jahre verschwunden. Interessanterweise gingen in den Jahren nach 2006 auch die Wahlergebnisse rechtsextremer Parteien wie der NPD zurück, die zuvor in einigen Regionen stark war.
„Klinsmann hat den deutschen Fußball nachhaltig verändert.“
In den Plenardebatten des Bundestages wurde Miroslav Klose während der WM häufiger erwähnt als das Reformgesetz für Hartz IV, haben Sie nachgezählt. Was sagt Ihnen das?
Ronald Reng: Dass auch die Parlamentarier offenbar mehr am Fußball interessiert waren als an ihren eigenen Reformen. Ich habe mit Jürgen Rollmann gesprochen, dem damaligen Bundesbeauftragten für die WM. Er erzählte, dass die Spitzenpolitiker bis hoch zu Frank-Walter Steinmeier und Angela Merkel in dieser Zeit ein regelrechtes Urlaubsgefühl hatten. Statt Krisen und Problemen gab es endlich einmal ein positives Thema.
Allerdings wollten einige wohl auch regelrecht mitmischen: Nach einer 1:4-Niederlage gegen Italien im Frühjahr 2006 wollte der CDU-Abgeordnete Norbert Barthle den Bundestrainer in den Sportausschuss des Bundestages zitieren.
Ronald Reng: Das war tatsächlich der Versuch, politisches Kapital aus der schlechten Stimmung zu schlagen. Barthle roch, dass es im Volk wegen Jürgen Klinsmanns unkonventioneller Methoden grummelte, und wollte sich als Anwalt des kleinen Mannes inszenieren. "Dieser Klinsmann muss jetzt mal Rede und Antwort stehen!" Ich habe Barthle nun 20 Jahre später damit konfrontiert. Er redet sich bis heute heraus: Er sei falsch verstanden worden und habe Klinsmann doch nur eine Bühne bieten wollen. Das ist natürlich Quatsch. Und es zeigt, wie schwer Politiker selbst nach ihrer Laufbahn Fehler zugestehen können. Dabei würde es der politischen Kultur so gut tun, wenn jemand sagen könnte: "Da habe ich damals echten Blödsinn gemacht."
Warum stießen Klinsmanns Methoden anfangs bei so vielen auf massive Ablehnung?
Ronald Reng: Weil Menschen instinktiv Angst vor Neuerungen haben. Klinsmann kam aus den USA und kündigte an, den ganzen Laden auseinanderzunehmen. Da fühlten sich alle, die im deutschen Fußball arbeiteten, angegriffen. Und er stellte das gesammelte Stammtischwissen infrage, laut dem die Nationalelf vor allem kämpfen und die berühmten "deutschen Tugenden" ausleben muss. Klinsmann sagte: Wir arbeiten jetzt wissenschaftlich, mit Spezialisten von außerhalb, ich denke sogar daran, einen Mann aus dem Hockey zum Sportdirektor zu machen. Ein Sakrileg!
Und dann hatte er Erfolg...
Ronald Reng: …und riss alle mit - so sind wir Menschen dann eben auch. Bis heute gilt: Klinsmann hat den deutschen Fußball nachhaltig verändert. Nach 2006 gab es eine große Offenheit für Seiteneinsteiger. Nur deswegen konnte in Deutschland ein junger Mann, der nie Profifußballer war, Bundesligatrainer werden - und dieser Julian Nagelsmann ist heute Bundestrainer. Das beruht auf der Offenheit, die nach Klinsmanns Erfolg Einzug hielt.
Ronald Reng:
Der deutsche Sommer.
Als 2006 plötzlich die Leichtigkeit einzog.
Piper Verlag,
München 2026;
416 S., 25,00 €
Viele Jahre später legte sich ein Schatten über das Sommermärchen: die ungeklärten 6,7 Millionen Euro, die rund um Franz Beckenbauer und die WM-Vergabe flossen. Hat das die Erinnerung zerstört?
Ronald Reng: In den sozialen Medien konnte man sehr gut beobachten, dass viele Leute das sofort als Angriff auf ihre eigenen Erlebnisse empfanden - nach dem Motto: "Ich lasse mir meine Erinnerungen nicht nehmen, es war trotzdem schön." Und natürlich war es trotzdem schön. Ich plädiere dafür, differenziert über Ereignisse zu urteilen. Beckenbauer hatte als Organisationschef einen Riesenanteil daran, dass diese WM nach Deutschland kam und funktionierte. Und trotzdem bleibt das Fragezeichen, warum er 6,7 Millionen Euro von seinem Konto nach Frankreich zum Adidas-Chef überwies und dieses Geld dann auf Konten von FIFA-Wahlmännern landete.
Angela Merkels außenpolitischer Berater Christoph Heusgen fragt sich in Ihrem Buch, ob man ein solches Fest in einer gespaltenen Gesellschaft noch einmal hinbekommen würde. Was meinen Sie?
Ronald Reng: Es wäre absolut möglich. Wenn in zehn oder 14 Jahren Olympische Spiele in Berlin oder München stattfänden, würden die Leute das zu einem Ereignis machen, weil die Lebenslust und die Sportbegeisterung in Deutschland nach wie vor groß sind. Das würde definitiv wieder ein tolles Sommerereignis.
Die diesjährige Weltmeisterschaft findet in den USA, Kanada und Mexiko statt. Wie ist Ihre Prognose - kann ein Turnier in drei Ländern, zwischen denen es durchaus Spannungen gibt, ähnlich verbindend wirken?
Ronald Reng: Ich vermute, in den Ländern werden die Menschen für sich feiern - und es werden allerorten festliche, frohe Tage. Man darf nicht unterschätzen, wie populär Fußball in den USA mittlerweile ist, unter anderem durch die Einwanderung aus Lateinamerika. Die große Unbekannte ist die Regierung Trump. Anders als die deutsche Regierung 2006 setzt sie politisch nicht darauf, das Volk feierlich zusammenzubringen, sondern sucht den Konflikt und pickt sich Gegner heraus. Aber es gibt auch pragmatische Signale: Ursprünglich hieß es, Fans aus bestimmten Ländern müssten hohe Kautionen von 15.000 Dollar hinterlegen, um überhaupt einreisen zu dürfen. Das wurde mit einigem Abstand vor der WM zurückgenommen.
Es ist erstmals mit Fans aus 48 Ländern zu rechnen - so viele Mannschaften dürfen mitspielen, zuvor waren es 32. Was halten Sie von dieser Ausweitung?
Ronald Reng: In Ländern wie Curaçao, die sonst nie eine Chance hätten, dabei zu sein, kann das einen Fußballboom auslösen. Doch für uns Deutsche wird das Turnier beliebiger. Die Zeiten, in denen man vier Wochen lang so tat, als bestünde das Leben nur aus Fußball, und man wirklich jedes Spiel anschaute, sind damit vorbei. Man verliert den Überblick: Habe ich gestern Iran gegen Ägypten gesehen oder Curaçao gegen Ecuador? Das Ziel der FIFA ist natürlich Wachstum. Wenn mehr Länder dabei sind, sitzen weltweit mehr Menschen vor dem Fernseher. Doch aus deutscher Sicht droht eine gewisse Übersättigung. Zumindest denken wir das gerne. In der Praxis schauen auch hierzulande immer mehr und mehr Menschen Fußball; vermutlich sogar Curaçao gegen Ecuador.
Mehr zum Thema Fußball in unserem Dossier “König Fußball: Wenn Sport verbindet”.
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