Jana Hensel im Interview : „Es begann mit Hartz IV“
In „Es war einmal ein Land“ erklärt die Journalistin Jana Hensel den Aufstieg der AfD im Osten mit prekären Arbeitsverhältnissen und politischer Unsichtbarkeit.
Frau Hensel, Sie starten mit einer ernüchternden Analyse in Ihr neues Buch: "Das Ende der Demokratie in Ostdeutschland wird kommen. Vielleicht ist es schon da." Woran machen Sie das fest?
Jana Hensel: Die Idee zu dem Buch entstand, als ich nach der Bundestagswahl 2025 die politische Karte von Ostdeutschland sah: Fast alle Wahlkreise waren an die AfD gegangen. Das war der Moment, in dem ich dachte: Jetzt ist es vorbei. Die AfD ist eine Partei, die mit unserem Verständnis von Demokratie so gut wie nichts mehr zu tun hat. Zwar sagen ihre Funktionäre und Wähler, sie machten von ihrem demokratischen Recht Gebrauch, eine nicht verbotene Partei zu wählen. Doch schauen Sie sich den Regierungsentwurf der AfD für Sachsen-Anhalt an: eine Ideologisierung von Bildungs- und Kulturpolitik, die Abschaffung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Das und anderes hat doch stark autoritäre Züge.
Allgemein gilt das Jahr 2015 als der Wendepunkt, der den Aufstieg der AfD befeuert hat. Sie verorten den Bruchpunkt viel früher, in der Zeit der rot-grünen Regierung unter Bundeskanzler Gerhard Schröder.
Jana Hensel: Erst einmal: Ich bin überzeugt davon, dass die hohe Unterstützung der AfD im Osten auch die Geschichte einer gescheiterten Wiedervereinigung erzählt. Deshalb wusste ich, wenn man die Frage, wie es so weit kommen konnte, beantworten will, muss man die Geschichte Ostdeutschlands nach 1990 noch einmal erzählen. Das tue ich in meinem Buch. Eine der für mich überraschendsten Erkenntnisse dabei: Im Grunde setzte der Abschied von der Demokratie nach der Einführung von Hartz IV ein, also 2005. Der Niedriglohnsektor in Ostdeutschland war schon zuvor auf einem weit höheren Niveau als im Westen - nach den Sozialreformen umfasste er 37 Prozent. Schon damals hörten viele Menschen auf, zur Wahl zu gehen. 2015 war dann lediglich der Moment, in dem eine Frustration, die sich lange im Verborgenen angesammelt hatte, sichtbar wurde.
Warum hat die Politik diese Verschiebung so lange übersehen? Die montäglichen Demonstrationen gegen Hartz IV fanden ja zumindest kurze Zeit durchaus Widerhall in ganz Deutschland.
Jana Hensel: Aber eben nur kurze Zeit. Als ich recherchieren wollte, was Hartz IV konkret mit dem Osten gemacht hat, fand ich erschreckend wenig. Ich musste mir die Zahlen aus verschiedenen Studien selbst herausrechnen. Das zeigt, dass die Auswirkungen der Einführung der Hartz-Gesetze kein kanonisiertes Wissen sind - und deshalb wurden sie auch von der Politik übersehen. Hinzu kommt ein strukturelles Dilemma: Mit weniger als 20 Prozent der Bevölkerung bilden die ostdeutschen Wählerinnen und Wähler stets eine Minderheit, die im Mehrheitsvotum aufgeht. Das ist nicht zu kritisieren. Aber benennen muss man es.
Dabei regierte ab 2005 mit Angela Merkel eine Ostdeutsche - später war mit Joachim Gauck auch der Bundespräsident aus dem Osten. Hat das nichts bewirkt?
Jana Hensel: Das ist einer der großen Widersprüche, die es zu verstehen gilt: Genau in jenen Jahren, als Merkel im Kanzleramt saß und Gauck Bundespräsident war, verschwand der Osten von der politischen und medialen Landkarte. Die Erzählung lautete: "Was wollt ihr noch? Deutschland wird doch von zwei Ostdeutschen regiert." Wer einwandte, Merkel sei eine absolute Ausnahme und nicht der Beweis, dass Ostdeutsche es generell schaffen, drang damit nicht durch. Natürlich ist es eine unglaubliche Geschichte, dass eine Ostdeutsche Bundeskanzlerin wurde. Aber als Thema schob sie den Osten lange Zeit eher aus der öffentlichen Aufmerksamkeit heraus.
„Die Fragen, die Ostdeutsche mit ihrer AfD-Unterstützung aufwerfen, sind im Kern linke.“
In Ihrem Buch arbeiten Sie stark mit Beziehungs-Bildern: Wie in eine neue Liebe hätten sich die Ostdeutschen in das neue Land gestürzt; nun gehe diese Beziehung in die Brüche. Die frühere Grünen-Politikerin Antje Hermenau, die Sie besucht haben, spricht von Scheidung. Kann eine politische Analyse mit solchen Metaphern arbeiten?
Jana Hensel: Ich bin Autorin, Journalistin, Reporterin. Für mich ist entscheidend, sprachliche Bilder zu finden und Geschichten zu erzählen - weil ich will, dass die Menschen sich mit Themen auseinandersetzen. Das Buch richtet sich auch an die Ostdeutschen selbst. Man kann sich durch all die Studien wühlen, aber die eigentliche Herausforderung ist, die Erkenntnisse erzählbar zu machen. Die Suche nach solchen Bildern, die manche vielleicht zu simpel finden, war das Anstrengende am Schreiben. Aber die Rückmeldungen zeigen: Gerade das Liebesbild trifft viele Menschen. Sie sagen: Genau so fühlt es sich an.
Apropos Studien: Erhebungen zu Autoritarismus und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit zeigen seit Jahren: Im Osten ist nicht nur die Demokratiezufriedenheit niedriger, sondern auch die Zustimmung zu fremdenfeindlichen Aussagen höher. Viele suchen die Ursachen dafür in der DDR. Sie tun das nicht. Warum nicht?
Jana Hensel: Mein Kenntnisstand ist, dass sich die Werte eher angleichen. Ja, die Werte für Rassismus und Fremdenfeindlichkeit sind im Osten höher, aber nicht so signifikant, dass sie den enormen Wahlerfolg der AfD erklären, die dort auf fast 20 Prozentpunkte mehr kommt. Auch fallen in denselben Studien die Werte für Chauvinismus und Antisemitismus im Westen höher aus. Ich glaube, wir können die Dinge mit diesen Einstellungsmustern nicht ausreichend erklären; und dass auch Rassismus und Fremdenfeindlichkeit Ausdrucksformen für andere, tieferliegende Probleme sind. Mein Plädoyer ist, die eigentlichen Fragen zu stellen - soziale und ökonomische. Weil der Protest 2015 während der Flüchtlingspolitik Merkels sichtbar wurde, lag der Verdacht nahe, hier läge der Kern des Problems. Doch wenn wir die Geschichte mit Hartz IV beginnen, sehen wir: Es geht um soziale Gerechtigkeit.
Jana Hensel:
Es war einmal ein Land.
Warum sich der Osten von der Demokratie verabschiedet.
Aufbau,
Berlin 2026;
263 S., 22,00 €
Für Ihr Buch haben Sie mehrere AfD-Politiker besucht - den Parteivorsitzenden Tino Chrupalla, den Bundestagsabgeordneten Maximilian Krah, auch den früheren Neonazi Benedikt Kaiser. Warum? Und was haben Sie gelernt?
Jana Hensel: Ich wollte verstehen, was das Ostdeutsche an dieser AfD ist, und habe diese Männer nach ihren Biografien befragt. Ich kenne den Vorwurf, der AfD eine Bühne zu bieten, und nehme ihn ernst. Doch wer das Buch liest, sieht: Ich distanziere mich politisch und komme durchgehend zu anderen Schlüssen - nicht zuletzt zu dem, dass die AfD kein einziges Problem der Ostdeutschen lösen wird. Was ich gelernt habe: Es gibt einen entscheidenden Unterschied. Götz Kubitschek oder Björn Höcke, die beide aus der alten Bundesrepublik stammen, haben schon in den 1990ern revanchistische Texte geschrieben. Chrupalla und Krah sind etwas anderes: enttäuschte Demokraten, die sich radikalisiert haben. Chrupalla hat erst Schröder gewählt, dann Merkel - und ist dann, auch weil sein Handwerksbetrieb in Weißwasser wirtschaftlich ins Stocken geriet, abgedriftet. Damit steht er stellvertretend für viele ostdeutsche Biografien.
Sie beschreiben die Wählerinnen und Wähler der AfD und die Partei als eine Art Notgemeinschaft: Während die Funktionäre stets die nächste Krise herbeisehnen, um von ihr zu profitieren, werden sie gewählt, damit Krisen bewältigt werden.
Jana Hensel: Ja, und die große Frage ist, was geschehen würde, wenn die AfD in Regierungsverantwortung käme. Ob die Menschen mit einer rassistischen Bildungspolitik und einem staatlich reglementierten Rundfunk zufriedener wären, halte ich für höchst offen.
Sie plädieren dafür, die AfD regieren zu lassen, damit sie sich, selbst entzaubert?
Jana Hensel: Nein! Ich bin klar für die Brandmauer. Doch gleichzeitig sehe ich eine große politische Stagnation, in der die AfD stetig mehr Zulauf erhält; eine Dynamik, die die Lage immer verfahrener macht. Wir haben es mit einer Art gordischem Knoten zu tun, der irgendwie durchschlagen werden müsste - während man sich das Ergebnis dieses Durchschlagens zugleich nicht wünscht.
Sie beschreiben 1989 und 2029 als potenzielle Spiegeldaten der deutschen Geschichte - den Eintritt in die Demokratie und den möglichen Austritt. Was müsste passieren, damit dieses Szenario nicht Wirklichkeit wird?
Jana Hensel: Mein Plädoyer ist, anzuerkennen: Die Fragen, die Ostdeutsche mit ihrer AfD-Unterstützung aufwerfen, sind im Kern linke; nach Akzeptanz, sozialem Aufstieg, gerechter Verteilung von Wohlstand, Repräsentanz, Respekt. Ein Migrationsproblem hat der Osten nicht - dass Menschen dennoch den Untergangsfantasien der AfD über angebliche Massenmigration glauben, zeigt vor allem, wie sehr sie sich abgekapselt haben. Folglich sind es in erster Linie die SPD und die anderen linken Parteien, die sich um diese strukturell weniger wohlständische und auch prekärere Gesellschaft kümmern müssen - nicht die CDU. Während Angela Merkel die Menschen in Ostdeutschland wenigstens mental noch abholen konnte, sehe ich dafür beim heutigen Bundeskanzler keinerlei Anzeichen. Friedrich Merz hat mit den Menschen im Osten schlicht viel zu wenig gemein.
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