Eine Straße, zwei Buchläden : Literaten im französischen Exil
Sylvia Beach und Adrienne Monnier prägten mit ihren Buchläden die literarische Szene in Paris – und halfen Verfolgten während der deutschen Besatzung.
Vermutlich gibt es nur wenige Buchhandlungen, von denen eine "Befreiung" im Zweiten Weltkrieg überliefert ist. Vielleicht gibt es sogar nur eine, der dieses Schicksal zuteilwurde: Ende August 1944, als die Deutschen gerade die französische Hauptstadt verließen, eilte Ernest Hemingway in die Rue de l'Odéon im 6. Arrondissement in Paris. Sein Ziel war die Buchhandlung "Shakespeare and Company".
Der spätere Nobelpreisträger, der berufsethisch grenzwertig zwischen Kriegsberichterstatter und Freischärler durch Frankreich zog, konnte den 1941 geschlossenen Laden zwar nicht mehr geöffnet vorfinden, traf aber auf die Gründerin Sylvia Beach.
Netzwerkerin der Pariser Literaturszene: Sylvia Beach (Bild rechts) mit dem von ihr geförderten Autor James Joyce sowie Adrienne Monnier mit F. Scott Fitzgerald (Bild links).
Die US-Amerikanerin hatte den Krieg und die Besatzung durch die Deutschen überlebt und konnte nun ihren alten Freund in die Arme schließen. Die Details dieser Begegnung in den Wirren des noch laufenden Krieges sind nicht ganz unumstritten.
So ist nicht klar, ob Hemingway, der der erste Amerikaner in Paris sein wollte, zunächst den Buchladen "befreite" - oder doch eher die Bar im Pariser Ritz. Unbestritten ist jedoch, dass die 1919 von Sylvia Beach gegründete englischsprachige Buchhandlung für Hemingway und andere Autoren der "Lost Generation", darunter F. Scott Fitzgerald und T. S. Eliot, in den 1920er und 1930er Jahren ein bedeutender Anlaufpunkt war.
Zwei Frauen vernetzten die Pariser Literaturszene
Die Förderung der literarischen Avantgarde fand aber nicht nur bei "Shakespeare and Company", sondern auch direkt gegenüber auf der anderen Straßenseite statt. Dort hatte Adrienne Monnier bereits 1915 den Buchladen "La Maison des Amis des Livres" ("Das Haus der Bücherfreunde") gegründet und durch Lesungen und Veranstaltungen zu einem Magneten für die französischsprachige Literaturszene gemacht. Zu ihrem Dunstkreis zählten etwa der spätere Nobelpreisträger André Gide sowie Paul Valéry, zu den Kunden ihrer Leihbücherei gehörten Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir. Die von Beach und Monnier geschaffene Szene ging als "l'Odéonie" in die Kulturgeschichte des Landes ein.
Die beiden Frauen und ihr Wirken stehen im Zentrum von Uwe Neumahrs neuem Buch "Die Buchhandlung der Exilanten". Dem Romanisten und Germanisten geht es jedoch nicht primär um die wilden 1920er Jahre. Natürlich gibt es auch Episoden aus der Zeit vor der nationalsozialistischen Zeitenwende. Neumahr berichtet, wie sich Beach und Monnier, die eng befreundet und zeitweise ein Paar waren, in der Rue de l'Odéon etablierten. Untrennbar verbunden sind Beach und ihr Laden mit James Joyce. Es war die mutige US-Amerikanerin, die den berühmt-berüchtigten Roman "Ulysses" des irischen Schriftstellers als Erste verlegte. Auch Monniers unermüdliches Engagement für die Literatur ist Thema, selbst wenn es im Fall von Sartre und Gide nicht immer glückte. Die beiden Autoren fanden bei einem gemeinsamen Abendessen nicht zusammen.
Die Exilanten Walter Benjamin und Gisèle Freud trafen auf die Buchhändlerinnen
Neumahr widmet sich in seinem packenden Buch aber vielmehr der Zeit nach der "Machtergreifung" in Deutschland und der damit verbundenen Fluchtbewegung, dem Kriegsausbruch und der Besetzung Frankreichs durch die Deutschen. Politisch den Nazis unliebsame und vor allem jüdische Intellektuelle flüchteten nach Paris und kreuzten dort die Wege von Beach und Monnier. Es ist insbesondere der Einsatz der Französin, den Neumahr hervorhebt - der sich dafür durch diverse Nachlässe und Archive gearbeitet hat -, weil sie selbst darüber offenbar kaum sprach. Sie war es, die für viele Menschen einen wohl lebensrettenden Unterschied machte.
Uwe Neumahr:
Die Buchhandlung der Exilanten.
Paris 1940. Zuflucht und Widerstand.
C.H.Beck,
München 2026;
320 S., 26,00 €
Zum Beispiel für Gisèle Freund. Der später berühmten Magnum-Fotografin, die als Jüdin schon 1933 nach Paris ins Exil gegangen war, griff Monnier bei der Berufswahl unter die Arme, vermittelte ihr zwecks Staatsbürgerschaft eine Scheinehe und drängte sie zur rechtzeitigen Flucht aus Paris, die Freund bis nach Buenos Aires führte. Ausführlich berichtet Neumahr zudem vom Einsatz für Siegfried Kracauer und Walter Benjamin.
Für Beach, die nach dem Kriegseintritt der USA interniert worden war, setzte Monnier alle Hebel in Bewegung - und nahm sogar die Zusammenarbeit mit Kollaborateuren in Kauf, um ihre enge Freundin freizubekommen. Eine Kollaborateurin selbst war sie aber nicht, wie der Autor entschieden betont.
Monnier verkaufte ihren Buchladen wenige Jahre nach dem Krieg, Beach machte ihren gar nicht mehr auf. Seit April 1964 firmiert jedoch unter dem Namen "Shakespeare and Company" wieder ein Laden in Paris, den der Inhaber George Whitman zu ihrer Ehre so benannte. Wie schon sein Vorbild wurde der Laden zu einem Anziehungspunkt - zunächst für die Beatniks, heute für Touristen und Bücherfreunde aus aller Welt.
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