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Foto: European Union 2026/Bernhard Ludewig
Serhii Korovayny will vor allem die Menschen zeigen, die dem Krieg in seiner Heimat schon seit mehr als zehn Jahren trotzen.

Ausstellung "Love Letter to Donbas" : Dokumentieren, bevor es zu spät ist

Der preisgekrönte ukrainische Fotograf Serhii Korovayny zeigt in Berlin Bilder vom Alltag im Donbas inmitten des Krieges. Eindrücke von der Ausstellungseröffnung.

23.02.2026
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5 Min

Abenddämmerung umspielt die Fahne auf dem Dach der Russischen Botschaft und das 350 Meter entfernte Pferdegespann auf dem Brandenburger Tor. Genau dazwischen, an der Straße Unter den Linden, steht das Europäische Haus, Sitz der Vertretung der Europäischen Kommission in Deutschland und des Verbindungsbüros des Europäischen Parlaments. Darin haben sich an diesem Freitagabend um kurz vor 18 Uhr rund 70 Zuschauer versammelt, um etwas über ein Land zu hören, das nicht Mitglied der EU ist – genauer über eine Region, die sie gemeinhin mit Gewalt und Tod in Verbindung bringen: den Donbas.

"Ein Ort des Fußballs, der Blumen und der Kindergeburtstage"

„Für mich ist das Heimat“, erzählt Serhii Korovayny vorne mit einem Mikro in der Hand „Der Donbas ist ein Ort des Fußballspielens, der blühenden Blumen und der Kindergeburtstage.“ All dies fotografiert Korovayny. Doch seit der Krim-Annexion 2014 und der russischen Invasion 2022 dokumentiert er auch Frontverläufe und Mörserfeuer. „Er ist einer der wichtigsten Chronisten des Krieges geworden“, sagt Barbara Gessler, die Leiterin der Vertretung, in ihrer Begrüßungsrede. "In seinen Bildern sind Schönheit und Ausdauer.“ 

Und Dunkelheit. Korovayny, der sich vor dem Angriff Russlands auf sein Heimatland Ukraine mit Umweltthemen und Landschaftsstudien bildjournalistisch auseinandersetzte, leuchtet nun seit Jahren im Auftrag großer Medien wie dem „Wallstreet Journal“, „Time Magazine“ und „National Geographic“ ein Leben im Krieg aus. 

Davon erzählen zum Beispiel seine ausgestellten Bilder im Foyer des Europäischen Hauses: ein brennendes Getreidefeld bei Sonnenuntergang, eine Frau während ihrer Schicht in einem Kohlebergwerk, Sanitäter bei der Erstversorgung eines Bauchschusses. Es sind Bilder, welche die Gewalt einer Invasion von der Seite aus zu untersuchen scheinen und dennoch immer mittendrin sind. Korovayny ist 31 Jahre alt. 2022 gewann er für seine Arbeit den „James Foley Award for Conflict Reporting“, nun zeigt er seine Bilder in der Ausstellung „Love Letter to Donbas“. Einen Monat lang werden sie in Berlin zu sehen sein, danach im Europäischen Parlament in Straßburg. Ein Fotoband mit dem gleichen Titel begleitet die Ausstellung rund um den Jahrestag der russischen Invasion am 24. Februar 2022.

Russische Truppen zielen zunehmend auch auf Journalisten

„Noch vor einem Jahr sah ich in meiner Arbeit kein Werk über den Donbas“, sagt er in Berlin. „Ich tat einfach meinen Job.“ Doch mit der Zeit scheint sich etwas herausgeschält zu haben, ein Gesamtbild kommt zutage. Eines, an dem es immer gefährlicher wird, zu arbeiten. „Für russische Truppen sind Medien Ziele. Seit einem Jahr ist die Arbeit immer schwieriger – wegen den Fähigkeiten von Drohnen, die einen jagen.“


„Es schmerzt, dass uns angeboten wird, große Gebiete für einen theoretischen Frieden aufzugeben.“
Serhii Korovayny

Interviewt wird der junge Fotograf von Anastasiia Rodi, einer deutsch-ukrainischen Journalistin und Politikwissenschaftlerin, die seit 2014 für deutsche Medien wie die „taz“ aus der Ukraine berichtet. „Wie ist das Alltagsleben im Donbas?“, fragt sie ihn. Korovayny erzählt vom Leben und der Liebe, die im Krieg nicht weichen. Doch die täglichen Wege würden sich mit den Frontverläufen ändern. 

„Langsam rücken die russischen Soldaten vor“, sagt er. „Mal ist es die eine Tankstelle, die man nicht mehr benutzen kann, mal jenes Café.“ Er berichtet vom speziellen Duft des Grases in der Region, von der See vor Mariupol, in der er schwimmen lernte. „Ich will dokumentieren. Bevor es zu spät ist.“ Es sei ein Gefühl wie bei einem Freund oder einem Verwandten, der unheilbar krank sei und mit dem man nun so viel Zeit wie möglich verbringen möchte. „Das ist mein Verhältnis zum Donbas.“

Kann man Menschen und ihre Häuser wegverhandeln?

Korovayny wuchs in einer russischsprachigen Familie auf. „Wir waren nicht sehr politisch, alles war recht post-sowjetisch.“ Er spricht abgeklärt, professionell. Doch als er von seiner Kindheit und Jugend spricht, einer glücklichen, wie er sagt, stockt er und kneift für einen Moment die Augen zusammen. „Seit dem russischen Angriff schaffe ich es nicht mehr, die Musik meiner Kindheit zu hören. Ich kann die Bücher von damals nicht mehr lesen – es ist alles auf Russisch.“

Korovaynys Bilder suchen eine Schönheit, die verlässlich mit der Hässlichkeit des Krieges kollidiert. „Warum nennst du deine Ausstellung ‚Love Letter‘?“, fragt ihn Anastasiia Rodi, „ist es eine Liebeserklärung?“ Ihm gehe es um die Menschen, die im Donbas leben, antwortet er. „Es schmerzt, dass uns angeboten wird, große Gebiete für einen theoretischen Frieden aufzugeben.“ Man könne Russland nicht trauen, es wäre ein abstrakter Friede. „Über den Donbas wird geredet wie über eine Verhandlungsmasse. Als könnte man es einfach weggeben. Aber kann man Menschen und ihre Häuser wegverhandeln?“ Es ist eine Frage, die an diesem Abend im Publikum keiner Antwort bedarf.

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An den Wänden des Saals leuchten Porträts europäischer Städte, es scheint auf ihnen immer Sommer zu sein. Auch Korovaynys Bilder, die hinter ihm auf der Leinwand in Endlosschleife erscheinen, leben von bunten Farben. Nur schleicht sich auf ihnen zuweilen ein Schatten ein. „Optimismus ist das, was uns geblieben ist“, sagt er. „Wir haben es für hunderte von Jahren nicht geschafft, Russland zu stoppen.“ Er lebe mit seiner Familie von Tag zu Tag, finde Freude im Alltag. Aber: „Ich kämpfe damit, nicht genug zu tun.“ Hinter ihm erscheint ein Foto mit einer Blumenwiese, über die sich Stacheldraht zieht. „Vielleicht ist der Donbas nicht nur Europa, sondern auch Teil der EU“, skizziert er seine Hoffnung für die Zukunft. „Die Ukraine sollte zur europäischen Familie zurückkehren.“


Die Ausstellung "Love Letter to Donbas" ist noch bis zum 20. März 2026 kostenlos im Europäischen Haus am Pariser Platz in Berlin zu sehen.