Fachgespräch zu DDR-"Tripperburgen" : Für den Oberarzt waren sie einfach "Schlampen"
Rund 100.000 Mädchen sind in der ehemaligen DDR in sogenannten "Tripperburgen" eingesperrt und misshandelt worden. Die Opfer leiden bis heute unter dem Unrecht.
Die Stimme stockt, Tränen laufen ihr über die Wangen. "Es ist nicht einfach, darüber zu reden", sagt Angelika Börner. Und doch redet sie. Weil sie endlich erzählen darf, was ihr als 15-Jährige angetan wurde. "Ich mache das für die Frauen, die die gleiche Hölle erlebt haben wie ich."
Die Hölle, das war für Angelika Börner die "Geschlossene Venerologische Station" im Klinikum von Halle an der Saale. Ohne erkennbaren Grund und ohne eine medizinische Indikation war sie im Jahr 1965 zwangsweise in die Station eingeliefert worden, die mehr einem Gefängnis als einem Krankenhaus ähnelte. Die Türen waren verriegelt, die Fenster vergittert, es herrschte ein stark reglementierter Alltag, erzählt sie am Donnerstag bei einem Fachgespräch der SED-Opferbeauftragten Evelyn Zupke zum Thema "Scham und Angst: Zwangseinweisungen und Misshandlungen von jungen und minderjährigen Frauen in den sogenannten Tripperburgen der DDR".
Angelika Börner (l.) und die SED-Opferbeauftragte Evelyn Zupke während des Fachgesprächs im Bundestag. Börner wurde mit 15 Jahren zwangsweise auf eine "Geschlossene Verenologische Station" eingeliefert.
Achteinhalb Wochen blieb sie in der Abteilung, jeden Morgen mussten die jungen Frauen antreten, um anschließend in einer entwürdigenden Prozedur zum Teil gewaltsam auf Geschlechtskrankheiten untersucht zu werden. Schlimmer als dies war aber, was folgte. Der Doktor, begleitet von zwei, drei Pflegern, zeigte wahllos auf einige Patientinnen. Diese fehlten dann abends, mussten zur "ärztlichen Kontrolle", so Angelika Börner. "Jeder hat gewusst, was wirklich passiert. Alle wurden der Reihe nach vergewaltigt." Auch sie.
Das jüngste Opfer war zwölf Jahre alt
Im Sitzungssaal 1.302 des Jakob-Kaiser-Hauses des Bundestages herrscht eine gespenstische Stille. "Ich kann es nicht vergessen", sagt Angelika Börner. Bis zur friedlichen Revolution 1989 war die Erinnerung an das Geschehene "eingekapselt", da sie niemandem von ihren Erfahrungen erzählen durfte. Nur ihr Mann und ihre Tochter wussten Bescheid.
Angelika Börner war in der DDR kein Einzelfall. Zwischen 1945 und 1990 wurden rund 100.000 Mädchen und junge Frauen zwangsweise in die Geschlossenen Venerologischen Stationen eingewiesen, die Jüngste war zwölf Jahre alt, ein Drittel war minderjährig, das Durchschnittsalter belief sich auf 22 Jahre, in der Regel blieben sie drei bis sechs Wochen. "Dem Staat ging es dabei nicht um Fürsorge, sondern um Disziplin", sagt Professor Florian Steger, Direktor des Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der Universität Ulm, der von 2011 bis 2016 in gleicher Funktion an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg tätig war und über diese Abteilungen in Halle (Saale), Leipzig und Dresden geforscht hat und diese Arbeit in Ulm fortsetzt.
„Wir verdanken es den mutigen Frauen, die das Schweigen gebrochen haben, dass das Tabu gefallen ist.“
Denn Opfer waren meist Mädchen, die nicht systemkonform waren oder denunziert wurden, als "Herumtreiber" galten, die Schule schwänzten oder abbrachen, bei der Arbeit fehlten, in Gaststätten und Diskotheken verkehrten, Kontakte zu sogenannten "asozialen Elementen" hatten oder als "kriminell gefährdete Bürger" eingestuft wurden. Offiziell wurden sie zur Behandlung von Geschlechtskrankheiten eingeliefert, tatsächlich aber ging es um Umerziehung, Arbeitsdisziplin und Staatstreue. Florian Steger zitiert beim Fachgespräch der SED-Opferbeauftragten einen Oberarzt, der in entwaffnender Offenheit zugab: "Das waren keine politisch Aufmüpfigen, das waren einfach Schlampen, die brauchten einen Denkzettel."
Die Wanderausstellung “Einweisungsgrund: Herumtreiberei” reist durch Deutschland
In der Tat wurden nach seinen Worten nach Auswertung der Akten in bis zu drei Vierteln aller Fälle keine Krankheiten festgestellt. Und wenn sie krank gewesen wäre, hätte "eine Spritze in den Po" gereicht, um sie zu behandeln. Entsprechend hart fällt Stegers Urteil aus: “Es handelte sich um eine pervertierte Medizin mit disziplinierendem Charakter im staatlichen Auftrag.”
"Wir stehen an der Seite der Betroffenen", sagt SED-Opferbeauftragte Evelyn Zupke. Viel zu lange wurde über diese Orte und das, was dort geschah, geschwiegen. "Wir verdanken es den mutigen Frauen, die das Schweigen gebrochen haben, dass das Tabu gefallen ist." Ihre Behörde hat, um auf das Schicksal der Betroffenen aufmerksam zu machen, eine Wanderausstellung zum Thema "Einweisungsgrund: Herumtreiberei" erstellt, die nun auf eine Reise durch Deutschland gehen soll.
Für Angelika Börner ist dies überfällig. Bis heute leidet sie an den Folgen ihrer Einweisung in die Klinik. Sie wünscht sich nicht nur mehr Verständnis, sondern konkret mehr Therapieplätze. Seit sechs Jahren wartet sie auf eine Kur. “Es wird Zeit, dass uns endlich jemand zuhört.”
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