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Pressefreiheitspreis : Regimegegner und Krisenreporter ausgezeichnet

Weltweit wächst der Druck auf die Presse. Bei der Verleihung des diesjährigen Pressefreiheitspreises mahnt die Bundestagspräsidentin mehr Schutz für Journalisten an.

08.05.2026
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3 Min

Um die Pressefreiheit ist es weltweit nicht gut bestellt. Am 3. Mai, dem Internationalen Tag der Pressefreiheit, veröffentlichte die Organisation "Reporter ohne Grenzen" zum 25. Mal das "Barometer der Pressefreiheit". Erstmals fielen mehr als die Hälfte der 180 gelisteten Länder in die beiden schlechtesten Kategorien "schwierig" und "sehr ernst". In den vergangenen zwölf Monaten wurden global 13 Journalisten bei ihrer Arbeit getötet, 494 inhaftiert, 26 entführt, 140 als vermisst gemeldet.

Foto: DBT / Thomas Imo / photothek

Ausgezeichnet: Osteuropa-Korrespondentin Cathrin Kahlweit (m.), Kriegsreporter Jan Jessen (l.) und der inhaftierte Hongkonger Verleger Jimmy Lai, dessen Sohn Sebastian Lai (r.) den Preis entgegennahm.

"Im Vergleich mit anderen Ländern geht es uns gut", sagte Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) als Schirmherrin bei der Verleihung des deutschen Pressefreiheitspreises in der Bayerischen Landesvertretung. Die Bundesrepublik rangierte im Index von "Reporter ohne Grenzen" auf Platz 14 (2025: Platz 11). Doch wies Klöckner zugleich darauf hin, dass die Bundesregierung zwischen April 2024 und November 2025 hierzulande 818 Angriffe auf Journalisten und Journalistinnen registriert hat, 89 davon waren Gewaltdelikte. Klöckner, die selbst als Journalistin tätig gewesen ist, mahnte deshalb: "Artikel 5 unseres Grundgesetzes gewährt die Pressefreiheit. Sie ist konstituierend für die freiheitlich demokratische Grundordnung."

Verbände ehren einen inhaftierten Verleger und zwei Reporter mit dem Pressefreiheitspreis

Als herausragende Vorbilder für den Kampf um die Pressefreiheit wurden vom "Bündnis Zukunft Presse", einer gemeinsamen Initiative des Bundesverbands Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV) und des Medienverbandes der freien Presse (MVFP), drei Persönlichkeiten geehrt: Der seit über fünf Jahren in Hongkong im Gefängnis sitzende Verleger Jimmy Lai für seinen Widerstand gegen das chinesische Regime, die langjährige Korrespondentin der "Süddeutschen Zeitung", Cathrin Kahlweit, für ihre unerschrockene Berichterstattung über Revolutionen und Kriege in Osteuropa und Jan Jessen von der Funke-Mediengruppe, der für seine Reportagen aus Krisen- und Konfliktregionen ausgezeichnet wurde.

Für seinen Vater Jimmy Lai nahm dessen Sohn Sebastian Lai den Pressefreiheitspreis entgegen. Zuvor hatte Laudatorin Oksana Brovko, Vorsitzende einer Gemeinschaft unabhängiger Regionalmedien in der Ukraine, Jimmy Lai für seinen Mut als Oppositioneller in einer Diktatur gelobt. Für Lai gelte ebenso wie für andere: "Wenn wir aufhören, die Wahrheit zu sagen, hören wir auf zu sein. Freiheit aber ist nicht zu Ende, wenn sie angegriffen wird, sondern erst, wenn wir aufhören, sie zu verteidigen." Sebastian Lai bedankte sich mit den Worten: “Der Preis erinnert daran, dass mein Vater nicht allein kämpft.”


„Die Wirklichkeit ist da draußen. Da müssen wir hin, um uns der Wahrheit so gut wie möglich anzunähern.“
Jan Jessen, Kriegsreporter der Funke-Mediengruppe

Die Gerichtsreporterin Annette Ramelsberger von der "Süddeutschen Zeitung" zitierte bei ihrer Laudatio auf Cathrin Kahlweit ein Wort des Osteuropa-Historikers Karl Schlögel: Journalisten müssten "on the ground" präsent sein, also vor Ort, nur dann seien ihre Berichte in der Lage, das von autoritären Regierungen verordnete Schweigen zu brechen. Ihre mit dem Pressefreiheitspreis ausgezeichnete SZ-Kollegin beweise seit vielen Jahren Mut und Gespür, "Feingefühl für Menschen", Angst habe sie nicht. Cathrin Kahlweit fasste ihre Erfahrungen der Jahre seit 1989 in dem Satz zusammen: "Eine Gesellschaft ohne Pressefreiheit ist blind, taub und gelähmt."

Klöckner: Staat und Medien tragen Verantwortung für Pressefreiheit

Susanne Koelbl, Auslandskorrespondentin des "Spiegel", lobte Jan Jessen für eine besondere Begabung: "Er erzählt nicht nur von der Front und den Zerstörungen, sondern auch von den Nebenkriegsschauplätzen, aus Tiefgaragen und U-Bahnhöfen, aus Kellern und Tunneln. Er fragt: Was macht der Krieg mit den Menschen?" Jessen berichtete von seinen jüngsten Erfahrungen in der Ukraine: "Dort haben wir Reporter unsere Presse-Westen ausgezogen, weil die Russen Jagd auf Journalisten machen." Seine Devise sei: "Die Wirklichkeit ist da draußen. Da müssen wir hin, um uns der Wahrheit so gut wie möglich anzunähern."

In ihrer Rede sagte Bundestagspräsidentin Julia Klöckner zu, dass der Staat sich nicht aus dem Schutz derer heraushalten dürfe, "die recherchieren, berichten, kommentieren und Öffentlichkeit herstellen". Alle Versuche, Journalisten "mundtot" zu machen, seien "für die Demokratie nicht hinnehmbar". Allerdings gebe es nicht bloß die Verantwortung des Staates für die Pressefreiheit, sondern auch "die Verantwortung der Medien zur Pressefreiheit". Hier gelte: "Schwindendes Vertrauen lastet nicht nur auf uns Politikern, sondern auch auf Journalisten." Das habe jüngst eine Studie der Universität Mainz belegt, so Klöckner. 

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