Soziologe Aladin El-Mafaalani im Interview : "Die stete Kontrolle nervt"
Aladin El-Mafaalani analysiert in seinem Buch "Misstrauensgemeinschaften", warum das Vertrauen in Politik, Wissenschaft und Medien erodiert.
Herr El-Mafaalani, der Startpunkt Ihres neuen Buchs war das Erleben Ihrer eigenen Rolle als Wissenschaftler. Erzählen Sie doch mal.
Aladin El-Mafaalani: Die Idee hat mehrere Wurzeln, aber der entscheidende Anstoß kam aus einer persönlichen Erfahrung. Seit der Pandemie wurden selbst Menschen, die mich gut kennen, mir gegenüber als Wissenschaftler skeptisch. Nicht, weil sie mir als Person misstrauten, sondern weil ihr Vertrauen in das Wissenschaftssystem erodiert war und das auf mich abfärbte. Da wurde mir klar: Wenn Menschen, die mir ihr Kind anvertrauen würden, mir als Wissenschaftler nicht mehr vertrauen: Was bedeutet das für eine Gesellschaft, in der wir ständig Experten vertrauen müssen? Diese Beobachtung habe ich in Vorlesungen angesprochen, woraus wunderbare Diskussionen mit den Studierenden entstanden. Das ist eine Generation, die in genau der Zeit aufgewachsen ist, in der sich das Misstrauen verstärkt hat - sie kennen die Zeit davor gar nicht.
Ist dieses wachsende Misstrauen nicht eine logische Reaktion auf eine Welt, die für den Einzelnen immer komplexer und unkontrollierbarer wird?
Aladin El-Mafaalani: Mehr noch, es gibt einen paradoxen Zusammenhang. Soziologen haben sich lange gefragt, wie es überhaupt möglich war, dass sich Vertrauen so generalisiert, dass wir Unbekannten und abstrakten Institutionen vertrauen: vom Piloten, der unser Flugzeug steuert, bis zum Bankensystem, in dem unser Geld liegt. Doch genau dieses Vertrauen hat unsere Gesellschaften immer komplexer gemacht; es ist also ein zirkulärer Prozess. Ab einem bestimmten Punkt, so meine These, kippt das System. Es wird überkomplex. Menschen wissen nicht mehr, wem sie vertrauen sollen; zugleich werden die Systeme krisenanfälliger. Jede Krise der letzten 20 Jahre hat dem Misstrauen neuen Schub gegeben, angefangen mit der Finanzkrise 2008. Damals fühlten sich viele in ihren Erwartungen enttäuscht, ihr Vertrauen wurde gebrochen. Das hat Misstrauensstrukturen in vielen gesellschaftlichen Bereichen etabliert, sogar im Geldsystem - denken Sie an Kryptowährungen wie den Bitcoin, den man ohne Weiteres als eine "Misstrauenswährung" beschreiben kann.
Andererseits ist Misstrauen gegenüber dem Staat nichts Neues. Bereits in den 1980er-Jahren gab es zum Beispiel massiven Protest, als dieser eine Volkszählung - eine Sammlung der Daten seiner Bürger - durchführen wollte. Das war doch auch manifestiertes Misstrauen.
Aladin El-Mafaalani: Absolut, und Misstrauen ist per se auch nichts Schlechtes. Ich würde es mit dem Immunsystem einer Gesellschaft vergleichen: Es ist lebensnotwendig, muss aber wohldosiert sein. Eine Autoimmunerkrankung, bei der sich das System gegen den eigenen Körper richtet, ist verheerend. Das ist der Unterschied zwischen konstruktivem und destruktivem Misstrauen. Ihr Beispiel, die Volkszählung, oder auch kritische Juristen, die Medien, das ist Misstrauen im System. Destruktives, generalisiertes Misstrauen hingegen agiert von außen und zielt auf Zerstörung.
„Ohne die digitale Welt hätte sich die Misstrauensstrukturen nicht in diesem Ausmaß bilden können.“
Lässt sich sagen, bei wem sich eher konstruktives und bei wem destruktives Misstrauen entwickelt?
Aladin El-Mafaalani: Das müsste man psychologisch betrachten. Doch aus Studien ist bekannt, dass destruktives Misstrauen mit drei Faktoren stark korreliert: empfundener Bedrohung der eigenen Identität, Entfremdungserfahrungen und sozialer Ungleichheit. Interessanterweise scheint die steigende Ungleichheit unter diesen jedoch der am wenigsten wichtige Faktor zu sein.
Warum verfängt die Strategie populistischer Akteure, dieses Misstrauen zu bündeln, denn dann gerade jetzt so stark?
Aladin El-Mafaalani: Meines Erachtens ist nicht zunehmendes Misstrauen entscheidend; das steigt je nach Indikator seit Jahrzehnten. Wichtiger ist die Digitalisierung. In der vordigitalen Welt war eine misstrauische Lebensführung anstrengend und trostlos. Wer dem Staat, der Regierung, den Medien misstraute, war isoliert, praktisch handlungsunfähig. In der digitalen Welt können sich diese Menschen begegnen. Sie sehen: Es gibt mehr, wir sind viele. Sie können sich wechselseitig bestärken. Das ist der Punkt, an dem ich von einer "Vergemeinschaftung durch Misstrauen" spreche. So entstehen Misstrauensgemeinschaften.
Und diese Gemeinschaften schaffen sich eigene Strukturen?
Aladin El-Mafaalani: Genau. Das Misstrauen kanalisiert sich und entwickelt dauerhafte, stabile Strukturen, die parallel zu den etablierten laufen: eigene Medien, eine eigene Währung, eigene Parteien. Ohne die digitale Welt hätten sich diese Misstrauensstrukturen nicht in diesem Ausmaß bilden können. Die Digitalisierung ist nicht die Ursache des Misstrauens. Doch sie ist der entscheidende Katalysator.
Dabei fällt auf, dass sich diese Strukturen gern als "Alternative" bezeichnen - von der Partei bis zur Medizin.
Aladin El-Mafaalani: Das ist ein spannender Punkt. Der Begriff "alternativ" kam früher eher von links. Es ging darum, auf einem anderen Weg zum selben Ziel zu kommen oder in der Gesellschaft eine andere Lebensform zu praktizieren. Heute bedeutet "alternativ", gegen etwas zu sein. Schauen Sie sich das Protokoll des Bitcoins an: Es ist explizit als Geld konzipiert, das ohne Vertrauen auskommt und gegen das etablierte Geldsystem gerichtet ist. Dieses Muster sehen wir in vielen Bereichen. Dass es sich durch alle gesellschaftlichen Systeme zieht, zeigt, dass es mehr als eine kleine Tendenz ist - es ist ein Strukturmerkmal unserer Zeit.
Aladin El-Mafaalani:
Misstrauensgemeinschaften.
Zur Anziehungskraft von Populismus und Verschwörungsideologien.
Kiepenheuer & Witsch,
Köln 2025;
128 S., 16,00 €
Wie gefährlich ist das für eine liberale Demokratie?
Aladin El-Mafaalani: Es kann sie auf jeden Fall gefährden. Wenn das generalisierte Vertrauen schwindet, werden unsere hochkomplexen Gesellschaften instabiler. Für die liberale Demokratie sind drei Systeme existenziell: das Rechtssystem, der Journalismus und die Wissenschaft. Sie sind für die gemeinsame Problemwahrnehmung, für den öffentlichen Diskurs und für die Unterscheidung von wahr und unwahr zuständig. Sie sind zentraler als in jeder anderen Gesellschaftsform. Wenn diese Systeme unter Druck geraten und instabil werden, wird eine liberale Demokratie nach allem, was wir wissen, nicht funktionieren.
Was können demokratische Regierungen und Parteien tun, um wieder glaubwürdiger zu werden - jenseits von Appellen und besserer Kommunikation?
Aladin El-Mafaalani: Ich glaube, die oberste Aufgabe ist nicht, Vertrauen zurückzugewinnen - sondern aufzuhören, weiteres Misstrauen zu produzieren. Im Wahlkampf Dinge zu versprechen und danach das Gegenteil zu tun, ist schon eine Weile eingeübte Praxis. Doch in einer Zeit, in der das Misstrauen ohnehin schon hoch ist und viele eine düstere Zukunft erwarten, ist das fatal. Erwartungen aktiv zu erzeugen und sie dann abrupt zu enttäuschen, ist sozusagen die Definition von Vertrauensverlust.
Ein naheliegendes Beispiel dafür ist die Kehrtwende der CDU bei der Schuldenbremse in den zurückliegenden Koalitionsverhandlungen.
Aladin El-Mafaalani: Genau. Inhaltlich kann man argumentieren, dass wir jahrelang von der Substanz gelebt haben und Investitionen überfällig sind. Dem würde ich auch zustimmen. Doch diese Erkenntnis innerhalb von einer Woche zu präsentieren, nachdem man die Schuldenbremse jahrelang zum Mantra erklärt hat, enttäuscht zu Recht die Erwartungen derer, die dieses Versprechen attraktiv fanden. In gefestigten Vertrauenszeiten kann man solche Enttäuschungen verkraften. Aber irgendwann ist eine Schwelle erreicht, dann kippt es. Von Vertrauen zu Misstrauen zu fallen, ist leicht - wie ein Glas, das vom Tisch fällt. Von Misstrauen zurück zu Vertrauen zu klettern, ist ein mühsamer Weg gegen die Schwerkraft.
„ Der Staat verzettelt sich zu sehr in Details, die er im Grunde nicht regeln müsste.“
Was wäre der nächste Schritt?
Aladin El-Mafaalani: Der Staat muss seine Handlungsfähigkeit verbessern. Dinge dauern zu lange, Projekte gelingen nicht. In allen zentralen Staatsaufgaben - Verteidigung, Bildung, Infrastruktur - liegt sehr vieles im Argen. Zugleich verzettelt sich der Staat zu sehr in Details, die er im Grunde nicht regeln müsste. Es geht um eine klare Priorisierung und funktionierende Prozesse. Und es geht darum, wieder positive Zukunftserwartungen zu schaffen. Wer glaubt, dass sich die Gesellschaft insgesamt positiv entwickelt, ist grundsätzlich vertrauensbereiter.
Sie fordern auch, der Staat müsse seinerseits Bürgerinnen und Bürgern mehr vertrauen...
Aladin El-Mafaalani: Ja, das sehen wir an der ausufernden Bürokratie und den Dokumentationspflichten in allen Bereichen, von der Pflege über die Wirtschaft bis ins Bildungssystem. Wer maßlos kontrolliert, vertraut offensichtlich nicht. Und: Die stete Kontrolle hält die Menschen nicht nur von ihrer eigentlichen Arbeit ab und nervt sie, sie ist auch ineffektiv, weil die Masse an Dokumenten gar nicht geprüft werden kann. Ein sinnvollerer Ansatz wäre: weniger Kontrolle für alle, dafür härtere Sanktionen bei nachgewiesenem Missbrauch. Das würde Vertrauen signalisieren, die Handlungsfähigkeit erhöhen und als gerechter empfunden.
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