Parlamentarisches Profil : Der Wandelbare: Robin Wagener
Als Jugendlicher verweigerte Grünen-Politiker Robin Wagener den Wehrdienst. Heute kämpft er für eine Ertüchtigung der Bundeswehr und die Unterstützung der Ukraine.
Robin Wagener ist viel unterwegs - das Gespräch muss er kurzfristig verschieben, auf dem Rückweg aus Japan ist sein Gepäck in Helsinki stecken geblieben. Der Grünen-Politiker denkt international, sitzt im Bundestag in den Ausschüssen für Auswärtiges und Verteidigung. Leicht hat man es als Außenpolitiker in der Opposition nicht, Diplomatie ist eine klassische Domäne der Regierung.
Als Parlamentarier könne man trotzdem einiges bewegen, sagt Wagener: "Wir repräsentieren im Ausland ein vielseitiges Deutschland, zeigen Facettenreichtum auf." Außerdem erschöpften sich zwischenstaatliche Beziehungen nicht im Dialog von Regierung zu Regierung. Ihm sei es wichtig, als Abgeordneter Kontakt zur Zivilgesellschaft zu halten, besonders in autoritären Staaten wie Russland oder bedrohten Demokratien wie Georgien.

Robin Wagener (Bündnis 90/Die Grünen) ist seit 2021 Bundestagsabgeordneter und Mitglied des Auswärtigen sowie des Verteidungsausschusses.
In der vergangenen Wahlperiode war er dafür auch als Regierungsbeauftragter zuständig. Von der neuen Regierung wurde das Amt ersatzlos gestrichen. Vorsitzender der Deutsch-Ukrainischen Parlamentariergruppe ist er aber weiterhin. Wagener kommt aus Lippe; früher ein eigenständiger Kleinstaat Deutschlands, heute der oft vergessene dritte Teil Nordrhein-Westfalens. Anpacken sei in seiner Heimat wichtiger als Außendarstellung, sagt er. Das habe ihn geprägt. Seine Eltern gehören zur Gründungsgeneration der Grünen, in den Achtzigern demonstrierte er mit ihnen gegen Atomraketen, rief "Hopp, hopp, stop!". Wagener lacht. “Das ging auch als Kleinkind schon gut.”
Wagener hat seine Weigerung zum Wehrdienst mittlerweile widerrufen
Heute ist sein Blick auf das Thema ein anderes: Die Grünen gehören zu den lautesten Unterstützern für Waffenlieferungen an die Ukraine. Wageners persönliche Richtschnur: Das Motto des Roten Kreuzes, wo er sich seit seiner Kindheit engagiert. "Inmitten der Waffen Menschlichkeit", heißt es darin."Die Realität ist, dass es Krieg in Europa gibt. Das sollte man anerkennen und nicht wegwischen", sagt Wagener. Erst dann könne man versuchen, die Zustände zu verändern. Der Weg zum Frieden ist für ihn nicht mehr der Pazifismus seiner Jugend: “Der Wandel der Grünen in dieser Frage spiegelt sich auch in meiner eigenen Biografie.”
„Leider sind wir nicht von Freunden umzingelt, wie einige lange glauben wollten.“
In den Neunzigern hat er den Wehrdienst verweigert, inzwischen hat er seine Weigerung widerrufen. "Ich möchte nicht über Militäreinsätze entscheiden, mich aber selbst raushalten." Dass ausgerechnet eine aus der Friedensbewegung entstandene Partei für die militärische Ertüchtigung der Bundeswehr eintritt, ist für ihn kein Widerspruch. "Wir haben seit den Neunzigern intensiv über diese Fragen diskutiert", sagt er und erinnert an das Ringen der Grünen um die Beteiligung der Bundeswehr am Kosovokrieg. Andere Parteien seien einer solchen Auseinandersetzung lange ausgewichen und stünden jetzt blank da.
"Leider sind wir nicht von Freunden umzingelt, wie einige lange glauben wollten", sagt Wagener. Deutschland müsse jetzt verteidigungspolitisch erwachsen werden. Gehört dazu auch eine Wehrpflicht? "Wenn wir den notwendigen Aufwuchs an Soldatinnen und Soldaten auf freiwilliger Basis nicht erreichen, müssen wir auch über andere Modelle reden."
Neben der Politik engagiert sich Wagener als Prädikant in seiner Heimatgemeinde
Ruhe vom hektischen Berliner Politikbetrieb findet Robin Wagener in der Kirche. In seiner Heimatgemeinde in Bad Salzuflen gestaltet er als Prädikant Gottesdienste. Kurz habe er auch überlegt, sein Jurastudium abzubrechen und sich für Theologie einzuschreiben. Auf die Frage, was die Grünen und der Protestantismus gemeinsam hätten, muss Wagener erst mal nachdenken. "Eine nach innen gerichtete Strenge", ist schließlich seine Antwort.
In beiden Welten nehme man die Dinge sehr ernst, mache sich viele Gedanken. "Das ist gut so. Aber manchmal ist es auch wichtig, die eigenen Schwächen hinzunehmen und damit zu arbeiten", sagt er. Eine gewisse Flexibilität und genießende Lockerheit, die er an den katholisch geprägten Gegenden Deutschlands durchaus bewundere, könne auch seiner Partei manchmal gut tun.

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