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Parlamentarisches Profil : Die Erfahrene: Agnes Conrad

Die 28-jährige Linken-Abgeordnete Agnes Conrad aus Bayern stört sich an prekären Minijobs. Im Wirtschaftsausschuss macht sie sich für das Handwerk stark.

30.01.2026
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3 Min

Wenn aus Teilen der Union der Ruf erschallt, die Deutschen sollten mehr arbeiten, antwortet Agnes Conrad mit einem müden Lächeln. Da seien doch die Zahlen, erwidert sie. "2024 gab es in Deutschland eine Milliarde Überstunden", sagt Conrad, "und die Hälfte davon blieb unbezahlt". Doch da gibt es noch etwas anderes, und das liegt tiefer. "Seit Jahren leben immer mehr Menschen im Prekariat und haben Schwierigkeiten, aus ihren Minijobs herauszukommen." 

Conrad liest Jahreswirtschaftsbericht mit hochgezogenen Augenbrauen

Conrad, 28, Abgeordnete der Linken aus dem bayerischen Schweinfurt, kennt so etwas. Ihre Mutter arbeitet bis heute als Spanischlehrerin, aber als Honorarkraft; mit elf-Monats-Verträgen und ohne grundlegende Arbeitnehmerrechte. 

Auch ihr Vater war in ihrer Kindheit stets befristet beschäftigt, in verschiedensten Jobs. "Ob das Einkommen bis zum Monatsende reicht, war bei uns schon Thema", erinnert sie sich. Und: "Ich wusste bis zur fünften Klasse nicht, dass es auch andere Arbeitsstandards gibt - das änderte sich dann mit dem Übergang zum Gymnasium."

Foto: Karl Reuter

Agnes Conrad wurde 2025 in den Bundestag gewählt. Die 28-Jährige Linkenpolitikerin ist Mitglied im Wirtschaftsausschuss.

Conrad sitzt im Wirtschaftsausschuss, sie ist Sprecherin unter anderem fürs Handwerk. Den Jahreswirtschaftsbericht liest sie mit hochgezogenen Augenbrauen. "Positiv ist er nicht ausgefallen." Viele Potenziale würden noch nicht ausgeschöpft, wie etwa eine verbesserte Zusammenarbeit in Europa, "mehr Produktion in der Region für die Region". 

In der Handwerkspolitik sieht sie Ansätze, aber zu wenig Hauruck. "In meinem Wahlkreis plant die Handwerkskammer den Bau eines Ausbildungszentrums", sagt sie. "Aber da schreien nicht alle sofort 'Hurra', dabei ist sowas ungemein wichtig." Ihr schwebt vor, Menschen mit Migrationsgeschichte den Zugang zu Ausbildungen zu vereinfachen und für Azubis eine Angleichung an die Privilegien von Studierenden heranzuführen - "es braucht mehr Anreize".

Mit 18 Jahren fiel die Entscheidung für die Linkspartei

Bundestagsabgeordnete ist sie seit 2025. Vorher absolvierte Conrad einen Bachelor in Political and Social Studies an der Uni Würzburg und arbeitete als Referentin des Betriebsrats in der Schaeffler AG. "Unsere Eltern versuchten, uns Kindern eine gesamtgesellschaftliche Perspektive zu geben, Grundprinzipien anzusprechen." Also spazierte Conrad kurz vor ihrem 18. Geburtstag zu allen Parteibüros der Stadt und las die Programme. Am Ende überzeugte sie am meisten die Linke, Conrad trat ein.

Vier Jahre später übernahm sie den Vorsitz des Kreisverbands, davor hatte es einen großen Knall gegeben. Es war der Kreisverband von Linken-Grande Klaus Ernst, der im Streit austrat und einige Getreue mit ihm, welche zum neu gegründeten BSW von Sahra Wagenknecht wechselten. "Ich hielt nichts von diesem postulierten Kulturkampf", sagt sie. "Mir gefiel gerade das Plurale in der Partei." Und an Wagenknecht störte sie, "wie viel Zeit sie damit verbrachte, schlecht über andere Genossen zu reden".


„Immer mehr Menschen leben im Prekariat und haben Schwierigkeiten, aus ihren Minijobs herauszukommen.“
Agnes Conrad (Die Linke)

Conrad hört sich nicht an wie eine Spalterin. Eher wie eine, die erstmal das Auskommen mit dem Nächsten sucht. Zuhört, keine langen Monologe hält, sich unterbrechen lässt. Und dann ihren Punkt macht. Offenheit sucht. Ihr Büro hat sie mit dem eines anderen Linken-Abgeordneten zusammengelegt, die Türen zu den Räumen sind meist nicht geschlossen. Es riecht nach Farbe. "Eine Kollegin fand noch drei Aktenordner der FDP, die vorher hier drin war", sagt sie. "Sie hießen: 'Kritik am Sozialismus'." Sie waren leer.

Der Einzug in den Bundestag kam für Conrad überraschend

Conrad übernahm einen Kreisverband, der am Boden lag. "Ich weiß nicht, was ich getan habe, aber der Laden stabilisierte sich." Neue Leute seien eingetreten, mit der Zeit seien einige Ausgetretene wieder zurückgekommen. Und das BSW? "Ich lege wenig Wert auf Häme oder Groll." Man nimmt es ihr ab. Außerdem läuft es ja.

Für den Bundestag kandidierte sie, ohne mit einem Einzug zu rechnen. Noch am Wahlabend habe sie erst zwei Stunden mit dem Kreisverband gefeiert, bis man sie anrief und ihr mitteilte: Du bist drin. "Mein erster Gedanke war: "Mist, ich muss morgen zur Arbeit. Was sage ich meinem Chef?" Dann fügte sich alles. “Dieses Mandat ist verantwortungsvoll. Aber nichts fürs ganze Leben.”

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