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Gastkommentare : Hat Bargeld noch eine Zukunft? Ein Pro und Contra

Ist Bargeld in Deutschland ein Auslaufmodell? Für Bastian Brinkmann sind Münzen und Scheine überflüssig, für Hannes Koch nicht: ein Pro und Contra.

29.01.2026
True 2026-01-29T19:36:44.3600Z
3 Min

Pro

Schon aus Sicherheitsgründen sollte das analoge System der Geldscheine und Münzen am Laufen bleiben

Foto: Privat
Hannes Koch
arbeitet als freier Journalist in Berlin.
Foto: Privat

Krankenhäuser tun gut daran, für den Notfall einen eigenen, funktionsfähigen Stromgenerator zu installieren - neben der öffentlichen Elektrizitätsversorgung. Im übertragenen Sinne gilt das auch für Bargeld: Schon aus Sicherheitsgründen sollte man das analoge System der Geldscheine und Münzen am Laufen halten - wenngleich das Bezahlen mit Karten, Smartphones oder digitaler Währung manche Vorteile bietet.

Deshalb ist es richtig, dass die EU auf Vorschlag der Europäischen Zentralbank (EZB) ihre Bargeld-Verordnung auf den Weg gebracht hat. Die Regelung soll den weiteren Zugang der Bürgerinnen und Bürger zu dem gewohnten Zahlungsmittel gewährleisten. Gleichzeitig jedoch treibt die EZB den digitalen Euro voran, quasi die Internet-Variante traditionellen Geldes. Dieses soll langfristig unter anderem die Unabhängigkeit von US-amerikanischen Zahlungsdienstleistern wie Paypal, Master und Visa ermöglichen.

Es erscheint sinnvoll, beide Strategien parallel zu verfolgen. Scheine und Münzen halten das tägliche Leben selbst dann vorübergehend funktionsfähig, wenn der Strom ausfällt und das Netz nicht funktioniert. Der zweite Grund, der vielen Leuten materielles Geld attraktiv erscheinen lässt, ist die Anonymität. Barzahlungen lassen sich nicht zur Person zurückverfolgen.

Andererseits wollen Strafverfolger Bargeld zurückzudrängen, weil es oft für kriminelle Geschäfte gebraucht wird. Kompromiss: eine Obergrenze für Barzahlung, beispielsweise 5.000 Euro. Wobei die alltägliche Steuerhinterziehung in Restaurants und Geschäften auch damit stattfände. Wenn die Firmen jedoch im Gegensatz zu heute gleichzeitig Bargeld und Kartenzahlung anbieten müssten, könnten sich rechtsbewusste Kunden wenigstens für den richtigen Weg entscheiden.

Contra

Die Deutschen sollten sich von der Illusion verabschieden, dass es für ein gutes Leben Bargeld braucht

Foto: Friedrich Bungert/SZ
Bastian Brinkmann
ist Korrespondent im Parlamentsbüro der "Süddeutschen Zeitung" in Berlin."
Foto: Friedrich Bungert/SZ

Die Deutschen und das Bargeld, das ist wie der Neujahrsvorsatz und der Hometrainer: Der Wunsch ist da, aber dann passiert wenig. Die Bundesbank hat festgestellt, dass die Deutschen immer seltener mit Bargeld zahlen. Doch die gleiche Studie hat auch herausgefunden, dass zwei Drittel der Befragten Bargeld für sich persönlich als wichtig bezeichnen. Na was denn nun? Die Deutschen sollten sich ehrlich machen und sich von der Illusion verabschieden, dass sie für ein gutes Leben Münzen und Scheine herumtragen müssen. Das Gegenteil ist richtig. Bargeld nervt.

Das fängt schon am Automaten an. Viele Bankkunden müssen jetzt schon Gebühren bezahlen, damit sie ein paar Scheine ziehen können. Und dann das Wechselgeld, wenn man etwas für 6,90 Euro kauft. Mit dem Handy oder der Karte zu bezahlen, geht viel schneller und einfacher. Das haben unterbewusst ja sogar die Deutschen erkannt, die gegen ihren eigenen Willen immer häufiger bargeldlos bezahlen.

Außerdem kennt jeder Cafés oder Restaurants, die nur darum Bargeld verlangen, weil sie Steuern hinterziehen. Die Verteidiger des Bargelds verteidigen auch solche unfairen Geschäftsmodelle, unter denen der faire Wettbewerb leidet. Überhaupt ist das digitale Bezahlen auch ein Schlag gegen die gesamte Schattenwirtschaft.

Bei der Digitalisierung haben viele Deutsche übertriebene Ängste. Natürlich können Handys mit der Bank-App drauf gestohlen werden oder der Akku geht mal leer - aber Beutel voller Bargeld werden doch schon seit Jahrhunderten gestohlen. Münzen und Scheine sind nicht sicherer als virtuelles Geld. Digitale Konten können verschlüsselt sein, einen starken Datenschutz haben und die eigene Privatsphäre schützen. Dass selbst physische Schließfächer auch nicht 100 Prozent sicher sind, haben die armen Sparkassen-Kunden in Gelsenkirchen gerade erfahren müssen. Auf einem Online-Konto wäre ihr Geld noch da. 

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