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Meeresforscher Klaus Wallmann im Interview : "CCS für Gaskraftwerke ist der falsche Weg"

Umweltrisiken der Technologie hält der Meeresforscher für weitgehend vermeidbar. Trotzdem solle sie nur für unvermeidliche Restemissionen genutzt werden, mahnt er.

29.01.2026
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3 Min

Herr Wallmann, das Kohlendioxid-Speicherungsgesetz, das Abscheidung und Speicherung von CO2 (CCS) erlaubt, ist seit November in Kraft. Nun hat der Bundestag zwei weitere Gesetze beschlossen, um Kohlendioxid zur Verpressung tief unter dem Meeresgrund auch exportieren zu können. Die Technologie ist umstritten. Wie genau funktioniert sie?

Klaus Wallmann: Das Verfahren ist simpel: Aus den Abgasen von Industrieanlagen wie etwa Müllverbrennungsanlagen oder Zementwerken wird CO2 zunächst abgeschieden, verflüssigt und per Pipeline zu den Speicherorten in der Nordsee transportiert. Dort wird es mithilfe von großen Pumpen bis zu drei Kilometer tief unter den Meeresboden verpresst.

Geplant ist das in der Nordsee seewärts der 12-Meilen-Zone. Welche Gebiete sind dort geeignet?

Klaus Wallmann: Gut geeignet sind geologische Formationen aus Sandstein und darüberliegenden Schichten aus Ton und Salz. Sandstein ist durchlässig und kann das flüssige CO2 zwischen den einzelnen Sandkörnern gut aufnehmen. Ton und Salz wirken wie ein Deckel, der verhindert, dass das CO2 wieder aufsteigt und ins Meer oder in die Atmosphäre gelangt. Beide Formationen finden wir in der Nordsee. Doch einen geeigneten CCS-Standort zu finden, ist trotzdem nicht einfach.

Foto: GEOMAR
Klaus Wallmann
ist Professor für Marine Geochemie an der Christian-Albrechts-Universität Kiel und leitet am GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung die Forschungseinheit Marine Geosysteme. Er erforscht seit Jahren die Möglichkeiten und Risiken der Speicherung von Kohlendioxid unter dem Meeresboden.
Foto: GEOMAR

Weshalb?

Klaus Wallmann: CO2 darf nicht in Meeresschutzgebieten verpresst werden, das verbietet das Kohlendioxid-Speicherungsgesetz. Damit sind große Gebiete der ausschließlichen Wirtschaftszone auf per se ausgeschlossen. Hinzu kommen Nutzungskonflikte mit Windkraftanlagen, Schifffahrt und Marine, für deren Übungen ebenfalls Gebiete reserviert sind. Bislang konnten etwa zwei Dutzend Gebiete identifiziert werden, in denen theoretisch eine CO2-Verpressung möglich wäre. Doch bevor ein Unternehmen dafür einen Antrag stellen kann, muss es den Standort ausgiebig erkunden und auf mögliche Umweltrisiken hin untersucht lassen. Das dauert. Ich rechne damit, dass erst in circa zehn Jahren mit der Speicherung begonnen werden kann.

Warum soll CO2 auch ins Ausland exportiert werden?

Klaus Wallmann: Weil die Speicherkapazitäten in der deutschen Nordsee begrenzt sind. Unseren Berechnungen zufolge können dort in den kommenden Jahrzehnten nur etwa 15 bis 30 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr verpresst werden. Der Bedarf ist aber in Deutschland deutlich höher. Allein für die Emissionen der Zement- und Kalkindustrie sowie der Abfallverbrennung werden bis zu 50 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr gebraucht. Unsere Nachbarländer Norwegen und Dänemark verfügen über Speicherkapazitäten, die sie selbst nicht vollständig nutzen werden. Es ist also sinnvoll, CO2 in diese Länder zu exportieren.


„Das Risiko von Leckagen besteht durch alte Bohrlöcher aus der Öl- und Gasförderung.“
Klaus Wallmann

Umweltschützer fürchten Schäden der Meeresnatur. Die Linke fordert daher, CCS in Deutschland komplett auszuschließen. Wie groß ist die Gefahr von Leckagen?

Klaus Wallmann: Unsere Untersuchungen von Speichern in Norwegen haben gezeigt, dass dort kein Kohlendioxid entweicht. Das Risiko von Leckagen besteht vor allem durch alte Bohrlöcher aus der Erdgas- oder Ölförderung. Zum Glück gibt es in der deutschen Nordsee davon nicht sehr viele. Sie sind dennoch ein Schwachpunkt und müssen daher überprüft und abgedichtet werden, falls Gas entweicht. Außerdem ist der Druck in der CO2-Lagerstätte ständig zu überwachen und möglichst niedrig zu halten, um einen unkontrollierten Austritt von CO2 zu verhindern. Es ist auch gesetzlich festgeschrieben, dass Speicher während der gesamten Nutzungsdauer und auch noch 40 Jahre nach der Schließung überwacht werden müssen, um Leckagen zu vermeiden.

Was passiert, wenn dennoch CO2 am Meeresboden austritt?

Klaus Wallmann: Kohlendioxid reagiert im Meer zu Kohlensäure. Das Wasser wird saurer - und damit zu einer Gefahr für Lebewesen wie Muscheln, die ihre Schalen aus Kalk aufbauen. Allerdings sind die Mengen, die durch Altbohrlöcher austreten, relativ gering. Ausgehend von den Leckage-Raten bei der Erdgasförderung ist mit etwa ein bis zehn Tonnen pro Jahr zu rechnen - das ist sehr wenig angesichts der Millionen Tonnen, die verpresst werden sollen. Schäden zeigten unsere Experimente auch nur auf einer kleinen Fläche von circa 50 Quadratmetern. Hohe CO2-Emissionen verstärken aber ohnehin die Versauerung der Meere - und damit auch der Nordsee.

CCS wollte die Ampel nur für schwer vermeidbare Restemissionen etwa aus der Zementindustrie erlauben. Nun ist aber auch die Nutzung für Gaskraftwerke möglich.

Klaus Wallmann: Ja, und das ist der falsche Weg - vor allem angesichts der zuletzt massiv angestiegenen Importe von Fracking-Gas aus den USA, wo bei der Förderung und Aufbereitung des Erdgases große Mengen von besonders klimaschädlichem Methan freigesetzt werden. Dass für die weitere Nutzung dieser fossilen Energien teure CCS-Infrastruktur und begrenzte Speicherkapazitäten verwendet werden sollen, ist schlicht Verschwendung.

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