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Aydan ÖzoĞuz
Lisa Brüßler
Die erste Muslima

Hanseatin mit türkischen Wurzeln

Zuerst war es ihr Name, der in der Diskussion darum, wer der zweite Mann oder die zweite Frau im Staat werden könnte, die Runde in den Medien machte. Doch die SPD-Fraktion entschied sich schließlich für Bärbel Bas als Präsidentin - und nominierte Aydan Saliha Özoguz als ihre Stellverterin. Wie Bas ist sie eine erfahrene Politikerin und Parlamentarierin. Özoguz hatte sechs Jahre den stellvertretenden Partei- und Fraktionsvorsitz inne und war von 2013 bis 2018 Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration. Ihren Hamburger Wahlkreis Wandsbek gewann die Frau, die oft als Musterbeispiel für gelungene Integration genannt wird, gerade zum dritten Mal hintereinander direkt. Zuvor hatte ihre Hamburger SPD sie mit 94,5 Prozent zur Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl gewählt.

In die Hamburger Sozialdemokratie holte die 54-Jährige seinerzeit Olaf Scholz. Und auch als Özoguz 2009 frisch in den Bundestag gewählt wurde, war er zur Stelle: "Ich erinnere mich noch gut daran, es war ein gewisser Olaf Scholz, der mir damals ein Büro abgab, weil ich als Neue einfach kein Büro abbekam", erzählte Özoguz der "Hamburger Morgenpost". Nicht nur die geographische Heimat eint sie, sondern auch die politische: Beide sind Teil des Seeheimer-Kreises, dem konservativen Flügel der Fraktion.

Özoguz nennt sich eine "Hamburger Deern." Dort ist sie im Mai 1967 geboren und groß geworden und nicht selten schleicht sich ein Wort auf Plattdeutsch in ihre Erzählungen ein. Sie wuchs zweisprachig auf. Ihre Eltern siedelten Anfang der 1960er Jahre aus dem türkischen Istanbul in die Hansestadt um und gründeten ein Importunternehmen für Haselnüsse. Aufgewachsen ist sie in einem Hochhaus in Lokstedt mit zwei älteren Brüdern. Nach ihrem Abitur 1986 folgte ein Studium der Anglistik, Spanisch und Personalwirtschaft an der Hamburger Universität. Bis zur ihrer Wahl in den Bundestag arbeitete sie bei der Körber-Stiftung, in der sie Integrationsprojekte koordinierte - parallel zu ihrer Arbeit in der Bürgerschaft, der sie von 2001 bis 2008 angehörte. Dort lernte sie ihren späteren Partner und Vater ihrer Tochter, Ex-Innensenator Michael Neumann (SPD), kennen. 2017 gaben beide ihre Trennung bekannt.

Özoguz saß im Bundestag bislang im Auswärtigen Ausschuss, im Ausschuss für Menschenrechte und humanitäre Hilfe und im Unterausschuss Abrüstung, Rüstungskontrolle und Nichtverbreitung. Die Themen Zuwanderung und Integration begleiten sie schon lang: Bereits im Studium engagierte sie sich aktiv in der Türkischen Studentenvereinigung. Sie ist Muslima und eine der Gründerinnen des Arbeitskreises muslimischer Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten. Sie ist nun die erste Muslima im Bundestagspräsidium. Schon früh trat Özoguz ein für weniger Schubladendenken und griff dabei in ihrer Zeit als Staatsministerin öfter auch zu deutlichen Worten. Mit ihrer Position, eine spezifisch deutsche Kultur jenseits der Sprache gebe es nicht, vielmehr hätten "Einwanderung und Vielfalt unsere Geschichte geprägt" und Globalisierung und Pluralisierung von Lebenswelten zu einer weiteren Vervielfältigung geführt, wurde sie zur Reizfigur für Konservative und Rechte. Auch für Aussagen etwa zu Kinderehen oder salafistischen Gruppen erntete sie Kritik für zu wenig Präzision und Vorsicht. Doch auch bei offenen Anfeindungen wählte Özoguz stets einen höflichen Ton: "Es muss nicht immer jedem alles gefallen."

In den derzeitigen Koalitionsverhandlungen für eine Ampel-Regierung findet sich ihr Name in der Arbeitsgruppe 19 "Flucht, Migration, Integration" wieder. Das sei aber nie ein Automatismus: "Ich mache das gern, ich bin dafür auch in die Politik gegangen, um anderen zu helfen, die Hürden und Hindernisse haben. Aber nicht jeder mit Einwanderungsgeschichte will Integrationspolitik machen", sagte sie dem NDR. Es sei "ein schönes Gefühl" gewesen, dass Scholz ihr damals zugetraut habe, aktiv zu werden. Später habe sie oft überlegt, wie wichtig dieser Schritt war, denn "für viele, deren Eltern eingewandert sind, ist es ja nicht selbstverständlich, beispielsweise in einer Partei verankert zu sein."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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