Eskalation im Nahen Osten : Wieder im Krieg
Seit Beginn des Angriffs auf Iran steht auch Israel unter Raketenbeschuss. Doch härter als die Bevölkerung dort trifft es die Menschen im Libanon.
Überrascht war niemand in Tel Aviv, als am vergangenen Samstag kurz nach acht Uhr morgens das durch Mark und Bein dringende Signal der Raketen-Alarm-App die Menschen aus dem Schlaf riss. Im durchdigitalisierten Israel sind es längst nicht mehr die Sirenen, sondern ist es die App des Zivilschutzes, die die Bürger bei einem Raketenangriff als erstes alarmiert. Es war Schabbat.
Am Abend zuvor hatten die Fernsehnachrichten gemeldet, ein Angriff auf den Iran stünde unmittelbar bevor. Verschlafen drückten die Menschen den martialischen Ton der App weg. Es herrscht Krieg. Wieder einmal. Gerade ein paar Monate sind seit dem Ende des Gaza-Kriegs vergangen. Kaum Zeit, um sich an ein Leben ohne Sirenen, Bunker, Nachrichten von gefallenen Soldaten und in den Tunneln der Hamas ermordeten Geiseln zu gewöhnen.
USA rechtfertigen Bombardierungen mit Irans Atomprogramm
Doch warum jetzt dieser Krieg? Hatte nicht US-Präsident Donald Trump nach dem Zwölf-Tage-Krieg Israels gegen den Iran im Juni 2025 verkündet, das iranische Atomprogramm sei ausgelöscht? Eine Frage, um deren Antwort sich Donald Trumps Vizepräsident JD Vance bei einer Pressekonferenz drückte. "Zum Iran äußere ich mich heute nicht."
Laut den USA sind der Casus Belli Irans atomare Bestrebungen, sein angereichertes Uranium und der Freiheitskampf der von den Mullahs unterdrückten Bevölkerung. "Help is on the way", hatte US-Präsident Trump den Demonstranten vor zwei Monaten versprochen. Jetzt stehe er zu seinem Wort.
"Übernehmt die Regierung", fordert er das iranische Volk nun auf. Doch ob die USA Bodentruppen schicken, um einen Machtwechsel zu ermöglichen, ist höchst unwahrscheinlich.
Netanjahu beteuerte, der Angriff würde "die Bedingungen für das tapfere iranische Volk schaffen, sein Schicksal in die eigene Hand zu nehmen". Für Netanjahu wäre das Ergebnis, als Sieger über die Mullahs in die Geschichte einzugehen, das Vermächtnis, das er seit Jahrzehnten anstrebt: Heute mehr denn je. In den Augen vieler Israelis ist er der große Verlierer, der die Schuld trägt an dem Sicherheitsversagen, das zum Massaker der Hamas geführt hat.
Viele Israelis unterstützen den Angriff, trotz Zweifeln an Netanjahus Motiven
Netanjahu wolle in erster Linie sein Image loswerden als der "bösartige, lügende Scharlatan-Gauner, der keine Verantwortung für den 7. Oktober akzeptiert", kommentierte der ehemalige Geheimdienst-Brigadegeneral Yossi Ben Ari in der Tageszeitung Haaretz. Doch nicht überall stoßen Netanjahus Worte auf Kritik. In Israel leben an die 250.000 aus dem Iran stammende Juden. Überzeugte Zionisten, die im Gegensatz zu Einwanderern aus Marokko, dem Jemen oder dem Irak nie die Liebe zu ihrer Heimat verloren haben. Nichts wollen sie sehnlicher als den Sturz des Regimes. "Ich habe vergeblich versucht, meine Gefühle abzuschalten", sagt Bijan Barchorderi, der im Markt von Tel Aviv ein persisches Restaurant betreibt. "Physisch bin ich schon lange nicht mehr im Iran, aber emotional kann ich mich einfach nicht trennen. Der Iran ist mein Vaterland." An den Wänden: Bilder des Schahs Reza Pavlavi, die israelische Flagge neben der iranischen.
„Ich bin für diesen Krieg. In der Hoffnung, dass am Ende das Regime fallen wird.“
Während in Teheran Anhänger des Regimes Flaggen auf Demonstrationen in Brand setzen, werden unter Regierungsgegnern andere Stimmen laut. Ein junger Kameramann aus Tel Aviv berichtet, er habe im Ausland Iraner getroffen, für die Netanjahu ein Held sei: "Nur er kann uns von den Mullahs befreien", sagten sie.
Das glaubt auch Bijan Barchorderi. "Natürlich bin ich für diesen Krieg", sagt er, "so wie es die Menschen im Iran selbst sind - in der Hoffnung, dass am Ende das Regime fallen wird." Sein Restaurant ist geschlossen. Wegen der Raketengefahr darf er nur Essen zum Mitnehmen anbieten. Vielen in Tel Aviv ist nicht nach Kochen zumute, wenn sie mehrmals am Tag in den Bunker flüchten müssen. Doch trotz der ständigen Gefahr stehen die meisten hinter Netanjahu.
Die Hisbollah greift an und zieht den Libanon mit in den Krieg
Der muss sich wenige Tage nach Kriegsbeginn den Herausforderungen eines Mehrfrontenkriegs mit dem Iran und dessen gesteuerten Milizen stellen. Zwar ist laut Angaben des israelischen Militärs das Raketenarsenal im Iran eine Woche nach Kriegsbeginn zu 85 Prozent vernichtet, und die Bedrohung der von Teheran finanzierten Hamas in Gaza heute gleich null.
Aber die dem Iran nahestehende jemenitische Huthi-Miliz könnte jederzeit den Raketenbeschuss israelischer Städte aufnehmen. Und die Hisbollah im Libanon hat bereits im Norden Israels eine zweite Front eröffnet. Obwohl stark geschwächt vom letzten Krieg, verfügt sie immer noch über geschätzt 25.000 Raketen. Deren politische Führung in Beirut war entschieden gegen einen Eingriff in den Krieg. Doch die militärische Fraktion untersteht direkt der mächtigen Islamischen Revolutionsgarde des Iran. Und die befahl den Angriff auf Israel als "Antwort auf die Ermordung Ajatollah Chameneis".
Zehntausende Libanesen müssen vor israelischen Raketen fliehen
Kaum hagelten die ersten Raketen auf Galiläa, schlug Israels Armee zurück, bombardierte Hisbollah-Stellungen und -Befehlshaber bis in die Hauptstadt Beirut. Wieder einmal ist der Süden Libanons zum Schlachtfeld geworden. Zehntausende Menschen sind auf der Flucht in den sichereren Norden.
Seit Tagen fliehen die Menschen, wie diese Kinder mit ihrer Familie am Montag, vor israelischen Angriffen aus dem Süden des Libanons in die etwas sicherere Hauptstadt Beirut.
Die libanesische Regierung geht derweil zunehmend auf Distanz zum Iran. Am Donnerstag erklärte sie "jegliche Sicherheits- und Militäraktivitäten" der Revolutionsgarden im Land für illegal. Zuvor hatte sie diese auch der Hisbollah untersagt.
Seit Monaten steht die Regierung unter Druck, die Miliz zu entwaffnen. Doch würde sie dies mithilfe der Armee durchsetzen wollen, könnten bürgerkriegsähnliche Zustände drohen. Was zwei UN-Resolutionen nur im Ansatz durchsetzen konnten - die de facto Abschaffung der Hisbollah als nichtstaatliche Armee - wird auch Libanons Ministerpräsident Nawaf Salam nicht schaffen. Seine Äußerung, "die Entscheidung über Krieg und Frieden" läge ausschließlich in den Händen der "legitimen Institutionen" bleibt Wunschdenken, solange Teheran die Fäden zieht.
Für die Bürger Beiruts ist der Krieg ein erschreckendes Déjà-Vu. Zu oft schon seien sie in diesem Film gewesen, schreibt ein Bekannter. Sie seien schutzlos, anders als die Israelis jenseits der Grenze. Dort funktioniert der Zivilschutz mit seinen Einsatzkräften, unterirdischen Krankenhäusern und digitalen Warnsystemen reibungslos. Im Libanon hätten die Menschen "keine Schutzräume. Keine Bunker. Nicht einmal Sirenen. Nichts."
Der Autor ist Journalist und Filmemacher. Er lebt in Israel.
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