Das süße Leben : Wie Zucker die Gesundheit beeinflusst
Übermäßiger Konsum von Zucker und ungesunden Fetten kann zu schweren Krankheiten führen - wie etwa Diabetes. Experten raten zu mehr Regulierung.
Suchtstoffe sind ein Problem, vor allem die alltäglichen. Manche Gesundheitsfachleute halten Zucker für einen der schlimmsten Suchtstoffe, weil er überall verfügbar und billig zu haben ist, ein starkes Verlangen auslöst und unter Umständen schwer schädigen kann. In manchen Kuchenrezepten werden erstaunliche Mengen an Zucker empfohlen, im Kaffee werden oft Unmengen an Zucker versenkt, und wer durch Supermärkte läuft, kommt an Regalen vorbei, die prall gefüllt sind mit zuckerhaltigen Produkten. In vielen Fällen zielen die Artikel auf Kinder als Käufer.
„Wir dürfen nicht weiter zusehen, wie durch überzuckerte Produkte die Gesundheit unserer Kinder gefährdet wird.“
Auch viele Erwachsene können bei Schokolade, Gummibärchen, Pudding oder Cola nicht widerstehen. Offiziell gilt Zucker nicht als Suchtmittel, aber Experten sind sich einig, dass Menschen jeden Alters oft erheblich überdosiert Zucker zu sich nehmen. Nach Angaben der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) lag der Zuckerkonsum in Deutschland 2023/2024 im Mittel bei 30,4 Kilogramm pro Kopf, das entspricht einer Tagesdosis von 83 Gramm. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt eine Menge von maximal 25 Gramm pro Tag an Haushaltszucker.
Übermäßig viel Zucker und Fett können den Körper schädigen
In einer Expertise der Uniklinik RWTH Aachen heißt es, die "bittersüße Wahrheit über Zucker" sei, dass dieser "süchtig und gleichzeitig glücklich" machen könne. Zucker sei nicht "böse", es komme aber auf die Dosis an und die Art des Zuckers. Der Körper brauche Kohlenhydrate (Zuckermoleküle). Natürlicher Zucker in Form von Obst, Früchten, Gemüse oder Kohlenhydrate in Kartoffeln, Vollkornreis oder Hülsenfrüchten seien gesundheitsfördernd. Problematisch sei zugesetzter Haushaltszucker in Backwaren, Softdrinks oder Süßigkeiten. Vor allem Fertiggerichte enthalten große Mengen an Zucker. Zu den größten "Zuckerfallen" gehören demnach Soßen, Dressings, Smoothies, Fruchtjoghurts und Softdrinks.
Die möglichen langfristigen Folgen übermäßigen Zuckerkonsums sind vielfältig und teils dramatisch, wobei Karies und Parodontitis noch vergleichsweise harmlos sind. Im Fokus stehen vielmehr, in Kombination mit ungesunden Fetten, Krankheiten wie Adipositas (starkes Übergewicht), Fettleber, Bluthochdruck, Diabetes-Typ-2 und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
In Rezepten für Kuchen oder Plätzchen werden oft fragwürdig große Mengen an Zucker und Butter empfohlen. Dabei wäre weniger oft mehr.
Insbesondere von Diabetes sind inzwischen sehr viele Menschen betroffen. Ein dauerhaft hoher Zuckerkonsum führt zwar nicht unmittelbar zu Diabetes, gilt aber als signifikanter Risikofaktor, weil so die Entstehung von Übergewicht begünstigt wird.
Nach Angaben der Deutschen Diabetes-Hilfe leiden in Deutschland geschätzt bis zu elf Millionen Menschen an Diabetes mellitus. Ferner leben schätzungsweise rund zwei Millionen Menschen in Deutschland mit Diabetes, der noch nicht diagnostiziert wurde. Rund 90 Prozent der Patienten mit Diagnose leiden am Typ-2, jener Form, die lange als Altersdiabetes bezeichnet wurde, weil die Prävalenz im Alter zunimmt. Es sind aber auch Jüngere betroffen, darunter nach Angaben der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) zunehmend Kinder und Jugendliche zwischen 11 und 17 Jahren. Pro Jahr treten nach Angaben der Fachgesellschaften rund 450.000 Neuerkrankungen mit Diabetes Typ-2 auf.
Die Folgen von Diabetes sind teils gravierend
Bei Typ-2-Diabetes besteht letztlich ein Mangel an Insulin. Das Hormon Insulin wird in den Betazellen der Bauchspeicheldrüse hergestellt und sorgt dafür, dass Körperzellen den Blutzucker aufnehmen und verwerten können. Bei Typ-2 sprechen die Zellen nicht gut auf das Insulin an, die Wirkung des Hormons ist reduziert (Insulinresistenz).
In der Folge produziert der Körper immer mehr Insulin, bis die Bauchspeicheldrüse überfordert ist und die Produktion abnimmt. Als Auslöser für diesen Diabetes gilt neben einer genetischen Veranlagung und dem Alter ein ungesunder Lebensstil, Übergewicht, falsche Ernährung und Bewegungsmangel.
Schwere Begleiterkrankungen wie Herzinfarkt und Schlaganfall
Diabetes kann zu schweren Begleiterkrankungen führen, darunter Herzinfarkt, Schlaganfall, Nierenschwäche oder Netzhauterkrankungen. In den entwickelten Ländern ist Diabetes die Hauptursache für Nierenversagen, Erblindung und Fußamputationen. Nach Angaben der Deutschen Diabetes-Hilfe sind in Deutschland jährlich bis zu 850.000 Menschen wegen eines Diabetischen Fußsyndroms in Behandlung. Menschen mit Diabetes haben ein etwa 1,5-fach höheres Sterberisiko, allerdings können Betroffene mit einer radikalen Änderung des Lebensstils den Blutzuckerspiegel wieder normalisieren.
Die Diabetes-Typen im Überblick
Diabetes-Typ-1: Bei dieser Autoimmunerkrankung werden die insulinproduzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüse zerstört. Die Stoffwechselerkrankung ist nicht heilbar. Eine Insulingabe ist nötig.
Diabetes-Typ-2: Der Zuckerstoffwechsel ist gestört. Insulin wirkt nicht ausreichend, es kommt zu einer Insulinresistenz, später zu einem Insulinmangel.
Prädiabetes: Ein Vorstadium von Typ-2. Durch eine Lebensstiländerung kann wieder ein gesunder Zuckerstoffwechsel erreicht werden.
Um die "Volkskrankheit" Diabetes zu bekämpfen, ist Prävention das beste Mittel, die im Idealfall schon im Kindesalter beginnt. Typ-2-Diabetes entsteht oft über einen langen Zeitraum ohne spürbare Symptome. Schon Jahre vor der Diabetes-Diagnose kann eine Prädiabetes als Vorstadium mit erhöhten Blutzuckerwerten auftreten.
Auch in dieser Phase bestehen bereits Risiken für Erkrankungen. Diabetes wirkt sich zudem auf die Psyche des Menschen aus und kann depressive Störungen, Angst- und Essstörungen auslösen.
Folgekosten in Milliardenhöhe für das Gesundheitssystem
Diabetes ist nicht nur ein schwerer und in vielen Fällen vermeidbarer Schicksalsschlag, sondern belastet das Gesundheitswesen und die Volkswirtschaft auch mit enormen Kosten. Die direkten Krankheitskosten für Diabetes beliefen sich nach Angaben des Statistischen Bundesamtes im Jahr 2020 auf 7,4 Milliarden Euro.
Die Gesamtkosten einschließlich Begleit- und Folgeerkrankungen erreichen nach Schätzungen bis zu 21 Milliarden Euro jährlich. Arbeitsausfall und Frühverrentung führen zu zusätzlichen volkswirtschaftlichen Kosten. Im Juli 2020 beschloss der Bundestag eine Nationale Diabetes-Strategie (19/20619) mit dem Ziel, Prävention und Versorgung weiterzuentwickeln, eine wirkliche Wende hat das aber nicht gebracht.
Die wichtigsten Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Typ-2-Diabetes und Fettleber werden in der Kombination als Metabolisches Syndrom bezeichnet. Es umfasst vier Krankheitsbilder, die zeitgleich bestehen: Adipositas, erhöhter Blutzucker, erhöhte Blutfettwerte und ein hoher Blutdruck (Hypertonie). Den größten Einfluss auf das "tödliche Quartett" hat nach Einschätzung von Ernährungsmedizinern ein ungesunder Lebensstil begünstigt durch Bewegungsmangel, Alkohol, Zigaretten, zu viel Salz, Fett und Zucker, Schlafmangel und Stress.
Wissenschaftler sprechen bei Adipositas von einer Epidemie
Wie Diabetes ist auch Adipositas verbreitet und macht Ärzten zunehmend Sorgen. Die Akademie der Wissenschaften Leopoldina meldete sich Anfang 2026 mit einer Expertise zu Wort und sprach von einer Epidemie. Demnach leidet in Deutschland fast jedes sechste Kind im Alter zwischen drei und 17 Jahren an Übergewicht. Bei Erwachsenen sind zwei Drittel der Männer und die Hälfte der Frauen von Übergewicht betroffen. Rund 25 Prozent der Erwachsenen sind adipös.
Die Leopoldina beziffert die jährlichen volkswirtschaftlichen Folgekosten auf rund 113 Milliarden Euro. Die Wissenschaftler schreiben: "Obwohl bereits zahlreiche Präventionsbemühungen existieren, geht die Erkrankungshäufigkeit nicht zurück. Die Wirksamkeit der bisherigen politischen Anstrengungen und Strategien ist daher fraglich." 2018 hatte die Bundesregierung eine "Nationale Reduktions- und Innovationsstrategie" initiiert. Der Bund setzte auf eine Selbstverpflichtung der Lebensmittelindustrie, um Zucker, Fette und Salz in Fertigprodukten bis 2025 zu reduzieren.
Kinder müssen früh lernen, richtig zu essen
Der Kinderarzt Burkhard Rodeck sieht in der kindlichen Ernährung einen maßgeblichen Faktor für die Entstehung von Adipositas und nimmt nicht nur die Eltern, sondern auch Betreuungseinrichtungen in die Pflicht. "Kinder sollen in der Kita das richtige Essen lernen", sagte er im Deutschlandfunk. Rodeck, zugleich Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ), fordert schon seit Jahren eine gesetzliche Regulierung, um zu einer gesunden Ernährung von Kindern und Jugendlichen zu kommen. Die Reduktions- und Innovationsstrategie sei gescheitert.
Hoffnung geben neue Medikamente gegen starkes Übergewicht, die seit einigen Jahren auf dem Markt sind und zur Behandlung von Diabetes-Typ-2 entwickelt wurden. Sie werden inzwischen nicht nur von Patienten mit Adipositas oder Diabetes genutzt, sondern von Menschen, die abnehmen wollen. Die sogenannten Abnehmspritzen ahmen ein körpereigenes Darmhormon (GLP-1) nach und drosseln das Hungergefühl. Damit ist eine schnelle Gewichtsabnahme möglich. Allerdings kann es dabei zu starken Nebenwirkungen kommen, weshalb die Mittel verschreibungspflichtig sind.
Verbände fordern Einführung einer Zuckersteuer
Wird das Medikament abgesetzt, steigt das Gewicht in der Regel schnell wieder an. Die Kosten von mehreren Hundert Euro pro Monat werden derzeit meist nicht von den Krankenkassen übernommen (Ausnahme: Diabetes-Typ-2), weil sie abseits der Indikation Diabetes als Lifestyle-Mittel gelten, die zur kosmetischen Behandlung eingesetzt werden. Trotz der Einschränkungen und Nachteile boomt der milliardenschwere Markt für Abnehmspritzen und neuerdings Abnehmpillen und ist von Pharmafirmen mit immer neuen Mitteln hart umkämpft.
Eine nachhaltige Lösung für die Probleme bieten diese Pharmaprodukte allein sicher nicht. Daher steht auch die Forderung nach einer Zuckersteuer weiter im Fokus der gesundheitspolitischen Diskussion. In einer gemeinsamen Resolution forderten unlängst 46 Verbände aus den Bereichen Gesundheit, Wissenschaft, Kinder- und Verbraucherschutz eine "Limo-Abgabe". "Die alarmierende Entwicklung im Bereich ernährungsbedingter Erkrankungen und die damit verbundenen rasant steigenden gesellschaftlichen Folgekosten erfordern entschlossenes Handeln", erklärten die Fachverbände.
Ein politischer Durchbruch ist damit aber nicht verbunden, die Zuckersteuer wird kritisch gesehen. Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) kündigte gleichwohl eine Bundesratsinitiative zur Einführung einer Zuckersteuer an. Nach seiner Ansicht böte dies die Chance, Kosten im Gesundheitswesen zu senken. Viele Gesundheitsexperten sind sich einig: Ändert sich nichts, steht das dicke Ende noch bevor.