Frauenfußball : Fair, familiär und immer profitabler
Die Fangemeinde des Frauenfußballs wächst kontinuierlich. Warum das so ist, zeigt ein Besuch beim Bundesligaspiel 1. FC Union Berlin gegen Bayer 04 Leverkusen.
Mühle ist zufrieden. Der Fanbetreuer von Erstligist 1. FC Union Berlin lehnt mit einem dampfenden Kaffee in der Hand an einem Büro-Container und blickt auf die Menschen, die in Winterjacken und Fanschals gehüllt ins Stadion An der Alten Försterei strömen. Mehr als 6.000 Zuschauer wollen an diesem Januarabend das Bundesligaspiel der Union-Frauen gegen die Gäste von Bayer Leverkusen sehen.
Dass es nicht wie sonst 7.000 oder 8.000 sind, führt Mühle auf die Eiseskälte zurück, die in Berlin herrscht: Das Handy zeigt minus fünf Grad an, gefühlt sind es minus zehn. Mühle, der seit zehn Jahren bei fast jedem Spiel dabei ist, nimmt es gelassen: "Ohne mich zu weit aus dem Fenster zu lehnen, würde ich sagen, dass wir an diesem Spieltag wieder die meisten Zuschauer haben."
Bei Union Berlin gilt im Fußball: Gleiche Voraussetzungen für Männer und Frauen
6.000 Zuschauer, das ist für ein Frauenfußballspiel tatsächlich eine beachtliche Quote. Nicht mal die seit langem in der Bundesliga erfolgreiche Damen-Mannschaft von Bayern München kann so viele Zuschauer vorweisen - die Spielstätte der Frauen, das Stadion am FC Bayern Campus, hat nur 2.500 Plätze.
6.000 Zuschauer verfolgen bei eisigen Temperaturen Ende Januar das Spiel der Frauenmannschaft vom 1. FC Union gegen Bayer 04 Leverkusen im Stadion an der Alten Försterei in Berlin-Köpenick - das ist für ein Frauenfußballspiel eine beachtliche Quote.
Die Union-Frauen sind gerade erst in die oberste Liga aufgestiegen; 15 Jahre lang hatte Berlin keinen Frauen-Bundesligisten mehr. Dass es nun geklappt hat, dürfte kein Zufall sein. Seit 2023 setzen die "Eisernen" aus Berlin-Köpenick alles daran, ihre Frauenfußballmannschaft nach vorne zu bringen.
Für die Spielerinnen, allesamt Profis, heißt das: Sie bekommen ein Gehalt, das zwar bei weitem nicht an das Niveau der Männer heranreicht, von dem sie aber leben können. Sie nutzen das gleiche Trainingszentrum wie die Männer und haben mit der Alten Försterei seit dieser Saison auch eine gemeinsame Spielstätte; bisher spielten die Frauen in einem viel kleineren Stadion in Adlershof. "Die Devise ist: Gleiche Voraussetzungen für Männer und Frauen", fasst Mühle die neue, weiblichere Fußballwelt des FC Union zusammen, als wäre das völlig normal. Dabei können die meisten Fußballspielerinnen in Deutschland von derartigen Bedingungen nur träumen.
Leverkusen-Fan Wolli geht nur noch zu den Spielen der Frauen
Die Union-Frauen laufen heute Abend das vierte Mal im großen Heimstadion auf. Dass von den insgesamt rund 22.000 Plätzen nur weniger als ein Drittel besetzt sind, tut der Stimmung keinen Abbruch. Während sich die Spielerinnen auf dem vom Flutlicht beleuchteten Rasen aufwärmen, füllen sich die Ränge mit Menschen jeden Alters und Geschlechts. Gegen die Kälte mit Tee oder Glühwein im Halbliter-Becher munitioniert, stimmen sie die ersten Gesänge an.
Leverkusen-Fan Wolli, am Morgen eigens aus Bergheim/Erft nahe Köln nach Berlin gekommen - in voller Montur mit Leverkusen-Mütze und zwei Fanschals - darf mit Erlaubnis der Ordner ein Plakat am Ballfangzaun hinter dem Tor anbringen. "Erftlinge Glesch Grüßen die Damen-Werkself" steht darauf, es ist das einzige im ganzen Stadion. Die Erftlinge, das sind Wolli, seine Frau und sein zehnjähriger Sohn. "Seit drei Jahren gehen wir nur noch zu den Spielen der Damen, auch auswärts", erzählt Wolli. "Denn die Atmosphäre ist sehr familiär und es geht auch im Spiel fairer zu." Beim Männerfußball, meint Wolli, der diesmal allein gekommen ist, gehe es nur noch um Kommerz. “Und im Stadion ist das nichts für Kinder. Da ist alles zu aggressiv, auch zwischen den Fangruppen.”
Während er sich einen Platz zwischen den weniger als 60 Leverkusen-Fans sucht, räumt Bianka im Büro der Mitarbeiterversorgung dicke Pullover für die Kollegen aus Kisten. Auf einem Tischchen stehen Donuts, belegte Brötchen und Thermoskannen mit Kaffee und Tee bereit. Bianka erwartet, wie immer bei den Spielen der Damen-Mannschaft, einen eher ruhigen Fußballabend. "Bei den Frauen ist es nicht so laut wie bei den Männern", sagt die herzliche Brandenburgerin, während sie weiter schwungvoll Kisten öffnet. "Da kommt ein ganz anderes Publikum, bunt gemischt, viele haben ihre Kinder dabei." Nur die Ordner, erzählt sie lachend, hätten an diesen Spieltagen oft Mühe, den Müttern zu erklären, dass sie Thermoskannen oder Brotdosen nicht mit ins Stadion nehmen dürfen.
Marcel, Dauerkarten-Besitzer und Unionfan, den obligatorischen roten Fanschal um den Hals gewickelt, ist mit seinem Kumpel Torsten gekommen, der freimütig zugibt, dass er für Leverkusen fiebert. Für Marcel kein Problem. "Bei den Frauen ist das Publikum nicht so Assi", sagt er. "Hier fühlt man keinen Hass gegen andere Menschen, nur weil sie eine andere Mannschaft supporten." Sportlich sieht er kaum noch Unterschiede. "Der Frauenfußball hat sich unglaublich entwickelt, der ist viel schneller und athletischer geworden. Für mich, der ich Fußball liebe, ist es mittlerweile völlig egal, ob da Frauen oder Männer auf dem Platz stehen."
Zuschauerzahlen und Einschaltquoten im Frauenfußball steigen
Laut einer Umfrage des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) sehen das immer mehr Menschen in Deutschland so. Von 40 Millionen Fußballinteressierten geben inzwischen 19 Millionen an, sich für die Spiele von Männern und Frauen zu interessieren. Dementsprechend sind auch die TV-Einschaltquoten gestiegen: 2023/24 um 62 Prozent im Vergleich zur Vorsaison. Allein das Duell um die Meisterschaft zwischen dem VfL Wolfsburg und dem FC Bayern München sahen 2,04 Millionen Zuschauer live in der ARD. Auch die Frauen-EM im vergangenen Sommer, bei der die deutschen Frauen im Halbfinale ausschieden, erzielte Top-Quoten.
„Der Frauenfußball kann die am schnellsten wachsende Sportart der kommenden zehn Jahre werden.“
Folglich wittern DFB und Vereine die Chance, künftig auch mit Frauenfußball Kasse zu machen - und investieren zunehmend in Training, Marketing und Nachwuchs: Gaben 2020 nur 18 Prozent der Klubs an, Geld in den Frauenfußball zu stecken, waren es fünf Jahre später 49 Prozent.
"Der Frauenfußball kann die am schnellsten wachsende Sportart der kommenden zehn Jahre werden", heißt es bei der Sportmarketing-Agentur Two Circles, die gemeinsam mit dem DFB eine Studie zu den wirtschaftlichen Perspektiven des Frauenfußballs durchgeführt hat. Ihr zufolge könnte der kommerzielle Wert der Frauen-Bundesliga bis zur Saison 2031/32 von 20 Millionen Euro auf 130 Millionen Euro pro Saison steigen, die durchschnittliche Live-TV-Reichweite um ein Fünffaches.
Viele Fans fürchten zunehmende Kommerzialisierung des Frauenfußballs
Eine Entwicklung, die "Erftling" Wolli mit gemischten Gefühlen beobachtet. "Ich weiß nicht, ob das für den Frauenfußball wirklich gut ist. Klar müssen die Spielerinnen mehr Geld verdienen für das, was sie leisten. Aber ich hab' auch Angst, dass mit mehr Kommerz das besondere Flair, das den Frauenfußball ausmacht, kaputt geht", sagt er nachdenklich.
Ob es so kommt und vor allem wie, ist allerdings ungewiss. Erst vor drei Monaten gründeten die 14 Erstligaklubs zur Überraschung des DFB ihren eigenen Frauen-Bundesligaverband, die FBL. Ihr machte der DFB das Angebot, eine gemeinsame Tochtergesellschaft zu gründen, um Vermarktung, Kommerzialisierung und Infrastruktur anzukurbeln. Doch die FBL ließ die Muskeln spielen und lehnte vorerst ab. Die Klubs wollen zentrale Entscheidungen nicht dem DFB überlassen, und auch die vom DFB angekündigten Investitionen - hundert Millionen Euro in acht Jahren - überzeugten die FBL offenbar nicht. Die Vereine wollen im selben Zeitraum 300 bis 700 Millionen Euro in die Entwicklung der Frauenliga investieren.
Auf den Rängen der Alten Försterei herrscht auch ohne Trommler gute Laune
Während der Streit um Geld und Einfluss in die Fortsetzung geht, läuft der Spielbetrieb weiter. Im Stadion An der Alten Försterei kämpfen die Spielerinnen, angespornt von Fanchören aus vor Kälte dampfenden Mündern, 92 Minuten lang um jeden Punkt.
Erst schießt Dina Oschmann Union in der 36. Minute per Kopfball in Führung, dann drehen die Leverkusenerinnen in der zweiten Halbzeit das Spiel. Ein Freistoß von Vanessa Fudalla bringt den Ausgleich, in der zweiten Minute der Nachspielzeit flankt Kristin Kogel den Siegtreffer ins Tor, obwohl Leverkusen nach einer roten Karte inzwischen in Unterzahl spielt.
Auch die Frauenmannschaft des 1. FC Union Berlin trägt seine Heimspiele im Stadion an der Alten Försterei aus. Der Verein feierte im Winter sein 60-jähriges Gründungsjubiläum.
"Die spielen besser als die Kerle!", ruft eine ältere Dame ihren beiden Begleiterinnen begeistert zu - wie sich später herausstellt, gehören Helene, Paula und Erna zur Familie von Leverkusen-Trainer Roberto Pätzold. Trotz der Minusgrade feiern sie und die anderen 6.000 Fans beide Mannschaften bis weit nach Abpfiff. Pyrotechnik, Trommlergruppen und Ultras scheint hier niemand zu vermissen.
Es geht auch ohne Pyrotechnik und Ultras
Auch Wolli ist überglücklich. Nicht nur, weil seine Mannschaft als Sieger vom Platz geht, sondern auch wegen der vielen Leute, die er während des Spiels kennengelernt hat. "Auch Union-Fans", betont er. Dann schwärmt er von der Leistung der Spielerinnen: "Ich ziehe meinen Hut vor dem, was die an Kraft aufbringen - und das bei minus fünf Grad."
Während die Teams Interviews und Autogramme geben, holt Wolli sein Plakat vom Zaun und rollt es für das nächste Spiel ein. Bisher, sagt er, sei er oft der Einzige, der mit seiner Tröte im Fanblock Stimmung mache. "Vor allem bei Auswärtsspielen. Aber das werden mehr, darum kümmere ich mich", verspricht er. Und verschwindet zufrieden lächelnd in die eisige Berliner Nacht.
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