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Stephan Mayer im Interview : "Pyrotechnik hat in den Stadien nichts verloren"

Der Sportpolitiker sagt, der Fußballspielbesuch sollte ein Erlebnis für jedermann sein. Von Spekulationen über einen Boykott der Fußball-WM hält er überhaupt nichts.

11.03.2026
True 2026-03-13T14:29:10.3600Z
7 Min

Herr Mayer, sind Sie ein Fußballexperte? 

Stephan Mayer: Als Experten würde ich mich nun nicht gleich bezeichnen, aber fußballbegeistert bin ich schon. Ich bin insgesamt sehr sportbegeistert. Es gibt schließlich viele sehr hoch attraktive Sportarten im Winter- wie im Sommersport. Unstrittig ist aber, dass König Fußball die Sportart Nummer 1 in Deutschland ist

Warum glauben Sie, ist das so? Was macht für Sie den Reiz des Fußballs aus?

Stephan Mayer: Zum einen ist die Atmosphäre in Fußballstadien, in großen wie in kleinen Stadien, besonders. Dazu ist Fußball ein Teamsport, bei dem es immer mal zu großen Überraschungen kommen kann. An einem guten Tag kann eine individuell schwächer besetzte Mannschaft mit starkem Willen und Teamgeist auch mal eine Mannschaft schlagen, die eigentlich deutlich stärker ist. Es ist also ein Mix an unterschiedlichen Aspekten, der den Fußball so besonders macht.

Foto: picture alliance/dpa/Sebastian Gollnow

Der Besuch eines Fußballspiels soll ein Erlebnis für jedermann sein. Auch für Familien und für ältere Leute, sagt der Sportpolitiker der Unionsfraktion.

Sie haben die Stimmung in den Stadien angesprochen. In den drei deutschen Profiligen ist die Hütte meist voll. Für die Stimmung sorgen vor allem die Ultras in den Fankurven mit ihren Choreografien und Gesängen. Teile von ihnen fallen aber auch immer mal wieder durch Gewalt und Randale auf... 

Stephan Mayer: Für die tolle Stimmung in den Stadien sind vor allem die Fanclubs im positiven Sinne mitverantwortlich. Das gilt es erstmal festzuhalten. Eine Grenze ist aber dann überschritten, wenn es gewalttätige Auseinandersetzungen gibt - mit den Ordnungskräften oder anderen Fans. Auch diffamierende Fangesänge gegen den Gegner oder einzelne Spieler braucht es meiner Meinung nach nicht. Was überhaupt nicht geht, ist der Einsatz von Pyrotechnik. Der Besuch eines Fußballspiels soll ein Erlebnis für jedermann sein. Auch für Familien und für ältere Leute. Die bekommen – zurecht – aber eine Heidenangst, wenn Pyrotechnik abgefackelt wird. Das hat in den Stadien nichts verloren. 

Obwohl verboten kommen sogenannte Bengalos und andere Pyrotechnik immer wieder hinein. Sind die Kontrollen zu lasch?

Stephan Mayer: Ich würde das nicht für alle 36 DFL-Klubs verallgemeinern, aber einige von ihnen haben da mit Sicherheit ihre Hausaufgaben nicht gemacht. Teilweise wird auch den Ultragruppierungen zu viel Raum gelassen. Das Gewaltmonopol liegt beim Staat – auch in und vor den Fußballstadien. Das müssen auch diejenigen akzeptieren, die sich schon von der puren Anwesenheit der Polizei provoziert fühlen. 

Stichwort Polizei: Die Fußballspiele werden zumeist durch ein Großaufgebot an Polizei abgesichert. Die Kosten dafür trägt die Allgemeinheit. Richtig so?

Stephan Mayer: In erster Linie ist das natürlich ein Länderthema, weil die Landespolizeien die Spiele absichern. Ich habe daher da auch sehr viel Verständnis für die klare Haltung der Innenministerkonferenz gegenüber der DFL und den Vereinen, wenn es darum geht, beim Thema Sicherheit in und um die Stadien klarere Vorgaben zu machen. Fußball soll ein Erlebnis für jedermann sein und vor allem ein gewaltfreier Raum sein. 


„Mit guter Nachwuchsarbeit und der richtigen Personalpolitik sind auch deutsche Vereine auf europäischer Ebene konkurrenzfähig.“
Stephan Mayer (CSU)

Bleiben wir bei den Kosten. Das Land Bremen hat ja gerichtlich erstritten, die Kosten für eine erforderliche zusätzliche Bereitstellung von Polizeikräften bei sogenannten Hochrisikospielen der DFL und damit den Vereinen in Rechnung stellen zu können. Dem Bremer Vorbild ist aber bislang noch kein anderes Bundesland gefolgt. Wie sehen Sie das?

Stephan Mayer: Ich halte nichts davon, die Vereine mit derartigen Kostenbescheiden zu belasten. Man muss ja auch sehen, dass die Profivereine in erheblicher Weise auch Steuer- und Abgabenzahler sind. Die DFL zahlt im Jahr 1,7 Milliarden Euro etwa an Steuern und Sozialabgaben. Das gilt es natürlich auch mitzuberücksichtigen. 

Wenn wir beim Geld sind, müssen wir auch auf die 50+1-Regelung schauen, die verhindern soll, dass externe Investoren die Stimmhoheit über einen Klub erhalten. Die organisierte Fanszene will die Regelung unbedingt erhalten. Andere, wie etwa Bayern Münchens Ex-Manager Uli Hoeneß, fordern die Abschaffung, damit die deutschen Klubs sich finanziell besser aufstellen und international konkurrenzfähig bleiben können. Wo stehen Sie in dieser Frage? 

Stephan Mayer: Obwohl ich seit Kindesbeinen schon FC Bayern-Fan bin, halte ich in diesem Fall ausnahmsweise von dem Argument der fehlenden Konkurrenzfähigkeit nichts. Mit guter Nachwuchsarbeit und der richtigen Personalpolitik sind auch deutsche Vereine auf europäischer Ebene konkurrenzfähig. 

Unstrittig ist aber doch, dass die Kommerzialisierung im Fußball immer weiter voranschreitet. Ein beklagenswerter Zustand? 

Stephan Mayer: Da muss man differenzieren. Fußball ist nun mal ein Geschäft. Die Vereine in der 1. und der 2. Bundesliga funktionieren wie Wirtschaftsunternehmen, die über Sponsoring, den Ticketverkauf oder auch Merchandising Einnahmen generieren müssen. Nur dann können sie ihre Spieler bezahlen. 

…und zwar mit teilweise obszönen Gehältern…

Stephan Mayer: Das stimmt und ich empfinde dies auch als ungerecht gegenüber Spitzenathleten in anderen Sportarten. Aber der Profifußball folgt den Gesetzen des Marktes. Da hat die Politik keinen Einfluss drauf. Zum Glück, wie ich finden. Es wäre schlimm, wenn wir jetzt die Fußballgehälter regulieren würden. Wer es aber mit der Kommerzialisierung des Fußballs übertreibt, ist die FIFA. Aktuellstes Beispiel ist die im vergangenen Jahr erstmals stattgefundene Club-WM mitten in der Sommerpause. Das Turnier hat ja auch nicht gerade für große Begeisterung bei den Fans gesorgt, wie die Quoten zeigen. Ich gehe mal davon aus, dass das bei der richtigen WM in diesem Jahr anders ist. 

Foto: DBT / Inga Haar
Stephan Mayer
Stephan Mayer ist seit 2002 Mitglied des Deutschen Bundestages und aktuell sportpolitischer Sprecher der Unionsfraktion. Von 2018 bis 2021 war der CSU-Politiker als Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesinnenministerium für den Sport zuständig.
Foto: DBT / Inga Haar

Sprechen wir über die anstehende Weltmeisterschaft. Nach Russland 2018 und Katar 2022 sind nun demokratische Staaten die Ausrichter. Mit Blick auf die Entwicklung der USA unter Präsident Donald Trump sprechen dennoch die ersten wieder von einem möglichen Boykott. Was halten Sie davon?

Stephan Mayer: Gar nichts. Ich bin froh, dass sich das deutsche Team so klar qualifiziert hat. Die Mannschaft von Julian Nagelsmann hat eine ganz gute Perspektive, nicht nur die Vorrunde erfolgreich zu überstehen, sondern im Turnier relativ weit zu kommen. Halbfinale, Finale… wer weiß. Deutschland ist eine Fußball-Nation. Die Bevölkerung ist größtenteils sehr fußballbegeistert und ich möchte den deutschen Fans diese Vorfreude nicht madig machen, indem die Politik jetzt wochenlang über einen möglichen WM-Boykott spekuliert. Zumal die Leidtragenden von Sportboykotten ja immer die Athleten und die Fans sind. Außerdem findet die WM nicht nur in den USA statt, sondern auch in Kanada und in Mexiko. Zwei Länder, mit denen Deutschland sehr eng befreundet und sehr gut verbunden ist. Ich freue mich auf die WM und bin der festen Überzeugung, dass dies ein sehr schönes und freudiges Ereignis wird.

Das – hoffentlich erfolgreiche - Nationalteam rekrutiert sich aus den Profivereinen, deren Basis der Amateurfußball und die dortige Nachwuchsarbeit ist. Über den Grundlagenvertrag unterstützt die DFL den DFB mit jährlich 25 bis 30 Millionen Euro. Ist das ausreichend? 

Stephan Mayer: Ich bin schon der Meinung, dass die DFL ihrer Verantwortung zur Förderung des Amateurfußballs in Deutschland in ausreichender Weise nachkommt. Mit dem Grundlagenvertrag wurde eine ordentliche und vernünftige Basis der Zusammenarbeit und der solidarischen Unterstützung geschaffen. 

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Der Amateurfußball lebt vor allem vom Engagement Ehrenamtlicher. Die klagen über zu viel Bürokratie und zu wenig Anerkennung. Was muss also passieren? 

Stephan Mayer: Die aktuelle Bundesregierung und die sie tragenden Bundestagsfraktionen sind sich der Problematik bewusst. Wir haben nicht nur eine Staatsministerin für Sport und Ehrenamt im Bundeskanzleramt geschaffen, sondern auch den Sportausschuss zum Ausschuss für Sport und Ehrenamt gemacht. 

Das allein hilft den Ehrenamtlichen aber nicht wirklich…

Stephan Mayer: Das wissen wir. Als ersten kleinen Schritt haben wir die Übungsleiterpauschale zum 1. Januar dieses Jahres erhöht. Es wird in Sicherheit noch deutlich größerer, weiterer Schritte bedürfen, was die Regulierung und Entbürokratisierung im Gemeinnützigkeitsrecht, im Zuwendungsrecht, wie auch im Steuerrecht anbelangt. Denn eines ist klar: Die Bereitschaft in der Bevölkerung, sich ehrenamtlich zu engagieren, ist nach wie vor ausgesprochen groß. Wenn es aber die Angst gibt, als Schatzmeister eines Vereins, überzogen formuliert mit einem Bein im Gefängnis zu stehen, weil die Haftungsregelungen so hoch sind, ist das ein Problem, das wir angehen müssen und mit dem Zukunftspakt Ehrenamt auch angehen werden. 

Der DFB hat ja unlängst eine Strukturreform beim Kinderfußball eingeleitet. Weniger Leistungsdruck und mehr Spaß für die Kinder ist das Ziel. Kleinere Teams sollen dazu führen, dass die Kinder öfter an den Ball kommen. Einige neue Spielformen sehen vier kleine Tore auf einem Feld vor. Gleichzeitig werden die klassischen Meisterschaftsrunden mit Auf- und Abstieg abgeschafft. Wie bewerten Sie die Veränderungen?

Stephan Mayer: Ich sehe es als notwendig an, in der heutigen Zeit, auch gerade im Kinder- und im Jugendfußball, Spielformen anzubieten, die es allen ermöglichen, integraler Bestandteil des Spiels und der Mannschaft zu sein. In der Vergangenheit war es viel zu oft so, dass die Schwächeren in der Mannschaft am Spielfeldrand standen und vielleicht mal darauf hoffen durften, in den letzten Minuten, wenn das Spiel schon entschieden ist, eingewechselt zu werden. So etwas demotiviert. Auf der anderen Seite darf aber auch der Leistungsgedanke im Kinder- und Jugendfußball nicht verloren gehen. Es ist nun mal im Fußball so, dass am Ende das Team gewinnt, das mehr Tore schießt.

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