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Das Bürgergeld soll bald Geschichte sein. Janine Proll, Eric Steinmann und Jacqueline Gür (von links) berichten über ihre Erfahrungen aus der Praxis.

Zwischen Aktenbergen und Hoffnungsfunken : Von Mut, Perspektiven und Quereinstiegen

Das Bürgergeld soll reformiert werden. Zwei Mitarbeiterinnen in einem Berliner Jobcenter und ein Arbeitssuchender berichten über beide Seiten des Schreibtischs.

16.01.2026
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9 Min

Anfang der 2000er Jahre baute die Bundesregierung unter Kanzler Gerhard Schröder (SPD) mit der "Agenda 2010" das System der sozialen Mindestsicherung (Arbeitslosengeld II/Hartz IV) und Arbeitsvermittlung um. Die Bedingungen für den Bezug dieser Leistungen wurden verschärft, es entstand aber auch ein großer Niedriglohnsektor, auf den der Gesetzgeber dann wiederum mit dem gesetzlichen Mindestlohn reagierte. 

Seitdem tobt eine Diskussion über Zumutbarkeitsregeln und die Höhe der monatlichen Leistungen. Mit dem "Bürgergeld" machte die Ampel-Regierung 2022 eine Kehrtwende, Sanktionen wurden abgemildert und die Vermittlung in Arbeit um jeden Preis durch den Fokus auf Qualifizierung abgelöst. Seitdem sagen die Kritiker, Arbeit würde sich nicht mehr lohnen. Schwarz-Rot plant nun erneute eine Reform: Das Bürgergeld soll durch das Grundsicherungsgeld abgelöst werden. Doch welche Erfahrungen machen die Menschen mit dem Bürgergeld, sowohl als Jobcenter-Mitarbeiter als auch als Arbeitslose? Drei von ihnen berichten.

Jacqueline Gür: Ohne Empathie könnte ich nicht im Jobcenter arbeiten

Ich zahle das Bürgergeld aus, sitze also in der Leistungsabteilung des Jobcenters Berlin Mitte. Dazu braucht man neben dem Zahlenverständnis vor allem: Empathie. Zu mir kommen Leute, wenn sie Sorgen haben. Solch ein Gang fällt manchen schwer. Es geht ja um Grundbedürfnisse ihres Lebens, die sie allein oft nicht erfüllen können. Ich begegne ihnen auf gleicher Augenhöhe, versuche anfangs die Situation vielleicht mit einem Witz aufzulockern. Denn ich liebe meinen Beruf, weil ich anderen Menschen helfen kann. Ich bin gelernte Bürokauffrau, und als ich erfuhr, dass die Agentur für Arbeit Stellen ausschreibt, habe ich mich sofort beworben, denn wir sind hier für Menschen in Notsituationen da.

Die Menschen kommen zu mir, wenn zum Beispiel Geld nicht ausgezahlt wurde, wenn sie Mietschulden haben oder eine andere Wohnung brauchen. Gerade bei letzterem kann ich ihnen leider kaum Hoffnung machen, der Wohnungsmarkt in Berlin ist sehr angespannt. Ich gehe dann mit den Kunden ihre Akten durch und kontrolliere, ob sie vielleicht Mitwirkungspflichten verletzt haben und deshalb kein Geld an sie ging. Meine Erfahrung ist: Wenn man sich mit den Menschen hinsetzt, die Probleme anspricht und gemeinsam mit ihnen strukturiert vorgeht, sind sie sehr dankbar und kooperationsbereit. Es geht darum, gemeinsam mit ihnen den Blick nach vorn zu richten. Zum Beispiel bespreche ich oft die Möglichkeit einer Schuldnerberatung.

Viele finden den Weg allein nicht mehr raus

Zuweilen wundert mich, wie in Deutschland über Arbeitslosigkeit gesprochen wird. Da heißt es dann, der Staat sei zu großzügig, und die Bürgergeldempfänger müsse man härter rannehmen - von wegen soziale Hängematte. Aber: Was ich in meinem Alltag sehe, ist etwas anderes.


Jacqueline Gür im Portrait
Foto: Jan Rübel
„Die Menschen müssen qualifiziert werden. Das geht nicht zum Nulltarif.“
Jacqueline Gür

Bei den allermeisten Bürgergeldempfängern ist es nicht so, dass sie nicht arbeiten wollen. Im Gegenteil. Aber viele sind in die Situation reingeschlittert und finden den Weg nicht mehr heraus. So etwas kann auch krank machen oder Erkrankungen verstärken. Denn wenn man erstmal in solch einem Trott drin ist, steigt der Druck auf einen selbst. Und der Frust. Es geht also mehr ums Können und nicht ums Wollen.

Psychische Probleme sind noch zu oft ein Tabu

Mein Beruf besteht darin, die Menschen zu begleiten und in ihren Möglichkeiten zu bestärken, einen Job zu finden. Oft bemerke ich auf den zweiten Blick psychische Probleme. Nur weil man gesundheitlich fit aussieht, muss man es nicht sein. Aber das sind Tabuthemen, über die viel zu wenig gesprochen wird; dabei wirken sich psychische Erkrankungen auf die Arbeitsfähigkeit und die Arbeitssuche aus. 

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Ich finde auch, dass 563 Euro im Monat nicht wirklich viel Geld sind. Ich hätte große Schwierigkeiten, damit auszukommen! Klar, wir sollen kein Leben in Saus und Braus ermöglichen, sondern wir sind eine Stütze. Aber oft höre ich von Außenstehenden, dass die Arbeitslosen so viel Geld kriegen würden. Ich kann zum Beispiel Politiker nur dazu einladen, einmal einen Monat von 563 Euro zu leben. Oder sie können hier einen Tag bei mir Praktikum machen - dann sehen sie die Menschen und ihre Schicksale, über die sie sprechen. Und sie sehen den bürokratischen Aufwand, den wir betreiben müssen. Ich denke, da ließe sich einiges vereinfachen. Für eine Sache muss ich zuweilen drei Bescheide erlassen; das müsste nicht sein.

Eine Aufgabe sehe ich darin, das Selbstwertgefühl der Menschen zu stärken. Oft brauchen sie jemanden, bei dem sie ihre Gedanken um ihre Not ausschütten können. Die Gespräche, die ich mit meinen Kunden führe, sind oft sehr emotional. Und nicht selten weinen sie auch. Daher leuchtet mir auch nicht ein, wo da jetzt so viel eingespart werden soll. Die Leute müssen doch qualifiziert werden, und das geht nicht zum Nulltarif. Bei den Regelleistungen sehe ich auch kaum Spielraum. Ich finde eher, sie sollten leicht nach oben angepasst werden - denn allein die Inflation lässt Menschen mit wenig Geld besonders leiden; sie geben überdurchschnittlich viel ihres Einkommens für Lebensmittel aus, deren Preise besonders gestiegen sind.


Eric Steinmann: Ich suche eine Arbeit mit Perspektive

Seit zwei Jahren bin ich arbeitslos und suche intensiv nach einem Job, um meine Familie zu ernähren. Meine Erfahrung ist, dass die allermeisten Leute, denen ich auf den Fluren im Jobcenter und anderen Behörden begegne, arbeiten wollen - sie wollen weg vom Bürgergeld und suchen einen Weg nach vorn. Der ist nur schwieriger, als manche von außen betrachtet sich das vorstellen.

Ich habe immer gearbeitet, in der DDR war ich Facharbeiter der Elektromechanik, habe dann in verschiedenen Berufen gearbeitet, darunter ein paar Jahre als Türsteher einer Diskothek. Dann bin ich in die Sicherheitsbranche gewechselt und habe 22 Jahre lang dort gearbeitet, mich hochgedient vom Sicherheitsmitarbeiter zum Qualitätsmanager, dann zum Personalchef, Teamleiter und Bereichsleiter. Unser Spezialgebiet war die Sicherung von Großveranstaltungen.

Auch wegen meines Alters will ich einen Neustart

Es kam zum Bruch, als mir eine 22-Jährige als Diensthöhere vorgesetzt wurde; es klappte nicht zwischen uns, da zog ich mich zurück und gab Aufgaben ab. Vor zwei Jahren war ich 54 und habe mir grundsätzlich Gedanken über meine berufliche Zukunft gemacht. Denn der Sicherheitsjob wird risikoreicher. Ich habe zwei kleine Kinder, und ich merke, dass die Aggressivität stark zunimmt, dass neben Feuerwehrleuten und Rettungssanitätern auch Sicherheitsmitarbeiter immer öfter attackiert werden. Ich bin nun aber nicht mehr der Jüngste. Zeit also, dass ich mich umorientiere.

Auch ist die Bezahlung nicht großartig. Meine Frau arbeitet als Verkäuferin im Supermarkt und verdient mehr - und dies bei geregelten Arbeitszeiten, was in der Security kaum der Fall ist. Immer muss man auf Abruf sein.


Eric Steinmann im Portrait
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„Meine Sachbearbeiterin kniet sich rein. Es ist ein Umgang auf Augenhöhe.“
Eric Steinmann

Beim Jobcenter in Berlin Pankow habe ich mich von Beginn an gut aufgehoben und ernst genommen gefühlt. Die Sachbearbeiterin überhäufte mich mit Angeboten in der Elektronik - aber da habe ich seit 1990 nicht mehr gearbeitet, bin nicht qualifiziert genug. Im Sicherheitsbereich könnte ich jederzeit anfangen, arbeite auch noch im Minijob. Aber ich weiß, dass ich da raus muss.

Gerade den Bereich der Haustechnik kann ich mir gut vorstellen. Bei meinen Bewerbungen musste ich aber feststellen, dass viele Jobs so schlecht bezahlt werden, dass ich als Aufstocker im Bürgergeld bleiben würde: Das ist nicht, was ich mir vorstelle. Ich will ja weg von der Unterstützung. Ich verstehe nicht, warum der Staat es zugelassen hat, dass es so viele prekäre Beschäftigung gibt, bei der der Staat auch noch draufzahlt. Es ist auch eine Frage der Würde. 

Bei anderen Bewerbungen kam ich zu spät, bei einer Stelle wurde mir gesagt, es sei eigentlich nur Treppenreinigen. Ich nehme mir aber das Recht zu sagen: Das will ich nicht, ich möchte eine Arbeit, die mich persönlich halbwegs ausfüllt. Wenn Politiker dann sagen, wer arbeitslos sei, solle auf jeden Fall irgendwas machen, plappern sie unerfahren daher. Würden sie so etwas tun? Man muss ja auch schauen, dass eine Beschäftigung eine Perspektive hat.

Über die politische Debatte kann ich nur bitter lächeln

Aktuell habe ich Aussicht auf eine Arbeit im Krankentransport. Das würde ich sofort machen, wir sind uns auch schon einig. Nur warte ich noch auf die Erstellung des Personenbeförderungsscheins, den ich dafür brauche. Abends kann ich manchmal nicht einschlafen aus Sorge, denn vor 20 Jahren wurde mir einmal der Führerschein abgenommen. Daran war ich schuld, und das wurmt mich. Ich hoffe, dass mir diese Chance jetzt nicht vermasselt wird.

Den Umgang mit meiner Sachbearbeiterin finde ich würdevoll, sie kniet sich rein und begegnet mir auf Augenhöhe; dadurch fühle ich mich nicht als Bürger zweiter Klasse.

Grundsätzlich habe ich den Eindruck, dass Arbeitslose als Sündenböcke herhalten. All diese Debatten, dass das Bürgergeld zusammengestrichen werden soll - darüber kann ich nur bitter lächeln. Natürlich muss bei den Leuten in der "sozialen Hängematte" genauer hingeschaut werden. Aber es wird so getan, als könne der Staat da so viel Geld einsparen. Das stimmt schlicht nicht, bei uns gibt es kaum etwas zu holen. Daher wünsche ich mir mehr Respekt.


Janine Proll: Ich habe den Quereinstieg nie bereut

Seit 2013 arbeite ich im Jobcenter Berlin Neukölln in der Arbeitsvermittlung, und eine Sache sage ich meinen Kunden immer wieder: Bewerbt euch weiter, gebt nicht auf - es wird der Tag X kommen, da wird am anderen Ende des Tisches jemand sitzen und sagen, "Ich nehme Sie". Denn meine Erfahrung aus diesen Jahren sagt mir, dass es so ist.

Ich liebe meinen Beruf. Ich arbeite mit Menschen, kommuniziere gern, und mein Job ist gespickt mit kleinen Erfolgserlebnissen. Denn im Gegensatz zu manchen Vorstellungen von außen ist meine Arbeit nicht grau oder kalt, nicht bürokratisch und frustrierend.

Dass jemand bei der Arbeitsvermittlung wirklich nicht will, habe ich persönlich noch nicht erlebt. Es wird diese Menschen geben, aber es ist nach meinem Gefühl eine geringe Anzahl. Daher verstehe ich kaum, warum in der Öffentlichkeit so viel über sie geredet wird. Ich vermute, man sucht Sündenböcke. Aber wirklich lösungsorientiert finde ich das nicht. Ja, es kommt vor, dass Kunden eine bestimmte Arbeit nicht aufnehmen können: Wenn die Gesundheit oder die Wohnsituation es nicht zulassen, wenn familiäre Probleme bestehen oder eine Suchtproblematik. Bei den Terminen denke ich mich in die Arbeitslosen hinein, mache mit ihnen eine Stärkenanalyse und erarbeite Ziele. Das geht mal ganz fix, und mal dauert es eben etwas länger.

Bei der Arbeitsvermittlung gehört viel Psychologie dazu

Die Erfahrung von Arbeitslosigkeit habe ich auch selbst gemacht. Ich habe Pädagogik studiert und bei den Staatlichen Museen in Berlin gearbeitet. Allerdings war der Vertrag befristet. Ich war gerade mit meinem zweiten Kind schwanger und habe nach einer Arbeit gesucht, in die ich mein Studium einbringen kann. Schon an der Uni gefiel mir besonders die Lebenslaufforschung. Also bewarb ich mich als Quereinsteigerin. Mein Mann ging dann in Elternzeit. Es war ein Sprung ins kalte Wasser. Bereut habe ich ihn nicht, im Gegenteil.


Janine Proll im Portrait
Foto: Jan Rübel
„Ich denke mich in die Arbeitslosen hinein und analysiere Stärken und Ziele.“
Janine Proll

Ein bisschen Psychologie ist auch Teil meines Jobs. Denn oft erhalten meine Kunden auf ihre Bewerbungen nicht einmal eine Antwort. Das müssen sie aushalten. Ich finde, dass Arbeitgeber in Deutschland zu wenig mit den Bewerbern reden. Es läuft vieles über Papier, man ist auf Zertifikate fokussiert. In einem direkten Gespräch aber könnten sie vielleicht herausfinden, dass die Person doch geeignet ist und gut passt. Ich sage den Menschen, die eine Arbeit suchen, auch: Setzt euch eine Zeitschiene. Wenn es mit einem bestimmten Beruf nicht klappt, braucht es einen Plan B.

Seit 2024 arbeite ich in einem Team, das sich speziell um ukrainische Geflüchtete kümmert und um Geflüchtete aus acht anderen Herkunftsländern. Auch hier ist meine Erfahrung: Der Großteil ist hochmotiviert und will sich eine Perspektive in Deutschland aufbauen. Sie wollen nicht in der Unterkunft herumsitzen und nichts tun - das belastet ja auch mental. Sie wollen raus, richtig wohnen und richtig arbeiten. Manche haben ihre eigenen Vorstellungen, wo wir dann sagen müssen, dass sie sich erstmal umorientieren müssen. Zum Beispiel kann ein Jurist aus der Ukraine nicht einfach als Jurist hier anfangen, denn das ist ein Beruf mit einem besonderen Anerkennungsverfahren.

Der Tag X kommt früher oder später

Ähnlich ist es auch in Gesundheitsberufen. Ich hatte neulich eine Physiotherapeutin aus der Ukraine, die gern sofort in ihrem Beruf hier eingestiegen wäre. Es gibt auch den Bedarf nach Fachkräften. Nur müsste sie nochmal ganz von vorn anfangen und ihre Ausbildung im Grunde wiederholen. In diesem Fall verstehe ich das nicht, da sollte meiner Meinung nach konkreter auf die jeweilige Qualifizierung geschaut werden. Die Frau hat dann als Assistenz in einem Therapiezentrum begonnen. Also nicht direkt in ihrem ursprünglichen Beruf, aber so kriegt sie einen Fuß in den deutschen Arbeitsmarkt.

Meine Aufgabe besteht letztendlich zum Großteil darin, all meinen Kunden immer wieder Mut zuzusprechen und sie auf den Tag X hinzuweisen, der früher oder später kommen wird.

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