Parlamentarisches Profil : Die Ernsthafte: Cansin Köktürk
Statt bei Bürgergeldempfängern zu sparen, müsse man mehr in Arbeitsvermittlung und soziale Arbeit investieren, findet die Bochumer Linken-Abgeordnete Cansin Köktürk.
Wer ein Bundestagsmandat anstrebt, begründet das oft mit dem Willen, Verantwortung zu übernehmen, mitzumachen und irgendwie auch kreativ zu sein. Bei Cansin Köktürk ist das etwas anders. "Für mich war die Wahl in das Bundesparlament 2025 kein Karriereschritt, sondern weil es notwendig war, aufgrund meiner Praxiserfahrung."
Köktürk arbeitete in einer Wohngruppe für minderjährige Geflüchtete
Köktürk schaut ernst, wenn sie über ihre Arbeit spricht. Manchmal nur huscht ein Lächeln entlang ihrer Wangen und deutet an, dass für Köktürk (32), Abgeordnete der Linken aus Bochum, die Tätigkeit in der Legislative der Republik einem Spaßbadbesuch kaum nahekommt. Denn ihre Arbeit davor knüpfte dort an, wo, wie sie sagt, Politik versagt.
Cansin Köktürk wurde 2025 in den Bundestag gewählt. Sie ist Obfrau im Ausschuss für Arbeit und Soziales sowie stellvertretendes Mitglied im Ausschuss für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend.
"Ich habe in den vergangenen zehn Jahren viel mit Menschen gearbeitet, die Bürgergeld beziehen", erklärt sie. "In der Zeit bin ich niemandem begegnet, der meinte: 'Ich lebe gern davon.'" Köktürk hat Soziale Arbeit studiert, arbeitete in einer Wohngruppe für minderjährige Geflüchtete und leitete schließlich eine Unterkunft. "Es war eine Flüchtlingsunterkunft, die sich auch zur Notunterkunft entwickelte - wo ich sowohl Obdachlose als auch psychisch- und suchtkranke Menschen betreut habe."
Und weil sie dort viel Ungerechtigkeit sah, ist sie nun in Berlin und versucht, die Politik zu verändern. Im Zentrum ihrer Arbeit in dieser Woche: die erste Lesung zur Reform des Bürgergeldes, das bald Grundsicherung heißen soll. "Da ist im Bundestag vieles verlogen", bilanziert sie hart. Ständig werde von Sozialbetrug gesprochen. “Ich habe die Bundesregierung um Zahlen gebeten - als Antwort erhielt ich, dass es diese nicht gebe. Aber ständig so reden kann man offensichtlich.”
Debatten über die neue Grundsicherung gehen für sie an der Realität vorbei
Ihrer Einschätzung nach geht die aktuelle Debatte an den Realitäten vorbei. "Man müsste stattdessen viel mehr investieren, und zwar in Arbeitsvermittlung und in soziale Arbeit." Immer werde von Politikern suggeriert, da würden massenhaft Sozialgelder an Arbeitsunwillige verschwendet.
"Es macht den Menschen aber keinen Spaß, die seitenlangen Anträge auszufüllen, stundenlang in Behördenfluren zu warten und dann die Erniedrigung zu spüren." Bundesweit 15.000 Totalverweigerer, sagt sie, würden dieses Narrativ nicht rechtfertigen. “Es ist komplett an der Realität vorbei!”
„Man müsste viel mehr investieren, und zwar in Arbeitsvermittlung und in soziale Arbeit.“
Früh bemerkte sie durch ihre Familiengeschichte die Hürden dieser Gesellschaft. Die Großeltern kamen als sogenannte Gastarbeiter ins Land. Ihre Eltern machten noch in der Türkei ihr Abitur und zogen nach.
Köktürk erlebte Rassismus im Alltag und erfuhr als pflegende Angehörige, wie rasch Menschen in Armut fallen können: "Als ich 20 war, erlitt meine Mutter eine Hirnblutung. Mein Vater und ich pflegten sie, konnten uns das durch unsere Jobs gut aufteilen. Andere Menschen in anderen Lagen sind dann gleich aufgeschmissen." Damals lernte Köktürk Krankenhäuser und Rehazentren kennen, den Personalnotstand und die schlechte Bezahlung dort. "Hätten wir sie nicht gepflegt, wäre sie verstorben."
Die Bochumerin macht weiterhin Sozialberatung im Wahlkreis
In ihrer Jugend trat Köktürk der Linkspartei bei, verließ sie aber wegen der Politik Sahra Wagenknechts. Wechselte zu den Grünen, störte sich dann am Kompromiss zur Reform der EU-Außengrenzen und am Ja zur Braunkohleräumung des Dorfes Lützerath. "Die Grünen denken nicht sozial genug", sagt sie. "Bei den Linken machen wir auch Klimaschutz - aber sozial gerecht."
Wagenknecht war weg, der Kreisverband am Boden und Köktürk trat wieder bei den Linken ein. Dann kam der Endspurt im Wahlkampf und das starke Ergebnis. Seitdem hat sie die Sozialarbeit gegen ein Berliner Büro eingetauscht. "Ich mache aber noch ehrenamtlich Sozialberatung im Wahlkreis." Eine Mitarbeiterin öffnet die Tür, rollt mit den Augen, Köktürk muss ins Plenum, sie hat eine Anfrage zu Kinderarmut gestellt.
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