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Jens Lehmann im Interview : "So viele Medaillen wie möglich"

Der CDU-Sportpolitiker und Olympiasieger Jens Lehmann sieht in der Neuaufstellung der Spitzensportförderung die Chance, wieder erfolgreicher zu sein.

22.05.2026
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5 Min

Herr Lehmann, die Bundesregierung will die Förderung des Spitzensports forcieren. Ist Erfolg eine Frage des Geldes?

Jens Lehmann: Jein. Man sagt im Allgemeinen, Geld schießt keine Tore. Und Geld ist auch kein alleiniger Garant für Erfolg. Aber wenn wir im internationalen Vergleich mehr Erfolg haben wollen, brauchen wir adäquate Mittel. Wichtig ist, dass es ausreichend Mittel sind und dass sie zielgerecht angewandt werden.

Im Koalitionsvertrag hat die Bundesregierung vereinbart, einen echten "Paradigmenwechsel" in der Spitzensportförderung zu vollziehen - dies auch vor dem Hintergrund der laufenden Bewerbung für Olympische und Paralympische Spiele in Deutschland. Woran hat es denn in der Vergangenheit gehapert?

Jens Lehmann: Ehrlich gesagt gab es zu viele Köche und keine klare Zielsetzung.

Foto: DBT / Marc Beckmann

Jens Lehmann ist seit 2017 Mitglied des Deutschen Bundestages und stellvertretender Vorsitzender im Ausschuss für Sport und Ehrenamt. Der Olympiasieger von 1992 und 2000 und frühere Bahnrad-Weltmeister vertritt im Bundestag den Wahlkreis Leipzig I.

Was sollte Ihrer Meinung nach die Zielsetzung sein?

Jens Lehmann: Seit 35 Jahren geht es für uns im Medaillenspiegel bergab. Mein Ziel als Jens Lehmann ist, so viele olympische Medaillen wie möglich zu gewinnen. Das ist meine Haltung, die ich vertrete, seit ich im Bundestag bin. Und wenn man das will, muss man einen Weg finden, wie man das macht.

Wie könnte der aussehen?

Jens Lehmann: Man könnte sich bei der Förderung zum Beispiel besonders auf die vielversprechendsten Athletinnen und Athleten und Sportarten konzentrieren. Andere Länder wie Großbritannien, Frankreich, Australien gehen einen ähnlichen Weg. Man kann aber auch etwas ganz anderes wollen, man könnte zum Beispiel das Ziel verfolgen, alle gleich zu fördern. Man kann aber nicht beides haben, alle gleich zu fördern und im Medaillenspiegel nach vorne zu kommen, das geht nicht.

Die Bundesregierung will als Kernelement der Reform eine unabhängige Spitzensport-Agentur gründen. Was versprechen Sie sich von ihr?

Jens Lehmann: Die Agentur soll unabhängig und einzig dem großen Ziel verpflichtet sein, wieder erfolgreicher zu werden. Sie soll die Spitzensportförderung insgesamt neu aufstellen und sie kriterien- und datenbasiert machen. Hinter allem steht der Wille, den Leistungsgedanken in den Vordergrund aller Entscheidungen zu stellen. Das kann den Kader betreffen, Standortfragen oder auch den Kontakt zu Trainern und Trainerinnen. Ich bin sehr froh, dass es das jetzt gibt und klar priorisiert wird, was man will.


„Je schlanker dieses Gremium ist, umso effektiver ist es. Jetzt hat man auf neun erhöht.“
Jens Lehmann (CDU)

Bedroht das nicht die Autonomie des Sports?

Jens Lehmann: Natürlich ist der deutsche Sport autonom, aber ich glaube, steuern muss das eine Agentur, die das geschäftsmäßig professionell betreibt und auch nicht mehr oder weniger nach rechts und links und allen möglichen subjektiven Dingen guckt, sondern die reine Lehre so gut wie möglich vertritt.

Anders als ursprünglich geplant erhält der Deutsche Sport-Bund (DOSB) jetzt drei Sitze im nun neun- statt fünfköpfigen Stiftungsrat. Außerdem soll er ein Vetorecht bei der Besetzung der Vorstandsposten erhalten. Besteht damit nicht die Gefahr, dass er erneut massiv Einfluss auf die Verteilung der Fördermittel nehmen kann?

Jens Lehmann: Alles ist im Fluss. Jetzt ist erstmal das parlamentarische Verfahren eröffnet. Ursprünglich waren fünf Sitze im Stiftungsrat geplant, was ich persönlich ausreichend fand. Je schlanker dieses Gremium ist, umso effektiver ist es. Jetzt hat man auf neun erhöht. Ich hoffe, das war die letzte Erhöhung.

Keinen Sitz im Stiftungsrat hat aktuell die Athletenvertretung. Sollte da im parlamentarischen Verfahren nachgebessert werden?

Jens Lehmann: Mein oberstes Ziel ist, dass der Stiftungsrat nicht noch größer wird, und ganz wichtig ist, dass die beiden Geschäftsführer unabhängig, fachlich exzellent und druckresistent sind, um Priorisierungen durchzusetzen, die nicht jedem gefallen werden.

Sollten die Athleten, sollte der Behindertensport und andere Akteure vertreten sein?

Jens Lehmann: Ja, unbedingt. Aber ich würde dafür plädieren, dass der DOSB dies innerhalb seiner drei Sitze regelt.


„Ich persönlich bin der Überzeugung, dass dieser ganze Föderalismus nicht unbedingt übermäßig hilfreich ist.“
Jens Lehmann (CDU)

Wir haben jetzt viel über die Förderung des Leistungssports gesprochen. Aber was ist mit dem Breitensport? Wäre es nicht - auch mit Blick auf den Talentnachwuchs - sinnvoll, auch ihn stärker zu fördern?

Jens Lehmann: Das ist extrem wichtig. Die Spitzensportler und -sportlerinnen kommen ja alle irgendwo her, die fangen nicht als Olympiasieger an, sondern meistens in Verein und werden dann im besten Falle erfolgreich. Dafür ist die Infrastruktur wichtig.

Apropos: Das Geld für die Infrastruktur scheint nur bedingt anzukommen. So bleiben Turnhallen marode, Schwimmbäder müssen schließen. Übungsleiter arbeiten meist ehrenamtlich. Ist hier nicht eine Professionalisierung nötig und damit auch mehr Geld?

Jens Lehmann: Ich persönlich bin der Überzeugung, dass dieser ganze Föderalismus nicht unbedingt übermäßig hilfreich ist. Ich bin Stadtrat in Leipzig, ich beschließe in Berlin Gesetze - aber weiß nicht, wie ich in Leipzig meinen Leuten erklären soll, wie man das bezahlt. Und das ist immer ein bisschen schwierig. Aber so ist es. Der Bund ist halt für den Spitzensport zuständig und das Land und die Kommunen für den Nachwuchs und den Breitensport.

Für die Athletinnen und Athleten rücken, zunehmend auch persönliche, familiäre und Fragen sozialer Sicherheit in den Vordergrund, nicht zuletzt die, wie es nach der sportlichen Karriere weitergehen soll. Spielen diese Fragen ebenfalls eine Rolle in dem Reformkonzept zur Leistungssportförderung?

Jens Lehmann: Da ist heute mehr Augenmerk drauf als es früher der Fall war. Die duale Karriere zum Beispiel ist wichtig. Auch in der Spitzensportreform wird das diskutiert und findet dort Widerhall. Aber ich glaube, es gibt zwei Knackpunkte. Der eine ist der Übergang von der Schule zur Berufsausbildung oder zum Studium, wo uns viele Athleten verloren gehen, weil die natürlich in dem Moment überlegen und sich fragen, was ihnen am wichtigsten ist. Da muss stärker auf die Bedingungen im Sportalltag eingegangen werden.

Und der zweite?

Jens Lehmann: Der betrifft den Übergang vom Leistungssport ins zivile Leben. Da gibt es oft einen Bruch, weil viele im relativ fortgeschrittenen Alter, also ab 30 Jahren, entweder noch keine Berufsausbildung beziehungsweise keine Berufserfahrung haben. Es bräuchte eine Möglichkeit ähnlich wie bei der Bundeswehr, die für Zeitsoldaten mit ihrem eigenen Berufsförderungsdienst eine berufliche Entwicklung bis zu drei Jahre lang finanziell unterstützt.

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