Umdenken bei der Spitzensportförderung : Von den Briten lernen
Jahrelang wurde auf sportliche Misserfolge mit der Forderung nach mehr Steuergeld reagiert. Jetzt ist die Erkenntnis gereift, dass es echte Strukturreformen braucht.
Es geht um viel Geld. Rund 350 Millionen Euro stehen im Jahr 2026 im Haushaltsplan des Bundeskanzleramtes für die Spitzensportförderung zur Verfügung. Gefördert werden unter anderem Bundessportfachverbände, Olympiastützpunkte, Trainerstellen, Trainingszentren, sportwissenschaftliche Einrichtungen und die direkte Athletenförderung. Addiert man weitere Posten dazu - im Etat des Bundesinnenministeriums, des Verteidigungsministeriums und des Finanzministeriums für die Bereitstellung von Ausbildung und Jobs für deutsche Spitzensportlerinnen und Spitzensportler bei der Bundeswehr, der Bundespolizei und beim Zoll oder im Etat des Bauministeriums für den Sportstättenbau - kommt man auf knapp eine Milliarde Euro pro Jahr.
Der Deutschland-Achter ist das Flaggschiff des Deutschen Ruderverbandes, hier bei der Vorstellung der neuen Mannschaft am 21. Mai auf dem Dortmund-Ems-Kanal am Olympiastützpunkt NRW/Westfalen. Ob und inwieweit sich die Anzahl der Stützpunkte im Rahmen der aktuellen Reform verändert, ist derzeit noch unklar.
Und dennoch lässt die Medaillenbilanz bei Olympischen Spielen zu wünschen übrig. Bei den Olympischen Sommerspielen 1992 in Barcelona gewann die deutsche Mannschaft 33 Gold-, 21 Silber- und 28 Bronzemedaillen, was am Ende für Platz drei in der inoffiziellen Mannschaftswertung reichte. Bei den letzten Sommerspielen 2024 in Paris waren es noch zwölf goldene, 13 silberne und acht bronzene Medaillen - machte Platz zehn.
Medaillenpotenzial als Kriterium für Fördergelder war nur mäßig erfolgreich
Sicher, der Vergleich mit Barcelona 1992 hinkt - der damalige Erfolg fußte auch auf dem DDR-Leistungssportsystem mit allen seinen dunklen Facetten. Gleichwohl hat sich spätestens seit dem schwachen Abschneiden bei den Spielen von London im Jahre 2012 die Erkenntnis bei Politik und organisiertem Sport durchgesetzt: So geht es nicht weiter. In der Folge wurden mehr Haushaltsmittel locker gemacht, aber auch Reformen andiskutiert und beschlossen - Stichwort Potenzialanalysesystem (PotAS).
Anhand von festen Kriterien sollten in einem mathematischen Verfahren die Medaillenpotenziale von Sportarten ermittelt und zum Hauptkriterium für die Verteilung der Fördergelder werden. So richtig funktioniert hat das nicht. Bereits 2018 attestierte der Bundesrechnungshof dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) eine mangelnde Umsetzung der Vorgaben für die damalige Spitzensportreform. Die PotAS-Ergebnisse seien nur "sehr begrenzt" in die Verteilung der Fördermittel eingeflossen, hieß es.
Widerstand gegen die Schließung von Olympiastützpunkten
Wobei auch klar ist: Eine möglichst breite Förderung war lange Zeit politisch gewollt. Was wiederum mit der föderalen Struktur der Bundesrepublik zu tun hat. Jeder will ein Stück vom Kuchen abhaben. In allen Regionen soll es Spitzensportstrukturen geben. 13 Olympiastützpunkte mit 17 Standorten gibt es aktuell über ganz Deutschland verteilt. Dazu kommen vier Bundesleistungszentren.
„Wir brauchen Investitionen in die erfolgversprechenden Sportarten, in denen wir stark sind, um dort stark zu bleiben.“
Erst vor wenigen Wochen hatte der ehemalige Degenfechter, späterer Gründungspräsident der unabhängigen Athletenvereinigung Athleten Deutschland und jetzige Vorstand bei der Stiftung Deutsche Sporthilfe, Max Hartung, im Sportausschuss des Bundestages Kritik daran angemeldet.
Er habe den Eindruck, so Hartung seinerzeit, es gebe bei allen Akteuren Konsens darüber, "dass wir an zu vielen Standorten mit zu vielen Athletinnen und Athleten versuchen, exzellent Sport zu treiben".
Künftig soll gezielt in die Stärken investiert werden
Zu dieser Erkenntnis zu gelangen ist das eine - Olympiastützpunkte zu schließen, um zu einer Konzentration zu gelangen, das andere. Zwar ist es in der Vergangenheit durchaus gelungen, Stützpunkte organisatorisch zusammenzulegen - aber bei Erhalt der bisherigen Standorte. Eine Konzentration der Mittel erscheint somit kaum möglich. Bürgermeister, Landräte und auch Ministerpräsidenten geben ihre Olympiastützpunkte ungern her. Schließlich sind Prestige, Arbeitsplätze und Fördergelder damit verbunden.
Was die Breite der Förderung angeht, so ist inzwischen auch beim DOSB ein Umdenken zu erkennen. Olaf Tabor, DOSB-Vorstand für Leistungssport, hatte unlängst bei einer Rückschau auf die Winterspiele von Mailand und Cortina in diesem Jahr im Sportausschuss gesagt, man wolle künftig stärker dort fördern, wo man schon stark sei. Mit Blick auf den großen Erfolg in der Eisbahn, wo 73 Prozent der deutschen Medaillen gewonnen wurden, sprach er von einer Medaillendomäne, die auch eine solche bleiben solle. "Wir brauchen Investitionen in die erfolgversprechenden Sportarten, in denen wir stark sind, um dort stark zu bleiben."
Zusammensetzung des Stiftungsrates ist noch offen
Allem Anschein nach wird der DOSB solche Förderentscheidungen künftig nicht mehr treffen können. Kommt das neue Sportfördergesetz, obliegen die Entscheidungen, welcher Verband welche finanziellen Mittel aus dem Steuersäckel erhält, der unabhängigen Spitzensport-Agentur, die - anders als vom DOSB vorgeschlagen - nicht unter dem Dach des Sportverbandes angesiedelt wird.
Doch das vorliegende Gesetz sichert dem DOSB mehr Einfluss zu als ursprünglich geplant war - und zwar über den Stiftungsrat der Agentur. Statt fünf Mitglieder - einer davon vom DOSB - gibt es nun neun Mitglieder, wovon drei zum organisierten Sport gehören. Noch wichtiger aber: Dem Vernehmen nach hat der DOSB ein Vetorecht bei der Wahl der beiden Agenturvorstände, die eigenständig über die Mittelvergabe entscheiden. Wie letztlich die Zusammensetzung aussieht und wer welche Rechte hat, wird sich nach Abschluss des parlamentarischen Verfahrens zeigen. Schließlich gibt es auch noch den kaum zu überhörenden Ruf nach einen Stiftungsratssitz für die Athletenvertretung.
Mögliche Olympiabewerbung bei der Förderreform im Blick
Dass nun gerade jetzt Bewegung in die Spitzensportförderung kommt, hat auch mit der Olympiabewerbung Deutschlands für die Sommerspiele 2036, 2040 oder 2044 zu tun. Bekanntermaßen haben sämtliche Ausrichternationen der letzten fünf Olympischen Sommer- wie auch Winterspiele ihre Medaillenausbeute ausweiten können. Darauf hofft auch die deutsche Sportpolitik und der organisierte Sport. Wissend, dass allein der Heimvorteil den Erfolg nicht garantiert. Und so wird gern der Blick nach Großbritannien gerichtet, wo nach den enttäuschenden Olympischen Spielen von Atlanta 1996 das Fördersystem grundlegend reformiert wurde, was die Basis für die noch immer anhaltenden Erfolge - auch bei den Heimspielen 2012 - war.
Die Briten haben nicht nur mehr Geld in das System gepumpt. Sie haben Leistungsprinzipien gestärkt und Sportarten mit hoher Medaillenwahrscheinlichkeit zu Lasten anderer Sportarten stärker gefördert. Und sie haben mit UK Sport eine Spitzensport-Agentur geschaffen, die Fördergelder verwaltet und eigenständig über ihre Aufteilung entscheidet. Von Großbritannien zu lernen, könnte also bedeuten, siegen zu lernen.
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