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Frauen im Krieg und Militär : Das kämpfende Geschlecht

Die Historikerin Karen Hagemann zeichnet in "Vergessene Soldatinnen" den Einsatz von Frauen im Militär seit dem 15. Jahrhundert nach.

27.03.2026
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4 Min

Das Urteil des Europäischen Gerichtshofs vom 11. Januar 2000 leitete ohne Zweifel einen Epochenwechsel in der deutschen Militärgeschichte ein: Die Richter erklärten das in Artikel 12 des Grundgesetzes verankerte Verbot für einen Dienst von Frauen an der Waffe als unvereinbar mit der EU-Richtlinie zur beruflichen Gleichstellung von Mann und Frau. Auch wenn die Politik das Urteil anfänglich nur widerwillig umsetzte und Frauen den Dienst über den Sanitätsdienst und die Militärmusik hinaus auch in den Kampftruppen öffnete, will und kann die Bundeswehr heute nicht mehr auf Frauen verzichten. Zu groß ist nach Aussetzung der Wehrpflicht im Jahr 2011 und den neuen verteidigungspolitischen Entwicklungen seit der russischen Aggression gegen die Ukraine der Bedarf an Freiwilligen.

Krieg und Militär galten als Sphäre von Männlichkeit

Das EuGH-Urteil von 2000 stellt aber auch einen kulturhistorischen Bruch dar. Über die Jahrtausende wurden Militär und Krieg als eine rein männliche Sphäre angesehen. Das archetypische Geschlechterkonstrukt wies Männern die Aufgabe zu, Heimat und Familie zu verteidigen. Frauen hingegen seien naturbedingt mütterlich und fürsorglich und zum Kämpfen und Töten nicht fähig. Bis zur Öffnung fast aller modernen Armeen für Frauen herrschte dieses immer wieder reproduzierte Bild vor: Männer kämpfen, Frauen sind im Krieg allenfalls menschlicher Kollateralschaden infolge von Plünderungen, Vergewaltigungen oder Bombenangriffen.

Foto: picture-alliance/ Fotoarchiv für Zeitgeschichte/Archiv / akg-images

Flakhelferinnen der Wehrmacht bedienen einen Scheinwerfer (l.) und Soldatinnen der Roten Armee trainieren das Schießen (r.).

Die Historikerin Karen Hagemann zeigt in ihrem mehr als 1.000 Seiten umfassenden Monumentalwerk "Vergessene Soldatinnen", dass Frauen in er Vergangenheit entgegen allen patriarchalen Vorstellungen sehr wohl in unmittelbarer Nähe zu oder auf den Schlachtfeldern im Dienst des Militärs standen. Hagemann ist eine ausgewiesene Expertin, seit gut 30 Jahren forscht, lehrt und publiziert sie zu Militär, Krieg und Geschlecht.

Ein wenig missverständlich ist der Titel ihres Buches allerdings, denn weibliche und auch kämpfende Soldaten tauchen von früheren Ausnahmen abgesehen vor allem im Zweiten Weltkrieg auf. Im 17. Jahrhundert, hier setzt Hagemanns hervorragende Darstellung ein, bilden Frauen den sogenannten Tross der europäischen Söldnerarmeen, der gut die gleiche Stärke erreichen konnte wie die Streitmächte selbst. Frauen kommen vor allem jene Aufgaben zu, die in modernen Armee der Logistik zufallen. Sie waschen, kochen, pflegen Verwundete. In vielen Fällen sind es die Frauen und Geliebten der Soldaten. Oder sie verdingen sich als Prostituierte.

Hunderttausende Frauen trugen die Wehrmachtsuniform

Ab dem 18. Jahrhundert werden Frauen zunehmend aus den Heeren verdrängt, die mobiler werden sollen. Aber sie geben sich mitunter auch als Männer aus und kämpfen in der Truppe. Ihre Zahl dürfte deutlich größer gewesen sein, als lange vermutet. Einige wenige erlangen nach ihrer Entdeckung gar eine geradezu heldische Verehrung als jungfräuliche und tapfere Heldinnen nach dem Vorbild von Jeanne d'Arc.

Im 19. Jahrhundert spielen Frauen als Krankenschwestern und Ärztinnen eine immer wichtigere Rolle bei der Versorgung der Verwundeten. Im Ersten und vor allem im Zweiten Weltkrieg werden Frauen im verstärkten Maße zu hunderttausenden für den Militärdienst rekrutiert: Sie arbeiten im Sanitätswesen, als Helferinnen im Fernmeldewesen, bei der Luftraumüberwachung und der Flugabwehr oder als Fahrerinnen. Der Kampfeinsatz mit der Waffe allerdings bleibt den Frauen in den westlichen Armeen versagt.


Karen Hagemann:
'Vergessene Soldatinnen.
Frauen im Militär und in den Kriegen Europas seit 1600.
Suhrkamp,
Berlin 2026;
1055 S., 48,00 €


Auch in der deutschen Wehrmacht ziehen hunderttausende Frauen die Uniform an: Entgegen der nationalsozialistischen Propaganda, die Frauen eine Rolle in Heim und am Herd zuweist, dienen sie als Flakhelferinnen - oder als die zweideutig bezeichneten "Blitzmädel".

Auslöser für diese Entwicklung ist schlicht und ergreifend der Mangel an Männern in den verlustreichen Kämpfen. Hagemann zeigt beispielsweise anhand von Rekrutierungsplakaten, welche Rolle Frauen zugesprochen wird. Sie sollen Männer in jenen Bereichen des Militärs ersetzen, in denen sie verzichtbar sind, um sie für die Front freistellen zu können.

Scharfschützinnen und Jagdpilotinnen in der Roten Armee waren der Schrecken der Wehrmacht

Eine Ausnahme ist hingegen die Rote Armee der Sowjetunion. Entsprechend des sozialistischen Anspruchs einer gleichberechtigten Gesellschaft kämpfen Frauen dort als reguläre Soldatinnen. Vor allem als Scharfschützinnen, Jagd- und Bomberpilotinnen machen sie sich zum Schrecken der Wehrmacht einen Namen.

Hagemann zeichnet die Lebenswege der Frauen in Uniform vor allem anhand von Selbstzeugnissen wie Briefen und nach dem Krieg publizierten Erinnerungen nach. Auffällig ist, wie ähnlich sich die Motivationen und Erfahrungen der Frauen in den unterschiedlichen, männlich geprägten Armeen sind. Und so dringend Frauen während des Kriegs gebraucht wurden, so vehement wurden sie trotz ihrer erfolgreichen Einsätze nach dem Krieg in West und Ost auch wieder aus den Streitkräften herausgedrängt. Aktuell braucht man sie wieder.

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