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Aufstieg und Fall von Nationen : Die Mechanik des Fortschritts

Der Wirtschaftswissenschaftler Carl Benedikt Frey untersucht in seinem neuen Buch den Zusammenhang zwischen technischen Innovationen und ökonomischem Wohlstand.

07.05.2026
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3 Min

Schon immer hat Historiker und Wirtschaftswissenschaftler die Frage interessiert, warum Nationen scheitern, wie Macht und Wohlstand entstehen, wodurch Reichtum zerrinnt und Armut wächst. In den letzten Jahren konzentrierte sich der Fokus dieser Analysen vornehmlich auf den Einfluss von Technologie und Fortschritt auf das Ansehen und den Einfluss von Staaten, auf deren Aufstieg oder Niedergang. 

Der amerikanische Ökonom Daron Acemoglu hatte zuletzt zusammen mit seinem MIT-Kollegen Simon Johnson das "1.000-jährige Ringen um Technologie und Wohlstand" untersucht und davor gewarnt, dass die Tech-Giganten aus dem Silicon Valley zu einer Gefahr für Demokratie und allgemeine Prosperität werden könnten.

Frey sucht nach Regelmäßigkeiten und Mustern für Entwicklung und Stagnation

Auch der schwedisch-deutsche Wirtschaftswissenschaftler Carl Benedikt Frey, der sich vor allem mit der Zukunft der Arbeit befasst, blickt weit zurück in die Geschichte von Zivilisation und Wandel, von ökonomischem Fortschritt und technologischen Innovationen. Er will Muster erkennen und Regelmäßigkeiten von Entwicklung oder Stagnation identifizieren, um Prognosen darüber zu wagen, wie sich die Welt in den kommenden Jahrzehnten verändern wird.

Foto: picture alliance / CFOTO

Technischer Fortschritt: Ein humanoider Robert spielt im April dieses Jahres Tischtennis auf der Global Unicorn Innovation Exhibition in der chinesischen Stadt Hangzhou.

Die Glühbirne und die Elektrifizierung, die Eisenbahn und das Automobil, der Computer und die Künstliche Intelligenz - das sind nur die letzten Stationen auf dem Weg des Autors durch die vergangen Jahrhunderte mit ihren unterschiedlichen Etappen von Industrialisierung und Automatisierung, von historischen Schlüsselmomenten, die zuweilen über das Schicksal ganzer Nationen entschieden.

Dabei verhilft uns Frey besonders durch seine scharfsinnige Analyse von Wirtschaftssystemen, staatlicher Verwaltung und gesellschaftlichen Formationen zu neuen Erkenntnissen darüber, worauf Wandel und Wohlstand von Ländern beruhen, weshalb es zu Wachstum, Stillstand oder gar Rückschritt kommt. Für den Professor aus Oxford hängt technologischer Fortschritt von verschiedenen Faktoren ab - von geografischen Bedingungen und natürlichen Ressourcen, von der Kultur und den menschlichen Mentalitäten, von institutionellen - man könnte auch sagen: politischen - Voraussetzungen wie Gesetzen und Vorschriften.

Dezentrale Entwicklung von Wissenschaft, Handwerk und Technik

Maßgeblich für die Entwicklung von Staaten seien vor allem eine dezentrale Bürokratie sowie kompetente Behörden und flächendeckende Bildungseinrichtungen, die zusammen das bilden, was Frey als "Mechanik des Fortschritts" bezeichnet.

Für den technologischen Fortschritt, der als Basis von gesellschaftlicher Entwicklung und wirtschaftlichem Wachstum maßgeblich ist, erweist sich nach Ansicht des Ökonomen das "grundlegende Spannungsverhältnis in der Menschheitsgeschichte" als entscheidend, nämlich die Frage, auf welche Sozialstrukturen und kulturellen Voraussetzungen technologische Innovationen treffen. Für Frey schält sich in der Rückschau auf die letzten 1.000 Jahre heraus, dass neue Technologien zunächst dezentral entwickelt, ab einem bestimmten Reifegrad aber zentral gemanagt werden müssen.

Diese Dynamik weist der Autor für unterschiedliche Regionen (Russland, China, Japan, Amerika, Europa) und Epochen nach. So ergab sich erst aus dem Zerfall des Römischen Reiches für die europäischen Königshäuser und Fürstentümer die Chance, Wissenschaft, Handwerk und Technik dezentral zu organisieren, um Wachstum und Wohlstand zu erzielen.


Carl Benedikt Frey:
Wie Fortschritt endet.
Technologie, Innovation und das Schicksal der Nationen.
Campus,
Frankfurt/M., 2026;
584 S., 34,00 €


Aufschlussreich ist auch Freys Blick in die jüngere Vergangenheit. In der Mitte des 20. Jahrhunderts schien es Experten durchaus möglich, dass die damals noch existierende Sowjetunion - beflügelt von ihren Pionierleistungen bei der Eroberung des Weltraums - die USA als technologische Weltmacht Nr. 1 ablösen könnte. Auch den Japanern wurde seinerzeit zugetraut, diese Position mittelfristig zu erobern.

Verlierer und Verluste blendet der Autor weitgehend aus

In beiden Fällen ist nichts daraus geworden. Frey erklärt Gründe und Umstände sehr plausibel. Deshalb ist Vorsicht geboten, wenn aktuell von einem technologischen Zweikampf zwischen den Vereinigten Staaten und China um die technologische Vorherrschaft auf dem Globus die Rede ist. Der Brite sieht beide Länder - allen aktuellen Meldungen über deren Riesenvorsprung auf dem Zukunftsfeld der Künstlichen Intelligenz zum Trotz - eher auf dem Weg in die Stagnation.

Etwas mehr kritische Distanz zu marktliberalen Konzepten und den Tech-Oligarchen aus Kalifornien oder China hätte dem Autor sicher gut getan. Überhaupt kommt Carl Benedikt Frey mit einem vorwiegend technokratischen Fortschrittsbegriff daher.

Dass Wachstum und Wohlstand, besonders in jüngerer Zeit, mit dauerhaften ökologischen Schäden verbunden sind, wird ebenso stiefmütterlich behandelt wie die wachsende Sorge, dass technologischer Fortschritt immer mehr Verlierer und Verluste produziert, zunehmende Ungleichheit bei Einkommen, Vermögen und Beteiligung. Fortschritt galt früher als Verheißung, heute wird er vielfach als Bedrohung empfunden.

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